Die Geschichten, die Riad mir beim Kaffeetrinken erzählt, sind gleichermaßen erstaunlich und absurd. Es fällt mir schwer, ihm zu glauben. Er sagt, er wäre Palästinenser. Angeblich ist er in West-Berlin geboren. Seine Mutter ist Deutsche, der Vater Jordanier. Er selbst hat einen jordanischen und einen deutschen Pass, mehrere Geschäfte in Jerusalem und etliche Hektar Land in Argentinien.
Einmal hat er eine Frau in seinem Kofferraum aus Ost-Berlin herausgeschmuggelt. Man hat an der Grenze auf ihn geschossen. Seine militärische Ausbildung will er allerdings auch in der DDR erhalten haben. Die Israelis haben ihn schon mehrmals eingesperrt. Er liebt die Freiheit und ist aus diesem Grunde nicht verheiratet. Trotzdem wartet in Hamburg eine Frau namens Monika auf ihn, die unbedingt seine Frau werden will. Nächste Woche fliegt er nach Hamburg, um ihr diese Idee wieder auszureden.
Heute früh haben Israelis auf dem Dach seines Ladens eine israelische Fahne gehisst, und er hat sie wieder heruntergerissen. Nun will er bleiben und den Laden beschützen. Riad vermutet, die Juden wollen Ärger machen, weil ein paar Tage zuvor in einer israelischen Siedlung ein Jude von einem Palästinenser erschossen wurde. Er hat jedoch eine einfache Erklärung für diesen Vorfall: Wahrscheinlich hatte der Jude zuvor einem Palästinenser etwas getan.
Ich möchte auch einmal etwas sagen und gebe zu bedenken, dass er das doch gar nicht wissen kann. Aber meine Zweifel werden mit einer Armbewegung abgetan.
“Wie alt bist du eigentlich?” Riad ist weniger an meiner Meinung, dafür an meinem Alter interessiert. Inzwischen ist er dazu übergegangen, mich zu duzen. “Fünfundvierzig.” Er sieht enttäuscht aus, fängt sich aber schnell wieder.
“Ich hätte dich jünger geschätzt. Aber macht nichts. Was hältst du davon, wenn wir beide heute Abend einen Spaziergang machen? Wir gehen auf den Scopusberg und ich zeige dir den Felsendom und Jerusalem bei Nacht.”
Es kostet mich einige Mühe, ihn davon zu überzeugen, dass ich erstens bereits verabredet bin, und dass ich zweitens keine Lust habe, mit ihm spazieren zu gehen. Ich muss ihm versprechen, am nächsten Tag wenigstens auf einen Kaffee vorbeizukommen.
Als ich endlich wieder auf der Straße stehe, blendet mich das Licht. Ich sehe eine Gruppe orthodoxer Juden, die von Soldaten begleitet wird. Riad hat eine gute Idee: “Du brauchst nur hinter ihnen herzulaufen, dann kommst du direkt zur Klagemauer. Da wolltest du doch hin, oder?”
Die Gruppe ist ziemlich schnell, ich habe einige Mühe, mit ihnen Schritt zu halten. Irgendwann lese ich rechts von mir ein Straßenschild. Via Dolorosa. Der Leidensweg Christi. Über diese Steine hat er das schwere Kreuz getragen. Ich fühle mich trotzdem nicht besonders heilig. Stattdessen spüre ich eine diffuse Angst in mir aufsteigen. Ich finde es plötzlich ziemlich leichtsinnig von mir, einer Gruppe Juden hinterher zu laufen, die von Soldaten bewacht wird. Sollte jemand zufällig einen Anschlag auf diese Gruppe geplant haben, dann wäre ich auch unter den Opfern. Ich werde langsamer und bleibe nur noch in Sichtweite. Trotzdem klopft mein Herz.
Ich versuche mir vorzustellen, was es für die Menschen bedeutet, die mit dieser ständigen Bedrohung leben müssen. Wie es wohl ist, wenn man täglich damit rechnen muss, erschossen oder von einem Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt zu werden. Ich würde mich wahrscheinlich zu Hause einschließen. Aber genau das tun die Menschen nicht. Im Gegenteil. Alle sind unterwegs: Juden und Araber. Von welcher Gruppe soll ich mich also fernhalten?
Es gibt nicht nur militante Palästinenser, es war ein jüdischer Rechtsextremist, der vor drei Jahren Yitzhak Rabin ermordet hat. Araber und Juden sind gleichermaßen gefährdet. Wenn man nirgendwo sicher ist, dann kann man überall hingehen. Erstaunlicherweise beruhigen mich meine Überlegungen.
An einem Kontrollpunkt muss ich meine Tasche öffnen, dann ist es endlich soweit. Ich sehe von weitem die goldene Kuppel des Felsendoms, zu meiner linken die Klagemauer. Auf dem großen Vorplatz bewegen sich die Touristen mit den üblichen Fotoapparaten und Kameras, dazu Juden aller Nationalitäten. Dazwischen immer wieder Soldaten. Junge Männer und Frauen, die ihre Waffen so selbstverständlich tragen wie andere Menschen einen Regenschirm.
Ich setze mich auf eine Treppe und beobachte das Treiben. Ein paar Stufen unter mir macht eine Gruppe Soldaten gerade Mittagspause. Sie lachen und albern herum, und wenn die Gewehre nicht wären, könnte man sie für ganz normale junge Leute halten. So aber erinnert mich die Szene daran, dass es an diesem Platz, an dem Juden, Moslems und Christen dicht beieinander ihrem Glauben nachgehen, keine Normalität gibt.
Eine magere Katze schleicht an mir vorbei. Vorsichtig setzt sie Pfote vor Pfote. Obwohl ich sie locke, kommt sie nicht zu mir. Bestimmt hat sie schon schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht und kann nicht sicher sein, ob ich sie trete oder nicht.
An der Klagemauer gibt es zwei Abteilungen, eine für die Frauen, eine für die Männer. Bei den Männern ist ganz eindeutig mehr los als bei den Frauen. Von weitem und ohne Brille könnte man die Männer in ihren schwarzen Mänteln und schwarzen Hüten für Krähen halten. Es sieht aus, als würden sie sich unentwegt verbeugen. Dabei scheinen sie laut zu sprechen. Einige wirken zornig und recken die Fäuste. Ob sie Gott drohen? Die Frauenseite ist bunter, insgesamt aber ruhiger. Die Frauen bewegen sich sparsamer und erscheinen mir längst nicht so emotional.
Ich kann die rhythmischen Rufe einer Gruppe kleiner Jungen hören. Ein erwachsener Mann ruft laut etwas dazwischen, die kleinen Jungs antworten im Chor. Es ist, als würden sie vor dem Spiel auf den Gewinn ihrer Mannschaft eingeschworen. Hallelujah. Jetzt singen sie auch noch.
Touristen filmen das Geschehen an der Mauer und die Soldaten. Plötzlich fängt es an zu regnen. Ich habe gar nicht gemerkt, wie sich der Himmel immer mehr verdunkelt hat. Die Soldaten verlassen eilig ihren Picknickplatz, und die Männer an der Mauer verbeugen sich noch ein wenig schneller.
Ein schwarz gekleideter Mann in Mantel und Hut ist neben mir aufgetaucht und streckt mir seine Hand entgegen. Offenbar will er mir beim Aufstehen behilflich sein. “Kommen Sie. Sie werden ja ganz nass. Ich zeige Ihnen ein Café ganz in der Nähe. Kommen Sie doch. Sie werden sich erkälten.”
Ehe ich etwas erwidern kann, eilt er schon die Treppen hinauf und zieht mich fast hinter sich her. Das Café liegt hoch über der Altstadt. Man hat einen wunderbaren Blick auf den Felsendom, und wie mein neuer Bekannter mir erklärt, der sich als Shlomo vorgestellt hat, auf das Kidron-Tal und den Ölberg.
Shlomo bestellt mir einen Cappuccino, und nachdem ich die Frage nach meiner Heimatstadt beantwortet habe, beginnt er mir in einem nicht einzudämmenden Redefluss Geschichten zu erzählen.
Er ist siebenundvierzig Jahre alt und unterrichtet die Thora. Da er davon jedoch nicht leben kann, macht er nebenbei Geschäfte. Welcher Art diese sind, darüber lässt er sich nicht näher aus. Mal dieses, mal jenes. Auf alle Fälle haben ihn seine Geschäfte schon nach Frankreich, Deutschland und Holland geführt. Und dabei hat er viele unterschiedliche Menschen kennengelernt. Ihm kann man nichts vormachen. Er kennt alle Tricks und Tücken der menschlichen Seele. Eine Frage hat er dann sogar an mich: “Was glaubst du? Ist Berlin ein gutes Pflaster? Gute Geschäfte?”
Aber bevor ich anfangen kann, ernsthaft über diese Frage nachzudenken, ist er schon beim nächsten Thema.
Shlomo hat keine Schläfenlocken. Er gehört anscheinend nicht zu den ultra-orthodoxen Juden, aber wie er selber sagt, doch zu denen, die es gerne sehen würden, wenn die Thora in Israel Staatsverfassung werden würde.
Mir schwirrt der Kopf. Außerdem stelle ich fest, dass ich überhaupt keine Ahnung von diesem Land habe. Wieso unterstützt die israelische Regierung diejenigen, die ganz offensichtlich gegen den Staat sind, so wie die ultra-orthodoxen Juden? Sie leisten keinen Wehrdienst und leben in ihrem eigenen Stadtteil Mea Shearim teilweise noch wie im Mittelalter. Sie schicken ihre Kinder nicht auf staatliche Schulen und leben oft von Sozialhilfe, da ihnen das Studium der alten Schriften keine Zeit für etwas anderes lässt
Shlomo kann mir diese Fragen auch nicht beantworten. Vielleicht möchte er auch nur nicht mit mir, einer Ausländerin und noch dazu einer Deutschen, darüber diskutieren. Dafür will er es sich auf keinen Fall nehmen lassen, mich zum Cappuccino einzuladen. Er sieht so abgerissen aus, dass viel lieber ich ihm einen Kaffee ausgegeben würde. Ich darf nicht.
Der Mann, bei dem Shlomo bezahlt, grinst mich anzüglich an. Vielleicht ist es eine Art Sport, Frauen an der Klagemauer aufzugabeln und in dieses Café zu bringen. Ein anderer schwarz gekleideter Mann, den Shlomo mir als Moses und befreundeten Thoralehrer vorstellt, ist gerade mit einer jungen Amerikanerin im Schlepptau eingetroffen.