Wenn ich auf meiner Yogamatte liege und in meinen Körper hineinspüre, konzentriere ich mich auf die schmerzenden Bereiche, ohne mir dabei eine Geschichte zu erzählen. Denn ich glaube inzwischen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen meinen Gedanken und den Reaktionen meines Körpers.
Was soll er auch tun, wenn ich ihm immer wieder sage: Das macht mir Probleme. Davon kriege ich Magenschmerzen. Es wird gar nicht besser. Es wird immer schlimmer. Irgendwann werde ich mich gar nicht mehr bewegen können, wenn das so weitergeht. Keiner kann mir wirklich helfen. Mich macht das alles fertig. Ich kriege noch eine Krise. Der Job macht mich fertig. Meine Unentschlossenheit macht mich fertig. Alles ist unangenehm. Alles tut weh. Ich weiß gar nicht, wo eine Stelle ist, die nicht schmerzt.
Und das sind nur Bruchstücke der Anordnungen, Befehle, Zweifel, Ängste und Klagen, die ich im Laufe der letzten Jahre gedacht oder ausgesprochen habe.
Der Körper ist ein guter Diener. Es ist also kein Wunder, wenn er eines Tages die Arbeit verweigert. Er bringt damit nur das zum Ausdruck, was ich ihm unbewusst vorgebe, weil ich es an anderer Stelle nicht fühlen will. Und ich möchte das nicht fühlen, weil etwas in mir glaubt, ich könnte starke Gefühle wie Trauer und Leid vielleicht nicht aushalten.
Aber vielleicht ist es mit den Schmerzen dasselbe wie damals mit der Angst. Darüber habe ich doch schon in Bad Hersfeld nachgedacht. Ich habe damals aufgehört, mich vor dem Schlimmsten, das eintreten könnte, zu fürchten. Das war die Lösung. Die Heilung. Mein möglicher Tod konnte mich nicht mehr erschrecken.
Eines Tages hatte ich mich in das Gefühl der Angst hinein entspannt, habe sie beobachtet. Und irgendwann, beim dritten oder vierten Mal, habe ich entdeckt, dass es sich um eine Form von Energie handelt, die in meinem Herzen, in meinem Körper emporschießt. Die ich lediglich beobachten, wahrnehmen musste, mehr war nicht nötig.
Diese Energie ist immer noch da, aber sie ängstigt mich heute nicht mehr. Und deswegen haben sie mir in Bad Hersfeld in den Abschlussbericht den netten Satz geschrieben: Die Patientin behauptet, sich selbst von ihren Angstzuständen geheilt zu haben.
Die Patientin behauptet das nicht nur, die Patientin hat das getan, ihr Schnösel!
Und wenn ich das damals geschafft habe, dann spricht nichts dagegen, dass es bei den Schmerzen auch funktioniert. Deswegen beobachte ich jetzt nur, was in meinem Körper vor sich geht.
Im Magen ist etwas, das ich „komisches Gefühl“ nennen würde. Ich assoziiere es mit Angst. Ich habe Angst, es könne am Ende doch nicht klappen mit dem Ausstieg aus dem Job. Vielleicht überlegen sie sich das mit der Abfindung wieder anders.
Aber Angst ist eine Interpretation. Ich sollte diese Vorgänge im Magen lediglich wahrnehmen und spüren, ohne sie erklären zu wollen.
Also. Was tut sich im Magen? Dort ist ein Aufruhr.
Schluss mit diesem Quatsch vom Beobachten. Ich habe Angst. Eine Scheißangst. Ich weiß, ich sollte nicht so reden, vielleicht ist es ja nicht nur Angst, vielleicht ist in mir immer noch ein kleines Mädchen eingesperrt. Und vielleicht haften an diesem Wesen Erinnerungsspuren. Dann wären meine Gefühle gar nicht so abwegig.
Sie könnte Angst davor haben, dass das, was sie sich wünscht, nicht eintritt. Weil sie nicht verwöhnt wurde. Weil ihre Träume sich nicht erfüllt haben. Weil sich ihre wirklichen Eltern nicht bei ihr gemeldet haben, weil sie gar nicht vertauscht worden ist.
Und ich, ich habe mich auch nicht um sie gekümmert. Da musste sie stärkere Geschütze auffahren. Panik. Todesangst.
Die Therapeutin in Bad Hersfeld hätte sich vermutlich längst wieder die Ohren zugehalten. Weil es keine Rolle spielt, ob dieses Gefühl von einem inneren kleinen Mädchen verursacht wird, vom lieben Gott oder von ausgeflippten Zellen. Es ist ein Gefühl. Nicht angenehm. Aber ich muss es nicht interpretieren, muss keine Erklärung finden.
Da, in meinem Magen, ist in diesem Augenblick ein Gefühl ist ein Gefühl ist ein Gefühl.
Schon lange ist ein Besuch bei den Freunden in Tauberbischofsheim fällig. Ich kenne die beiden seit fast fünfundzwanzig Jahren, ein ehemaliger Freund hat uns zusammengebracht. Unsere Söhne sind im selben Alter, und auch wenn wir uns heute nur noch jedes zweite Jahr sehen und ich schon lange keinen Kontakt zu diesem Freund mehr habe, ist es bei unseren gegenseitigen Besuchen immer so, als würde ich nach Hause kommen.
Erst recht, wenn Freundin Uschi noch dabei ist, mit der ich seit ebenso vielen Jahren Briefe austausche. Meine Seelenschwester. Der ich mich auf besondere Weise verbunden fühle. Obwohl ich dies doch sonst selten fühle und trotz der fünfhundert Kilometer, die zwischen uns liegen.
Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir beide fleißige Schreiberinnen sind. Allerdings wusste sie im Gegensatz zu mir schon als Kind, dass sie Schriftstellerin werden wollte. Keine Mutter. Keine Krankenschwester. Keine Schauspielerin, so hatte sie es mir einmal in einem Brief geschrieben, und ich habe damals laut lachen müssen.
Um diese klare Vision habe ich sie immer beneidet. Das ist jetzt nicht mehr nötig. Denn während ich immerhin schreibe, findet sie angeblich ihr Thema nicht, fängt einfach nicht an. Auch wenn ich mir den Mund fusselig rede, damit sie schreibt, belässt sie es bei wunderbaren Briefen, und wer weiß, vielleicht ist das sogar klug von ihr.
Zu meinem fünfzigsten Geburtstag hat sie mir unseren bis dahin gesammelten Briefwechsel geschenkt. Gebunden. Das war für mich das allerschönste Geschenk.
In Tauberbischofsheim reden wir, wir hören Musik, machen einen Ausflug nach Würzburg und schauen uns St. Kilian und die Marienburg an, und natürlich werden wir auch kulinarisch aufs Beste versorgt.
Abends sehen wir uns einen Film mit Jack Nicholson und Morgan Freeman an. Zwei ältere Herren, die eine Löffelliste erstellen. Löffelliste, weil man dort aufschreibt, was man alles tun will, bevor man den Löffel abgibt.
Das gefällt uns allen. Ich werde auch eine Löffelliste erstellen. Was will ich in diesem Leben noch erleben?
Ein Buch wollte ich immer schreiben. Das kann abgehakt werden. Ich habe zwei geschrieben, das dritte ist fast fertig. Einmal am Meer leben. Einen Sommer auf dem Land. Mit dem Schiff nach New York fahren. Eigentlich recht überschaubare, nicht völlig absurde Wünsche.
Wenn ich morgens mit heftigen Schmerzen und dunklen Gedanken aufwache, übe ich mich – wenn es mir rechtzeitig einfällt – im Annehmen. Allerdings habe ich schon überlegt, ob „Annehmen“ das richtige Wort ist. Oder ob ich ein neues Wort finden muss für das, was ich tun muss, um ein wenig inneren Frieden in mir zu finden.
Ich muss eigentlich nur beobachten und aufhören, mich gegen das zu wehren, was sich beobachten lässt. Hatte ich diese Erkenntnis nicht gestern schon? Immer wieder vergesse ich.
Ich spüre Schmerzen und will sie nicht spüren. Ich spüre den Knoten im Magen, ich will ihn nicht spüren. Ich bin unglücklich aus verschiedenen Gründen, ich will es nicht spüren. Mir tun der Rücken, die Knie weh, ich will es nicht spüren. Ich mache mir Sorgen um meine Schulden, siebentausend Euro auf meinem Girokonto, ebenso viele sind es auf dem Kreditkartenkonto, aber ich will es nicht spüren. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft. Wohin gehe ich? Was werde ich tun? Werde ich jemals gesund? Ich will es nicht spüren. Ich ärgere mich über eine Freundin, über meine Mutter, ich will es nicht spüren.
Natürlich verhindere ich mit diesem „ich will nicht“ keine Gefühle, natürlich geht es mir mit diesem Dagegensperren nicht besser, natürlich dringen alle Gefühle doch zu mir durch und verstärken sich durch meine Ablehnung. Und trotzdem: Ich will es nicht spüren.
Das geht nicht erst so, seit ich krank bin. Das mache ich schon seit zwanzig oder dreißig Jahren. Vielleicht mein ganzes Leben lang. Dabei bin ich ein äußerst sensibler Mensch. Ich spüre Unangenehmes eher als andere, würde ich behaupten. Ich bin empfindlicher, nehme viel mehr wahr – zu meinem Leidwesen, aber auch zu meiner Freude. Das ist ein Geschenk. Aber ich wehre mich dagegen. Ich will nicht.