Einfach leben (37) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008 – 2012

In Berlin fragt mich Frau Luzie, warum ich in schwierigen Situationen nicht um Beistand bitte. Denn das könnte ich tun, wenn ich nachts mit Ängsten kämpfe.

Aber wer soll mir dann helfen? Gott etwa? Es gibt keinen. Jedenfalls für mich nicht. Es gibt nur das große Unbekannte, aus dem alles entsteht, in dem alles vergeht. Vielleicht könnte man das sogar Gott nennen, ich weiß es nicht.

Sie legt die Stirn in Falten, nennt mich eine Ungläubige. Frau Luzie hatte vor vielen Jahrhunderten ein schwieriges Leben. Das sagte ihr eines Tages ihre Lehrerin, die solche Dinge in den Menschen sehen konnte. Und dieses Leben wirkt bis in die heutige Zeit nach.

Jetzt ist es an mir, die Augenbrauen hochzuziehen. Frau Luzie weiß auch nicht alles. Sie ist eine kluge Frau, aber sie ist eben auch eine Gläubige. Und das Thema Glauben, das hatten wir schon. Ich will nicht glauben, ich will wissen.

Andererseits, warum reagiere ich auf KZ-Filme so aufgeregt? Warum fürchte ich marodierende Banden? Männer, die in Horden in Dörfer einfallen, Frauen misshandeln, foltern, vergewaltigen? Durch Nachdenken werde ich vermutlich keine Antwort auf diese Fragen finden.

„Ihr sollt schreiben“, sagt W. Denn das tun Autoren. Ein Autor schreibt. Sonst ist er kein Autor. Mitte September soll das Drehbuch an die Kollegen verschickt werden. Ob ich das schaffe? Viel Zeit ist nicht mehr. Und ich weiß noch nicht, wie der dritte Akt endet.

Wir sollen beim Schreiben nicht überlegen, ob W. unsere Sachen gut findet, wir sollen nicht daran denken, ob wir gut sind, wie uns die anderen sehen. Unser Job ist einzig und allein das Schreiben.

Ich kann nicht, sagt eine Stimme. Ich möchte lieber noch eine Weile darüber nachdenken. Und dann etwas völlig anderes schreiben. Auch der Titel „Träume sind immer/manchmal groß“ gefällt mir nicht mehr. Dabei ist der Titel das geringste Übel.

Plötzlich ist da wieder diese Angst, ich könnte sterben. Keine Panikattacken wie vor zwanzig Jahren. Man könnte es eher eine große Sorge nennen. Eine mich quälende Ungewissheit, die von Schuldgefühlen begleitet wird. Ich denke an den Tod wie an einen Freund, mit dem ich mich verzankt habe. Er ist da, aber ich weiß nicht, was er gerade treibt.

Täglich sterben Menschen. Warum will ausgerechnet ich bleiben? Wo doch alle gehen müssen. Wunderbare, kreative, liebenswerte Menschen. Menschen, die selber Tausende, vielleicht sogar Millionen anderer Menschen glücklich gemacht haben. Künstler. Wissenschaftler. Mütter. Väter.

Was bedeutet ein Mensch einem anderen? Welche Lücke hinterlässt er? Welche Lücke würde ich hinterlassen?

„Steht nicht an meinem Grab und weint. Ich bin hier nicht.“

Aber wo bin ich, wenn ich tot bin? Ich bin zu viel mit dem Tod beschäftigt. Diese Gedanken müssen aufhören.

Ich kaufe mir eine Kamera und einen Fotoapparat. Das Geld ist ja da. Noch ist es da. Wenn ich so weitermache, ist es bald ausgegeben. Aber das ist doch nur Geld, beruhige ich mich.

Als junges Mädchen habe ich viel fotografiert. Sogar in einer Arbeitsgemeinschaft Fotografie war ich, wo wir lernten, unsere Bilder selber zu entwickeln. Alles schwarzweiß natürlich. Da ich nie ein eigenes Labor hatte, habe ich die technische Seite schnell wieder vergessen. Dann ließ auch das Interesse am Fotografieren nach. Ich wollte das, was ich sah, mit Worten festhalten. Und natürlich gehörte ich nicht zu denen, die andere Menschen mit ihren Urlaubsfotos langweilen. Erst vor ein paar Jahren habe ich die Fotografie als Kunstform entdeckt, seitdem besuche ich Ausstellungen, sehe mir Kataloge an, und plötzlich habe ich wieder Lust, selber zu fotografieren.

Was ich alles möchte. Nicht nur fotografieren will ich, ich möchte auch einen Film machen. Eine Dokumentation. Und dann hätte ich Lust, mit der Kamera Menschen zu interviewen. Damit ich meine kleine handliche Canon bedienen kann, besuche ich einen Wochenendworkshop zum Thema. Ein Interview sollte man mit einer Totalen anfangen. Je intensiver, desto näher dran.

Die Idee ist inzwischen gewachsen: „Ein Buch sucht einen Verlag“. Die Freundin sucht für ihr Buch über ihre Eltern einen Verlag. Diese Suche könnte ich mit der Kamera begleiten.

Außerdem hat der Chef des Mannes wohl gesagt, sie würden immer mal jemanden brauchen, der ihre Veranstaltungen aufzeichnet, das muss nicht unbedingt ein Profi sein.

Von den Kollegen sind die ersten Drehbücher gekommen. Ich verstehe etwas mehr durch das Lesen. Was ist mit der Idee? Was für eine Idee ist es? Wenn keine Idee erkennbar ist – warum soll ich mir den Film ansehen? Aber vielleicht sind Lesen und später den Film sehen zwei verschiedene Dinge.

Als wir in der letzten Ausbildungsrunde unsere Werke besprechen – jeder gibt seine Bewertung für Klarheit, Geschlossenheit, Tiefe und Spannung ab, auch W. natürlich –, komme ich gar nicht schlecht weg. Meine Selbstbewertung deckt sich sogar mit dem, was die Gruppe über mein Drehbuch denkt. Von W. bekomme ich für Klarheit und Geschlossenheit fast die höchste Punktzahl.

Und das nach dem Tanz, den ich vorher aufgeführt habe: ich kann nicht, ich will nicht, ich schreibe etwas anderes.

Ich bin so froh. Ich habe es tatsächlich geschafft. Ich habe das verdammte Drehbuch geschrieben. Und ich habe etwas über Dramaturgie gelernt. Über teleologisches Erzählen. Spannend auf das Ende hin.

Vielleicht kann man ein solches Drehbuch mit dem Leben vergleichen. Der mühselige zweite Akt, das lange Mittelstück, und am Ende erkenne ich das, was ich erkennen soll. Oder finde heraus, dass das Leben schön ist.

Wenn ich mich selbst nicht ständig unter Druck setze, wenn ich mich nicht beunruhigen lasse, wenn ich ein klein wenig mehr Vertrauen entwickle. Nicht dieses Gottvertrauen, aber den Glauben daran, dass am Ende alles gut wird. Aber – sagt die kleine Stimme in mir – hör auf, dir etwas einzureden. Dein Leben ist keine Seifenoper.

Wenn auch mein Leben keine Seifenoper ist, unsere Kinder könnten mit ihrer Hochzeit vielleicht Teil einer solchen Oper sein. Die große Tochter des Mannes heiratet, in schlichtem Cremeweiß, wie sich herumgesprochen hat, und natürlich sind wir eingeladen. Eine Feier im kleinen Kreis, eine Familienzusammenführung der besonderen Art.

Wir sollen uns kennenlernen, und wo könnten wir dies besser als in einem Kletterpark?

Obwohl ich mit dem Schlimmsten gerechnet hatte – der Bräutigam ist ein Supersportler, ich sah uns schon Fallschirmspringen –, bin ich kurz davor, einen Mord zu begehen. Klettern ist das Zweitschlimmste, was ich in diesem Leben tun möchte, es kommt gleich nach Fallschirmspringen.

Ich kann das nicht. Ich will es auch nicht. Warum soll ich in luftiger Höhe über ein schmales Seil laufen? Warum soll ich an einer Wand hoch? Nein, der Mann kann mich nicht heben, und schieben lasse ich mich nicht. Ich war schon als Kind ängstlich, solche Dinge verstärken sich im Erwachsenenalter.

Hinterher bin ich jedoch so stolz auf mich, dass ich sogar das Essen im noblen Restaurant überstehe. Nicht nur überstehe, ich fühle mich immer noch euphorisch, glücklich, es gefällt mir sogar.

Weil wir nun schon in Bayern sind, fahren wir auch nach München und besuchen Ernie. Allerdings dauert es eine Weile, bis ich sie überredet habe, meine Fragen vor laufender Kamera zu beantworten. Vieles hat sie mir schon erzählt, aber ich will es noch einmal hören.

Die Geschichte vom kleinen Günter, der nach seinem ersten Schultag voller Stolz berichtete, er habe einen Sitzplatz in der Klasse. Es war die Zeit, in der alle zum Hamstern fuhren, die Gespräche der Erwachsenen drehten sich um Plätze, die man in einem überfüllten Zug noch ergattert hatte. Kein Wunder, dass er sich glücklich schätzte, in der Schule sitzen zu dürfen.

Ich wollte mehr über die Zeit in Polen wissen. Wie groß die Wohnung war, in der sie lebten.

Es gab ein einziges Zimmer mit einem Doppelbett. In der einen Hälfte schliefen die Eltern, in der anderen Ernie und ihr Bruder Willi. Sie lacht. „Und man hat nie etwas gehört.“

Und als mein Vater geboren wurde? Wo schlief der? Sie muss eine Weile überlegen. Der kam an das Fußende.

So wurde es auch mit den Gästen gemacht. Frauen, die ihre in den Gruben arbeitenden Männer mit den Kindern zusammen besuchten, fanden bei meiner Großmutter immer einen Platz. Die Kinder wurden zu den eigenen in das eine Bett gepackt.

Und wie war das mit meinem Großvater? Wenn er keine Arbeit hatte, was machte er dann?

Er beschäftigte sich mit verschiedenen Erfindungen. Mit denen sich allerdings kein Geld verdienen ließ, sonst wäre die Familie nicht so arm gewesen.

Da er sehr geschickt war, baute er auch das erste Radio selbst. Dabei hatte er keine besondere Schulbildung genossen. Er kam aus einer armen Familie, die neben einer Hütte zum Wohnen eine kleine Landwirtschaft besaß. In den Schulpausen musste der Junge das Vieh füttern, deswegen wollten die anderen Kinder nicht neben ihm sitzen, er roch komisch.

Und wie war das während des Krieges? Fuhr Ernie da nach Polen?

Natürlich. Sie besuchte ihre Großmutter. Die, bei der sie als Kind oft eine warme Mahlzeit bekommen hatte.

Einmal fuhr Ernie sogar mit dem Zug durch Auschwitz. In dem kleinen Dorf, in dem eine Tante wohnte, eine, die einen Polen geheiratet hatte, sah man die verhungerten Gestalten aus dem Lager. Ernie wurde von der Tante ermahnt: „Guck da nicht hin, sonst marschierst du mit denen mit.“

Ich weiß nicht, ob meine Tante alles richtig erinnert oder ob sie sich vielleicht manches nur einbildet. Kann es sein, dass die Züge damals an dem Lager vorbeifuhren? Mit Gardinen vor den Fenstern? Die man nicht zurückziehen durfte, wenn man nicht selbst im Lager landen wollte?

Nach vier Stunden Auskunft geben ist Ernie erschöpft, ich bin es ebenso. Das ständige Nachfragen, ihr schlechtes Gehör, die vielen Informationen.

Aber wer weiß, wie oft ich Ernie noch sehen werde. Seit dem Tod meines Vaters ist sie nicht mehr dieselbe. Sie ist ständig krank, muss bereits geplante Reisen kurzfristig absagen, zu ihrem früheren Lebensmut hat sie noch nicht zurückgefunden.

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