Im Rosengarten sieht es herbstlich aus. Der Tiergarten färbt sich bunt. Der Mann schnieft, mir tut der Hals weh. Offensichtlich habe ich mich bei ihm angesteckt.
Ich lese in alten Tagebüchern. Vielleicht sollte ich sie verbrennen. Vor fünfzehn Jahren war der Höhepunkt meiner Esophase, wie ich sie heute nenne. Ein suchtartiges Suchen, ohne zu wissen, was ich eigentlich finden möchte. Frau Luzie würde vermutlich sagen, dass ich auf der Suche nach Gott war. Nach Spiritualität.
„Ich bin ruhig und gelassen“, schrieb ich damals. Wie ein Kind, das im Wald pfeift. Eine Art Beschwörung.
Immer muss ich schreiben. Aufzeichnen. Festhalten. So ist es gewesen. Das war mein Leben. Mein Leben, in dem ich Männer und Liebe suchte. Manchmal dachte ich, ich hätte etwas gefunden. Einen Mann. Eine Erkenntnis. Die zu mir passenden Menschen, die mich in meinem Anderssein ertragen können.
Ich wollte immer Menschen um mich haben. Menschen, die mir etwas bedeuten. Stattdessen begegnete ich oft Menschen, denen ich mich ausgesetzt fühlte, deren Forderungen und Ansprüchen ich zwar nachgekommen bin, denen ich aber selten genügte. Da ich in Freundschaften oft ausgesucht werde, nicht selber aussuche, ist es von meiner Seite aus oft eher ein Nachgeben.
Du willst mich sehen? Gut, dann komme ich. Es gibt nur wenige Menschen, von denen ich mich spontan angezogen fühle, deren Nähe ich über einen längeren Zeitraum hinweg schätze und genieße. Später muss ich diese Freundschaften, in die ich mich habe verwickeln lassen, irgendwie wieder loswerden.
Der Mann hat eine Journalistin an mich verwiesen, die anlässlich des zwanzigjährigen Jahrestages der Friedlichen Revolution Interviews mit Berlinern macht. Nach einem kurzen Telefonat möchte sie mich gern persönlich treffen. Ich soll ihr mehr von mir erzählen, auch ein paar Fotos würde sie gern machen.
Wir sind uns vom ersten Handschlag an sympathisch. Eine kluge junge Frau, die für ein belgisches Magazin schreibt und gut Deutsch spricht.
Sie hat mich gebeten, mir ein paar Orte zu überlegen, die eine besondere Bedeutung für mich haben. Der frühere Grenzübergang Bornholmer Straße ist in meinem Leben wahrscheinlich der bedeutendste Ort. Symbol für die sinnlose Trennung eines Landes und der Menschen, die dort leben.
Als Kind stand ich, wenn ich auf meinen Vater wartete, auf der Ostseite und schaute sehnsüchtig in den Westen. Der Westen, der unerreichbar für mich war. Die Antarktis war mir nicht fremder.
Viele Jahre später stand ich auf der Westseite. Die Einreise nach Ost-Berlin und in den Rest der DDR war mir verboten. Wenn mein kleiner Sohn an der Hand einer Schwester vom Roten Kreuz oder an der Hand einer freundlichen Unbekannten über die Brücke ging, schaute ich ihm sehnsüchtig hinterher, schaute sehnsüchtig auf die Ostseite, wo ich klein und winzig den Stiefvater erkennen konnte, der meinen Sohn in Empfang nehmen würde.
Die Fotos von mir hat die Journalistin dann auch auf der Brücke gemacht. Leider werde ich ihren belgischen Artikel nicht lesen können, aber ich vertraue ihr, dass sie tatsächlich schreibt, was ich ihr erzählt habe.
Bei W. habe ich mich für einen weiteren Kurs angemeldet. Stoffentwicklung. Er hat natürlich recht, wenn er sagt, wichtig wäre das Exposé. Mit dem müssten wir uns bei Sendern und Geldgebern bewerben, aus ihm heraus könnten wir jede beliebige Story entwickeln.
Aber ich will nicht nur weiter lernen, ich will in seiner Nähe bleiben. Er ist schließlich derjenige mit den Kontakten. Und wenn ihm selber ein Stoff gefällt, dann setzt er sich dafür ein. Zumindest hat er das angedeutet. Wahrscheinlich werde ich nicht die Einzige sein, die auf seine Unterstützung hofft.
Die Zeit vergeht so schnell. In drei Wochen ist Weihnachten, natürlich habe ich kein Manuskript verkauft. Aber ich sollte auch nicht so denken. Ich soll ja schreiben, weil es mir Spaß macht, alles andere kommt angeblich von allein.
Wenn schon kein neues Geld reinkommt, gebe ich wenigstens welches aus. Ich habe mir neue Schuhe gekauft. Flache Stiefel zum Schnüren, einen Reißverschluss haben sie auch. In Schuhen mit Absätzen kann ich nicht mehr laufen. Aber vielleicht auch bald in den flachen nicht mehr, denn mir tun die Füße weh.
Der Birke vor meinem Fenster fehlen die Blätter. Wie komisch sie plötzlich aussieht. Nackt.
Ich war im KDW. Schöne Frauen laufen dort herum, elegant, geschmackvoll, alles stimmt bei denen. Kein Kilo zu viel, die richtigen Klamotten, auf den High Heels bewegen sie sich wie ich in meinen Joggingschuhen. Ich schlussfolgere, dass sie glücklich sind. Aber vermutlich ist das ein Irrglaube. Warum sollen sie glücklich sein? Weil sie durch das KDW laufen? Weil sie sich alles kaufen können?
Ich kaufe mir auch, was ich möchte. Mein Konto ist schon wieder im Minus. Ich verstehe es nicht, aber so ist es. Deswegen sollte ein neuer Geldsegen kommen. Eine kleine Finanzspritze.
Der Mann hat mich seiner Gesellschaft empfohlen, nun darf ich nach einem Probetext ein paar Porträts für einen geplanten Fotoband schreiben. Über Menschen, die aktiven Anteil an der Friedlichen Revolution hatten. Dafür muss ich Interviews machen, muss mit ihnen reden. Ein wenig komisch ist das schon, denn ich weiß ja nicht, ob sie Lust haben, sich mit mir zu unterhalten. Immerhin bin ich eine, die sich aus der DDR fortgeschlichen hat.
Die alten Kämpfer hatten schon damals nicht viel Sympathie für Leute wie mich, das wird sich nicht geändert haben.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich mich nicht besonders für die DDR interessiert habe. Nicht einmal zu Zeiten, als ich noch dort gelebt habe. Kunst, Musik, Literatur, das meiste habe ich ignoriert. Was offiziell zu sehen oder hören war, hatte die Billigung „von oben“, dann konnte es nur angepasstes Zeug sein. Ich finde das heute selber dumm von mir, aber als junge Frau habe ich so gedacht.
Natürlich ließ ich Ausnahmen gelten. Filme wie „Die Legende von Paul und Paula“ und „Solo Sunny“. Die großartigen Bücher von Maxie Wander. Gedichte von Sarah Kirsch. Einiges von Christa Wolf. Viel war es insgesamt nicht.
Draußen ist es trübe. Ich schaue aus dem Fenster und weiß nicht, ob ich noch unter den Folgen des heftigen Katers leide oder ob mein Leiden anderer Natur ist.
Ich arbeite nicht. Wenn ich nicht aus dem Fenster schaue, lese ich Zeitung. Frage mich, wie das mit mir weitergehen soll, wenn ich nicht bald mal in die Pötte komme. Wenn mein Schreiben ein nettes Tun bleibt, das ich nur unter Druck ausübe. Im Moment habe ich keinen.
Mir tut der Bauch weh. Oder der Rücken. Möglicherweise auch beides.
Ich könnte ein neues Drehbuch schreiben. Eines, das ich bisher nur skizziert habe. Mord an der Gülpe.
Was ich alles könnte. Nichts davon tue ich. Ich arbeite nicht. Habe keine Disziplin. Fühle mich einsam. Bald ist das Jahr herum. Und was habe ich geschafft? Ein läppisches Drehbuch. Und jetzt sitze ich an meinem Fenster, mit schmerzendem Bauch, mit Weh, es ist Advent, und ich kriege von der schönen Weihnachtszeit wieder nichts mit. Weil ich durch die Zeit renne. Dabei wäre jetzt der richtige Moment, um innezuhalten. Spazieren zu gehen, zu schreiben.
Ab Januar werde ich keine Zeit haben. Ich werde die Interviews machen und die zehn Porträts schreiben. Die Rechnung habe ich schon an meinen Auftraggeber geschickt. Es wurden Gelder für dieses Projekt reserviert, die jetzt ausgegeben werden müssen.