Meine Reise mit Goloka (9) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2020

Nach sieben Jahren hatte sich das Ja zu dieser WG, diesem Ort, in ein Nein verwandelt, aber das hatte viel mit dieser großen Liebe, mit diesem Mann zu tun, mit dem ich in den ersten beiden Jahren unserer Beziehung sogar zusammen hier gelebt habe.

Gerade fällt mir ein, dass ich das erste Mal, als ich 1998 in die WG gezogen bin, einen Mann vergessen wollte, und 2010, bei meinem zweiten Einzug oder meiner Rückkehr, wie man auch sagen könnte, da war es nicht anders. Auch da wollte ich über eine gescheiterte Liebe hinwegkommen. Die WG als Ort, an dem ich meine Wunden lecken und Kraft tanken kann.

Aber ist dies immer noch mein Platz? Es gibt so viele offene Fragen. Wird die Eigentümerin uns als Nachmieter akzeptieren? Muss eine von uns zu diesem Zweck Hauptmieterin werden? Dafür kommen nur zwei in Frage. Die Yogalehrerin oder ich.

Will ich das überhaupt? Will ich hier Verantwortung übernehmen, so wie Anidana das in der Vergangenheit getan hat? Wäre das in dieser Konstellation überhaupt möglich? Wir zwei gemeinsam als Hauptmieterinnen? Wir sind nicht nur keine Freundinnen, wir geraten immer wieder auf unangenehme Weise aneinander. Sie regt sich schnell auf, dann redet sie mit schriller Stimme und sich steigernder Lautstärke auf mich ein.

Außerdem hat mir Anidanas plötzlicher Tod noch etwas anderes gezeigt: Auch ich könnte unverhofft sterben.

Natürlich weiß ich um diese Möglichkeit. Man könnte sogar sagen, dass mich das Thema Tod mein Leben lang begleitet hat. In den Jahren, in denen ich Panikattacken hatte, war es immer der Tod, den ich fürchtete. Bei jeder Attacke glaubte ich aufs Neue, ich würde einen Herzinfarkt bekommen und sterben.

Diese Ängste hatten sich erst aufgelöst, als ich aufhörte, mich zu fürchten. Als es mir egal war, ob ich sterben würde oder nicht. Allerdings habe ich dafür zwanzig Jahre gebraucht.

Trotzdem bin ich nicht davon ausgegangen, dass der Tod mich in den nächsten Jahren schon ereilen würde. Doch genau das ist möglich, wie mir eben vor Augen geführt wurde.

Anidana hatte doch auch noch so viel vor. Er wollte weniger arbeiten. Ganz aufhören konnte er nicht, wie hätte er von 260 Euro Rente leben können, und natürlich war es keine Option für ihn, zum Jobcenter zu gehen. Ein Buch wollte er eines Tages auch schreiben.

Und was habe ich noch vor? Was wollte ich immer schon tun?

Ich träume schon so lange davon, unterwegs zu sein. Mit einem Auto durch Europa zu fahren. Dort anzuhalten, wo es mir gefällt. Bleiben, solange ich möchte. Gern mit einem Mann, allerdings habe ich den dafür passenden bisher nicht gefunden. Ein Auto habe ich ebenfalls nicht, ich besitze nicht einmal eine Fahrerlaubnis. Auch finanziell kann ich mir diesen Traum nicht erfüllen. Aber da ist er ja trotzdem.

Und deswegen fange ich an zu recherchieren. Ich finde ein Portal, das sich Workaway nennt, dort melde ich mich an. Es richtet sich an Menschen jeden Alters, die reisen und arbeiten wollen.

Ich könnte mein Zimmer aufgeben, ein paar Sachen, die mir wichtig sind, irgendwo unterstellen, und dann könnte ich so lange ich Lust hätte unterwegs sein. Ich könnte nach Orten suchen, die ich gern kennenlernen würde, und dort wiederum nach Menschen, die Hilfe brauchen und die im Gegenzug dafür Kost und Logis bieten. Man kann in der ökologischen Landwirtschaft arbeiten, in Hotels und Pensionen. Wenn man möchte, kann man auf diese Weise die ganze Welt bereisen – im Gegenzug für fünf oder sechs Stunden Arbeit täglich.

Das scheint mir eine gute Idee zu sein. Aber erst werde ich noch eine Weile hier bleiben und in Anidanas Zimmer wohnen. Es ist in unserem Haus das größte, schönste, hellste – natürlich auch das teuerste. Ich habe mir das in den vergangenen Jahren immer wieder einmal vorgestellt, aber mir war natürlich bewusst, dass diese Möglichkeit nicht eintreten würde, da Anidana nie freiwillig ausziehen würde.

Nun ist er fort, von freiwillig kann nicht die Rede sein, und sein Zimmer ist im neuen aufgeräumten Zustand – sogar im nicht renovierten – wunderschön.

Ich möchte es einen Sommer, einen Herbst und einen Winter lang genießen und für mich haben. Ein guter Plan, wie mir scheint. Natürlich muss ich dann keine Hauptmieterin werden, wozu sollte das gut sein? Ich möchte wie alle anderen auch eine ganz normale Mieterin sein. Und wenn die Eigentümerin damit nicht einverstanden ist, dann muss sie uns eben kündigen. Davon muss ich allerdings zuerst die Yogalehrerin überzeugen.

Nach einem erneuten Streit mit ihr, nach einer aufreibenden Diskussion, teile ich ihr meinen Entschluss mit. Erst ist sie wütend, später sieht sie die Vorteile, die in diesem möglichen Arrangement liegen. Auch sie wird sich dann etwas freier fühlen.

Abends sitze ich jetzt oft in Anidanas Zimmer und höre das Adagio for Strings. Es ist in diesen Tagen mein Lieblingsstück.

Goloka hat mich gefragt, ob ich mich an Anidanas letzte Worte erinnern kann. Ja. Das kann ich.

Wenige Stunden vor seinem Tod hatten wir noch miteinander telefoniert. Ich wollte ihn später besuchen, allerdings hatten wir noch keine genaue Uhrzeit festgelegt, ich wollte mich noch einmal melden.

„Mach dir keine Sorgen. Alles wird gut.“

Natürlich kann man diesen Ausspruch so oder so interpretieren. Es spielt keine Rolle, wann du kommst, das wäre eine Option. Aber wenn Sterbende anderen noch etwas mitgeben auf ihrem Weg – und davon geht Goloka offensichtlich aus –, dann hieße das etwas völlig anderes. Dann würde es bedeuten, ich soll endlich aufhören, mir Sorgen zu machen, weil in meinem Leben alles gut wird.

Ist es verwunderlich, dass ich mich für die zweite Option entscheide? Ich muss darauf vertrauen, dass die Dinge sich in ihrem eigenen Tempo entwickeln und dass ich die richtigen Entscheidungen treffen werde.

Goloka schlägt vor, dass ich dies auch dem Mädchen vermitteln soll, wenn ich um drei Uhr morgens aufwache und Angst habe. Aber warum habe ich überhaupt Angst? Alles läuft doch gerade gut. Ich habe die Laube verlassen, werde demnächst ein spannendes Praktikum absolvieren, werde also etwas tun, was mir wichtig ist, mir etwas bedeutet.

Ja. Aber ausgerechnet jetzt lässt mich dieser blöde Kerl allein. Macht sich vom Acker. Konfrontiert mich nicht nur mit meinem eigenen Tod, sondern auch mit unangenehmen Fragen.

Lebe ich das Leben, das ich immer leben wollte? Was wollte ich denn immer?

Sinn. Ich wollte, dass mein Hiersein auf dieser Erde einen Sinn hat. Ich möchte wissen, warum ich da bin. Und dann möchte ich am Ende diese Welt zufrieden verlassen. Ich möchte einverstanden sein mit dem Leben, das ich gelebt habe. Das ist ein sehr altes Anliegen.

In meinen Romanen brechen die Protagonistinnen am Ende immer auf oder aus. Sie ändern ihr Leben. Kaufen sich einen alten Bus und fahren damit durch Osteuropa. Eröffnen ein Kulturhaus im Havelland. Vielleicht ist es an der Zeit, endlich mein Leben zu ändern?

In einer Nacht träume ich von einem Baum in unserem Garten, dessen morsche Zweige ich nach und nach herausreiße. Plötzlich kippt der Baum, und ich werde zusammen mit den Ästen eines Nachbarbaums in die Höhe gerissen. Da sitze ich dann auf einmal in der Spitze des anderen Baumes.

Eigentlich ein schönes Bild für die Zustände in unserem Haus, für die in meinem Inneren wohl auch.

Manchmal träume ich jetzt auch von Buchholz. Nur von dem Ort, meine Großeltern kommen in diesen Träumen nicht vor. Ich räume in der Laube auf, werfe alte Sachen weg.

In einem dieser Träume taucht unser Nachbar Gohdes auf. Ich sehe ihn von hinten, sehe Jacke und Hose in dieser Pfeffer-und-Salz-Optik, die er in meiner Erinnerung bevorzugte, und dazu die braunen orthopädischen Schuhe, die er tragen musste, seit man ihm die Zehen amputiert hatte, die ihm vor Stalingrad erfroren waren.

Als junger Soldat hatte er Züge bewachen müssen, in denen Juden abtransportiert wurden. Alle wussten, dass die nicht in die Sommerfrische fuhren. So hatte er sich ausgedrückt, als er mir davon erzählte. Damals war ich noch ein Kind. Er hatte hinzugefügt, dass er froh war, als sie ihn nach Russland schickten. Besser nach Russland als das andere, hatte er gesagt.

Nachdem mein Sohn geboren war, nannten wir ihn nur noch Opa Gohdes. Weil er wie ein Großvater war.

Nach dem Tod meiner Großmutter – sie starb zwei Wochen vor der Geburt meines Sohnes – hatten mein Freund und ich die Laube übernommen. Anfangs wollten wir sie gemeinsam mit Freunden nutzen, aber wie das so ist, die anderen verloren schnell das Interesse, und mit einem Baby konnten sie auch nicht viel anfangen. Wir aber blieben.

Zumindest von mir kann ich sagen, dass ich es genossen habe, den Sommer über in der Laube zu wohnen. Da ich schon die Ausreise beantragt hatte, arbeitete ich täglich vier oder fünf Stunden in einer privaten Drogerie. Wenn ich in die Stadt zur Arbeit fuhr, kümmerte sich Opa Gohdes um meinen Jungen. Er holte ihn nach dem Mittagsschlaf aus dem Bett, zog ihm eine neue Windel an und nahm ihn mit in seinen Garten. Abends spielten wir manchmal Skat.

Eine wunderbar leichte Zeit. Und während ich dies schreibe, wundere ich mich, weil ich offensichtlich damals überhaupt nicht an das dachte, was mir als Kind dort geschehen war. Hatte ich es tatsächlich vergessen? Kann das sein? Ich werde Goloka fragen.

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