Meine Reise mit Goloka (22) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2020

Wieder zu Hause genieße ich auch in der WG das stille Leben. Wenn alle außer Haus sind, wenn ich im Garten sitze und vor mich hinschaue. Oder den neuen Rollrasen der Nachbarn bewundere, der in der Sonne liegt. Mir ist bewusst, wie gut ich es habe. Ich muss nirgendwo hin. Keiner treibt mich. Ich kann mich allen Eindrücken hingeben. Kann den Vögeln lauschen, Insekten beobachten, in den Himmel schauen.

Das würde ich auch gern weiter tun, aber ich habe mich mit Avi verabredet, habe ihn sogar zu uns in den Garten eingeladen. Obwohl sich in meinem Bauch ein unangenehmes Gefühl ausgebreitet hat und ich eigentlich keine Lust habe, ihn zu sehen. Bis zum letzten Moment hoffe ich, dass er absagt. Doch das tut er nicht.

Er ist noch so schlank, wie ich ihn in Erinnerung habe. Allerdings kann ich ihn schon auf drei Meter Entfernung riechen, und was da meine Nase erreicht, gefällt mir nicht. Die vielen Zigaretten? Alter Alkohol? Seine Hände zittern. Wer weiß, vielleicht ist das die Aufregung.

Am Telefon war unsere Unterhaltung fließend, jetzt haben wir uns nichts zu sagen. Nach einer Stunde weiß ich nicht weiter, das teile ich ihm auch mit, dann verabschieden wir uns.

Gleich danach möchte ich jemanden anrufen, dem ich mich nah fühle. Vielleicht den Moppedfahrer? Ich möchte sagen: Du, ich liebe dich. Du mich doch auch, oder? Ich werde am Sex arbeiten. Versprochen.

Wenn er dann kommt, werden wir uns innig küssen. Doch da geht es schon los. Ich will nicht küssen. Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Doch. Ich weiß es. Ich will noch einmal diese Leichtigkeit, wie ich sie mit Avi, vielleicht noch mit zwei oder drei anderen Männern erlebt habe. Leider weiß ich nicht, wie ich das anstellen soll. Hatte ich ein paar Mal Glück? Viel häufiger aber keins?

Also gut. Reden wir über Sex. Darüber, wie ich ihn erlebe, vor allem darüber, wie kompliziert er oft für mich ist, wie in mir manchmal nach kurzer, manchmal nach längerer Zeit jegliche Lust erlischt, während ich gleichzeitig glaube, möglichst schnell sexuell aktiv werden zu müssen, damit ein Mann mich kennenlernen kann. Das fällt mir leicht, ich bin es nicht anders gewöhnt. Dafür fällt es mir alles andere als leicht, diese Programmierungen aus frühen Zeiten zu durchschauen.

Ich weiß nicht, ob mir das ohne Golokas Hilfe überhaupt gelingen würde. Wahrscheinlich nicht, denn ich habe ja einige Jahre Therapie hinter mir, die mir im Hinblick auf meine Sexualität nur wenig Erhellendes beschert haben.

Ich brauche eine Balance zwischen Nähe und Abstand, das zumindest weiß ich sicher. Auf symbiotische Art kann ich mit niemandem zusammen sein. Außerdem brauche ich Zeit für mich, ein eigenes Bett sowieso, und dann muss ich mich auch in meinen Entscheidungen frei fühlen.

Das scheint jedoch nicht für den Sex zu gelten, denn auf diesem Gebiet habe ich mich in der Vergangenheit nicht nur in der Anfangsphase des Kennenlernens oft den von mir vermuteten oder tatsächlichen Wünschen des Mannes angepasst. Dabei bin ich eine emanzipierte Frau, die sich ganz bestimmt nicht freiwillig einem Mann unterwirft. In sexueller Hinsicht habe ich das aber getan.

Leider fand auch dieser Prozess oft in einer dieser Grauzonen meines Bewusstseins statt, so dass ich ihn erst erkennen konnte, nachdem Goloka so eindringlich nachgefragt hatte.

„Bist du beim Sex ganz bei dir? Oder überlegst du, ob es gut für ihn ist? Ob er den Sex bekommt, den er braucht? Ob die Abstände richtig sind? Richtig für ihn?“

Ja. So könnte man es wohl ausdrücken. Jedenfalls gilt das für die Mehrzahl meiner bisherigen Beziehungsversuche. Die Männer, mit denen der Sex einfach war, leicht, mühelos und dazu noch befriedigend, kann ich an einer Hand abzählen.

Eher war es in der Vergangenheit so, dass ich irgendwann müde wurde, darum zu kämpfen, auch etwas davon zu haben. Zumal ich diesen Kampf hauptsächlich mit mir selbst und in meinem Inneren ausgetragen habe. Und das, was ich letztendlich davon hatte, war in den meisten Fällen nicht viel mehr als eine kurzfristige Befriedigung, ein schnelles Flackern, das mir schon wenige Minuten später so schal erschien wie ein abgestandenes Bier.

Ich habe Sympathie mit der Schwarzen Witwe, die ihren Partner nach der Begattung tötet. Töten wollte ich noch nie, aber ich bin nach dem Höhepunkt, seinem oder meinem, gern so allein, wie ich mich tatsächlich fühle.

Das ist aber noch nicht alles. Ohne pornographische Phantasien würde meist gar nichts passieren. Diese Phantasien sind roh, am Rande der Gewalttätigkeit, oft sind mehrere Männer beteiligt. In meiner Jugend waren es Vergewaltigungsszenen, die ich phantasierte, hinterher fühlte ich mich schlecht. Es hat Jahre gedauert, bis ich diese Szenen mit harmloseren Varianten überschrieben hatte.

Harmloser ist daran allerdings nur die Tatsache, dass die Männer das, was sie in meinen früheren Phantasien gegen meinen Willen taten, heute mit meiner Zustimmung tun dürfen oder sogar sollen.

Man könnte wohl sagen, dass mich der Sex überfordert, den ich mir wünsche. Mein Anspruch und mein Vermögen decken sich nicht. Hinzu kommt, dass ich mich in dieser Ambivalenz nicht akzeptieren kann.

In Bezug auf den Moppedfahrer bedeutet das zum Beispiel, dass da jemand ist, dessen einfachste Berührungen in mir Lust auslösen können, dass sich diese Lust sogar ohne die Zuhilfenahme pornographischer Phantasien einstellt. Damit wird er zum Zeugen eines sehr intimen Moments. Und das möchte ein Teil von mir ganz offensichtlich nicht.

Ich wehre mich innerlich gegen dieses Zuschauen, eigentlich auch dagegen, dass ein anderer mir überhaupt solche Gefühle bescheren kann. Mit so wenigen Handgriffen vielleicht nur mit einer leichten Reibung seines Kinns an meinem Hals. Und dann kommt nach einer kurzen, manchmal auch nach einer längeren Phase der Ekel.

Allerdings passiert es nicht immer, dass mein Körper und mein Geist sich auf diese Weise trennen. Wenn ich keine Zeit zum Nachdenken habe, dann reagiert mein Körper mit Ekstase, mit Wohlempfinden, mit Freude.

Aber was heißt das denn? Dass ich einen Mann, der mir solche Gefühle beschert, auch lieben muss? Nein, das heißt, dass ich manchmal sehr schöne Gefühle habe, ohne dass ich liebe oder gewalttätige Phantasien bemühe.

Eigentlich merke ich bei diesem Gespräch mal wieder, dass ich keine Ahnung habe. Was Goloka nicht erstaunlich findet.

„Wie soll ein Mensch, der als Kind fremden Wünschen und Begierden ausgesetzt war, eine eigene Sexualität entwickeln? Wie soll der herausfinden, was er wirklich will?“

Später ärgere ich mich über ihn. Ob ich schon einmal darüber nachgedacht hätte, was ein gesunder Mann von einer Geschändeten will. Allein die Formulierung könnte mir die Krätze bescheren. Eine Geschändete.

Ich weiß auch gar nicht, worauf die Frage abzielt. Der Moppedfahrer ist mein Freund, ich fühle mich von ihm geschätzt. Was ist daran herumzurätseln? Es kann doch nicht immer nur Opfer-Täter-Beziehungen geben in meinem Leben. Das sind doch alles ganz normale Männer.

Ich weine. Ich weine um das Kind, das ich einmal war, um die junge Frau, nicht zuletzt um die alte Frau, die ich geworden bin. Die einerseits so wunderbar im Augenblick sein kann, die sich gleichzeitig an ihren alten Programmierungen abarbeitet.

„Die du jetzt aber wenigstens kennst. Lohnt sich dafür diese ganze Arbeit denn nicht?“

Hat mich Goloka das tatsächlich gefragt? Oder war das meine innere Stimme? Er war es, sagt sein fragender Blick.

„Ja. Dafür lohnt es sich. Aber ich muss offensichtlich immer wieder daran erinnert werden.“

„Bleib bei dir. Nimm dich so an, wie du bist. Mit all den scheinbaren Widersprüchen, Unzulänglichkeiten, den Schmerzen und der Traurigkeit. Lass das alles zu.“

Wie leicht sich das anhört. Und wie schwierig die Umsetzung.

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