Meine Reise mit Goloka (30) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2018

Mit der Schreibfreundin fahre ich ins Literaturhaus Berlin, um mir einen Dokumentarfilm über Peter Handke anzusehen. Als wir später noch einen Wein trinken, sage ich, dass ich kaum noch hadere. Nur mit dem Tempo der Bedienung.

„Also haderst du doch.“ Sie lächelt.

Ja. Aber ein solches Hadern ist erlaubt, finde ich. Sonst hadere ich nicht. Früher zum Beispiel war der Spaziergang mit dem Hund eher eine lästige Pflicht. Jetzt laufe ich ohne Murren mit ihm. Abends gehe ich noch einmal alleine nach draußen. Laufe zur Rehwiese, wo ich meinen speziellen Baum umarme, der von der Seite betrachtet wie ein Riese mit kräftigem Oberarm aussieht.

Ich schreibe keinen neuen Text? Okay. Ich fülle den Tag mit kleinen Geschichten über meine Erkenntnisse? Okay. Ich schaue auch nur aus dem Fenster, mache gar nichts, was ist damit? Ist auch okay.

Durch Zufall stoße ich im Internet auf den Vortrag einer amerikanischen Ärztin und klinischen Professorin. Rachel Naomi Remen. Sie sagt, es täte uns gut, wenn wir uns unsere eigenen Geschichten erzählen. Dadurch würden wir unser Leben besser verstehen.

Das stimmt. Deswegen interessieren mich auch oft über einen längeren Zeitraum hinweg keine fiktiven Erzählungen. Ich möchte wissen, was Menschen tatsächlich erlebt, meinetwegen auch erlitten haben.

Frau Remen sagt auch, wir würden uns keine Zeit für unsere Wunden nehmen. Zwar spüren wir sie irgendwann, aber wir widmen uns ihnen nicht. Mir fällt dazu spontan das Trauerjahr ein, das man Hinterbliebenen früher zubilligte. Heute soll auch die Trauer schneller vorübergehen.

Ihrer Ansicht nach wäre es auch klug, würde man nur so viele Dinge besitzen, wie man lieben und wertschätzen kann. Ich besitze zu viel. Viele Dinge habe ich von Anidana übernommen. Möbel, Bücher. Davon kann das meiste weg.

Zuletzt noch ein sehr guter Tipp von der Professorin: Beantworten Sie abends drei Fragen. Was hat mich an diesem Tag überrascht? Was berührt? Was inspiriert?

Mit der Beantwortung hat man einige Zeit zu tun.

In der nächsten Nacht suche ich nach den besonderen Momenten in meinem Leben, denn natürlich gab es davon einige in der Vergangenheit.

Der schönste Moment – und an dieser Einschätzung hat sich bis heute nichts geändert – waren die Minuten nach der Geburt meines Sohnes. Als ich von den stundenlangen Schmerzen, die mir der Wehentropf beschert hatte, erschöpft auf einem Bett lag und in Sichtweite von mir das kleine Wesen Arme und Beine bewegte. Alles war dran, das hatte mir die Hebamme versichert.

Ich war nicht nur erleichtert, weil dieser kaum auszuhaltende Schmerz endlich vorbei war, es kam mir vor, als würde ich schweben, alles war leicht, in mir wurde alles weit und hell vor lauter Liebe und Zuneigung. Noch nie zuvor hatte ich so gefühlt.

Dann gab es andere Momente, nicht ganz so beeindruckend, die mir in Erinnerung geblieben sind.

Das lange Wochenende, das ich Anfang der Neunziger mit Mutter, Stiefvater, Freund und Sohn in Straßen-Priepert in einem Bungalow verbracht habe. Der Abend, als meine Mutter von ihrem früheren Leben mit meinem Vater erzählte. Es war ihr anzumerken, dass diese Zeit etwas Besonderes in ihrer Erinnerung war. Vielleicht auch deswegen, weil sie sich nie wieder so lebendig wie damals gefühlt hatte.

Diese Mutter liebte ich, dieser Frau fühlte ich mich nah. Wenn ich mich an diesen Abend erinnere, kann ich noch immer etwas von der Energie spüren, die uns damals verbunden hatte.

Oder dieser Himmel am Meer kurz vor dem Gewitter, als ich mit der Freundin auf Hiddensee war. Andere Begegnungen mit der Natur. Sonnenuntergänge. Große Himmel.

Einmal wollte ich mitten in Kreuzberg vom Rad springen, weil ich unverhofft so glücklich war und am liebsten alle Menschen umarmt hätte. Daran erinnere ich mich gern.

Doch viel häufiger habe ich mich allein gefühlt. Einsam. Niemandem wirklich zugehörig. Innerlich oft zerrissen. Mich nach Liebe sehnend.

Gleichzeitig habe ich oft nicht bleiben können bei den Männern, hatte den Eindruck, mich von einer Bürde befreien zu müssen. Von ihren Wünschen, ihren Bedürfnissen, die so oft auf meinen Körper gerichtet waren.

Diese Männer. Die mich eigentlich retten sollten. Nur wusste ich das damals noch nicht.

Vielleicht gibt es tatsächlich eine Kraft, die daran interessiert ist, dass ich hier bin. Aber welche Kraft soll das sein? Und wozu wurde ich am Leben gehalten?

Die gleiche Frage gilt für meinen Vater. Was er alles aus sich hätte machen können. Wie sagte sein kleiner Bruder einmal? „Und? Was ist aus ihm geworden? Ein Trinker.“

Einer, der eine reife Frau brauchte, die ihn auf der rechten Bahn hielt. Wie dankbar ihr alle waren, dass sie diese Bürde trug, diesen unzuverlässigen Mann ertrug, der schon mal im Suff das Geschirr zerschlug.

Da sah man eben darüber hinweg, dass sie seine Familie nicht mochte. Mich mochte sie am wenigsten.

Jetzt bin ich von mir zu meinem Vater gekommen. Der auch nur eine Rolle in seinem Leben eingenommen hat. Eine Rolle für die Geschwister, eine für seine Eltern, eine für mich.

Ich vermute, dass er sich sein Leben anders vorgestellt hatte.

Und meine Mutter? Auch sie hatte Träume und Wünsche, von denen sich viele vielleicht nicht erfüllt haben. Jetzt sitzt sie da in ihrem großen Haus, mag keine Menschen sehen, und von der, die sie gern sehen möchte, der Tochter nämlich, wird sie gemieden.

Nach der Familienaufstellung, die Goloka ein paar Tage später mit mir macht, sehe ich auch meine Mutter noch einmal anders. Mir kommt der Gedanke, dass auch sie vielleicht nicht in der Lage war, wirklich Verantwortung zu übernehmen.

Wenn ich für meinen Sohn eher die große Schwester war, dann war sie für mich wie eine Tante. Eigentlich teilen wir beide ein ähnliches Schicksal.

Und weil ich gerade so viel Mitgefühl für meine Mutter spüre, rufe ich sie spontan an. Es geht ihr schlecht, sie liegt im Bett. Psychisch wäre sie ein Wrack. Sagt sie.

Der Stiefvater sagt das nicht. Er ist bemüht heiter am Telefon.

Gleich nach dem Telefonat räume ich mal wieder mein Zimmer um.

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