In der Nacht vor Silvester träume ich von dem Mann, der meine letzte große Liebe war. Vor sieben Jahren endete unsere Beziehung. Nun ist er im Traum mit mir im Haus meiner ersten Freundin. Er scherzt und plaudert so locker und ungehemmt mit mir, dass er mir wie ein anderer Mann erscheint. Dann küsst er mich.
Ich fühle nichts.
An dem Haus dieser Freundin bin ich oft vorbeigegangen. Ich wollte später meist nicht, dass sie mich sieht. Ich hatte Angst, sie würde etwas einfordern. Immerhin waren wir Blutsschwestern.
In der ersten Klasse hatte ich sie oft besucht. Im Gegensatz zu mir lebte sie in einem richtigen Haus, sie hatte Eltern, vor allem aber hatte sie eine sehr liebevolle Mutter. Im Erdgeschoss wohnte in einem Zimmer neben dem Wohnzimmer die kranke Großmutter. Die Freundin hatte ein kleines Zimmer im Obergeschoss. Daneben war das Schlafzimmer der Eltern.
Eines Tages habe ich diese Freundin verraten. Für mich war unsere Freundschaft vorbei, weil ich es nicht länger ertrug, dass sie mich mit diesen sehnsuchtsvollen und auch ein wenig vorwurfsvollen Augen anblickte. Sie zogen und zerrten an mir. Machten mir ein schlechtes Gewissen.
Vielleicht auch deswegen, weil sie eine Zeugin war. Außerdem noch eine, die mich als Freundin ausgesucht hatte.
Das funktionierte schon damals nicht so gut.
Die letzte Nacht des Jahres endet eigenartig. Wir haben mit einer Flasche Crémant und Gläsern unser Haus verlassen, um von der Terrasse der Schwestern aus die diversen Feuerwerke anzuschauen. Jeder von uns Vieren steht in gebührendem Abstand zu den anderen.
Es kommt mir vor, als würde ich eine Lektion in Vergänglichkeit erhalten. Ich werde mich in dem Moment meines Todes vielleicht ähnlich fühlen. Auch wenn Menschen bei mir sind, werde ich den Übergang für mich allein erleben.
Wahrscheinlich wird es keine Böllerschüsse geben.
Als ich später im Bett noch einmal über den Abend nachdenke, fällt mir auf, dass die Schwestern neuerdings Worte wie „belebter Moment“ benutzen. Als ich ihnen vor einem halben Jahr von meinen belebten Momenten erzählte, schienen sie mich nicht zu verstehen. Heute reden sie so, als wäre ihnen das schon immer wichtig.
Ich ärgere mich, während ich mir gleichzeitig wünsche, ich würde nicht so fühlen. Das führt zu einer Art inneren Aufruhr, für den ich mich zusätzlich auch noch schäme, was die Situation nur verschlimmert.
Stattdessen muss ich mich liebhaben für meine Gefühle.
Ja. Es ist in Ordnung, so zu fühlen. Ich bin deswegen kein schlechter Mensch, bin nicht böse, sondern ich bin im Gegenteil okay.
Als ich mir das klar mache, geht es mir besser.
Für das neue Jahr habe ich kein Projekt. Oder es ist mein Projekt, kein Projekt zu haben.
Denn dass ich für ein paar Wochen den Alkohol weglassen werde, scheint mir nichts zu sein, was den Namen Projekt verdient. Ich möchte eigentlich nur wissen, ob Goloka recht hat. Ob er, der Alkohol, nicht das Problem ist.
Etwas mehr Schlaf wäre als neues Projekt dagegen nicht schlecht.
Obwohl ich nach zwei durchwachten Nächten hundemüde bin, kann ich nicht einschlafen. In meinem Kopf eine Zusammenballung von Gedanken, die sich von den Augen bis zur Schädeldecke stapeln. Ich bemühe mich, sie von der Schädeldecke wegzubekommen, es gelingt mir nicht.
Mit einer Strickjacke, dem Poncho und zusätzlich noch einer Decke über den Schultern sitze ich aufrecht im Bett. Ich versuche dieses „Etwas“, das mich wachhält, zu erschöpfen.
Im Nachbargarten blinken Lichter. Was wollen sie mir sagen?
Setz dich hin und schreibe. Mach endlich das, was Goloka dir schon vor Monaten vorgeschlagen hat. Schreibe deinem Großvater einen Brief. Mach das. Schlafen kannst du doch sowieso nicht.
Albert,
ich kann nicht Opa zu Dir sagen. Ich habe einen Auftrag, wenn man so will, deswegen schreibe ich Dir. Mein Coach glaubt, dass mir dieses Schreiben dabei hilft, Mitgefühl zu entwickeln. Für mich in erster Linie, aber vielleicht auch für Dich, ich weiß es nicht.
Ich habe mich in Deiner Laube wie in einem Gefängnis gefühlt. Ich war nicht glücklich. In den ersten Jahren vielleicht, ich kann mich nicht daran erinnern.
Wie konntest Du nur Püppi zu mir sagen?
Du wolltest mir alles verbieten, nur das Romméspielen nicht, weil Du das selber so gern gemacht hast. Ich sollte keine kurzen Röcke tragen und keine anderen Kinder treffen.
Du weißt schon, dass man Dich gehört hat, nicht wahr?
„Was will die/der denn hier? Die kann ich nicht leiden.“
Sie sind nicht wiedergekommen.
Pionier durfte ich nicht werden, allerdings habe ich diese Konsequenz später bewundert. Du hast nicht mitgemacht, auch nicht in der Nazizeit.
Dafür hast Du gedroht, Dich umzubringen, sollte meine Mutter es wagen, mich Dir wegzunehmen.
Ich habe mich geschämt.
Ich dachte lange, ich hätte mich geschämt, weil Ihr alt wart und arm und weil wir in dieser winzigen Laube ohne Wasser und normale Annehmlichkeiten gelebt haben.
Allerdings sage ich heute gelegentlich, dass ich in meinen ersten neunzehn Lebensjahren die spätere Aussteigerbewegung, dieses Sich-Besinnen auf die einfachen Dinge, vorweggenommen habe.
Was hast Du mir angetan?
Wegen Dir bin ich so geworden, wie ich bin. Ein Mensch, der sich schuldig fühlt und schmutzig. Weil ich etwas Schlimmes getan habe.
Ich war Dir anvertraut. Ich war ein Kind.
Immer habe ich gehofft, dass mich meine richtige Familie finden würde. Du hast mit Deinem Schweigen gelogen. Du warst nicht der, der Du zu sein vorgabst.
Mein Hals wird eng.
Siehst Du das kleine hübsche Mädchen, das ich war? Unschuldig. Ich war unschuldig.
Auch wenn ich im Bett meine Hand auf meine Vulva legte und davon schöne Gefühle bekam. So etwas tun Kinder. Es heißt nicht, dass sie von einem alten Mann penetriert werden wollen.
Du warst einen ganzen Tag lang verschwunden, als ich das erste Mal menstruierte. Vor lauter Kummer, weil ich nun eine Frau war und schwanger werden konnte?
Danach hast Du mich nie wieder angefasst.
Ich tat Menschen leid. Nicht nur, weil ich in einer primitiven Laube lebte. Da war noch etwas anderes.
Ich habe es gehasst, jemandem leid zu tun.
Dir hätte ich leidtun müssen. Dir!
Hattest Du heimlich Mitgefühl? Hast Du Dich geschämt, so wie ich mich geschämt habe? Wie ich mich immer noch schäme?
Ich war froh, als Du tot warst. Auch dafür habe ich mich geschämt.
Mein Leben war eine einzige lange Geschichte von Schuld und Scham.
Ich habe versucht, dieser Welt zu entkommen. Ich habe gelesen, mit meinen Frauen gespielt. In meiner Phantasie lebte ich ein anderes Leben. Weil das, was ich hatte, nicht mein richtiges Leben war.
Mehr gibt es nicht zu sagen.
Ich lege die beschriebenen Seiten in eine Mappe, wo ich sie erst ein Jahr später wiederfinden werde.
Liebe Nanette,
ich bin wirklich erschüttert!
Ach, es tut mir so leid und ich kann nicht fassen, dass ein Großvater so etwas macht.
Und schlimm ist, dass es weder die Oma noch die Mutter mitbekommen bzw. verhindert hat.
Dieses „unbeschützt sein“ innerhalb der nächsten Angehörigen kommt ja noch hinzu.
Ich verstehe, dass es mit so einem Start besonders schwer war, gute und vertrauensvolle Beziehungen zu Menschen zu entwickeln.
Du bist trotz dieser Erfahrungen so eine tolle Frau geworden.
Liebe Grüße
Moira
Danke dir. Ich weiß gerade gar nicht so recht, was ich darauf antworten soll. Vielleicht einfach: Danke fürs Lesen und Mitfühlen.