Meine Reise mit Goloka (34) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2016

Meine Neuköllner Freundin ruft mich an. Wir haben uns fast zwei Jahre nicht gesehen, aber mein Weihnachtsbrief mit dem Märchenbuch hat sie so gefreut, da wollte sie sich gleich bedanken. Wir reden, als hätten wir das erst vor ein paar Tagen zum letzten Mal getan.

Es geht ihr nicht gut, auch wenn sie immer noch heiter ist und scherzt. Sie wiegt nur noch vierundsechzig Kilo. Schuld an diesem Gewichtsverlust – sie wog sonst um die achtzig Kilo – sind die neuen Metastasen im Bauch. Eine Operation ist nicht mehr möglich, die würde sie nicht überleben. Sie haben ihr zu einer Chemotherapie geraten, aber das will sie nicht. Die würde ihr Leben auch nicht verlängern.

Es ist doch sowieso erstaunlich, dass sie noch lebt. Vor acht Jahren rieten ihr die Ärzte, ihre Angelegenheiten zu regeln. Offensichtlich glaubte keiner daran, dass sie die nächsten Monate überstehen würde. Lachend erzählt sie mir, dass sie bei den Ärzten in der Onkologie als Wunder gehandelt wird. „Was? Die K.? Die lebt noch?“

Vielleicht lebt sie deswegen noch, weil sie einen sehr eigenen Weg hatte, mit dieser Krankheit umzugehen. Sie hat sich von Anfang an nicht sagen lassen, was sie tun oder vermeiden soll. Statt auf eine geeignete Leber für eine Transplantation zu warten, ist sie nach Ibiza zu einer Heilerin gefahren. Der sie behandelnde Professor war fassungslos.

„Sie machen wohl immer nur, was Sie für richtig halten?“

„Stimmt. Ich war früher Lehrerin, auch meine Schüler mussten machen, was ich für richtig hielt.“

Fröhlich hatte sie mir damals von diesem kleinen Dialog erzählt.

Aber sie glaubte nun mal daran, dass sie diese Krankheit besiegen würde. Und als es ihr nach ein paar Monaten dann doch sehr schlecht ging, ihr Leben auf der Kippe stand sozusagen, da verliebte sie sich plötzlich.

Ich bin bestimmt nicht die Einzige, die diese Liebe mit dafür verantwortlich macht, dass sie immer noch lebt.

Heute sieht sie ihren Freund nur noch am Wochenende. Sie versucht erst gar nicht, mir etwas vorzumachen. Dafür kennen wir uns zu gut. Sie ist mit ihm längst nicht mehr so glücklich, wie sie es einmal war.

Er ist in den letzten Jahren immer träger geworden. Am liebsten sitzt er auf dem Sofa und sieht fern. Und dann jammert er ihr auch noch etwas vor, wenn es ihm körperlich nicht so gut geht.

Sie würde gern kleine Ausflüge unternehmen, noch einmal das Meer sehen, aber er kann oder will nicht mehr Auto fahren. Ich verspreche sofort, mir etwas einfallen zu lassen. Sie ist doch nicht von ihrem Freund abhängig. Irgendjemand wird sich finden, der ein Auto bewegen kann. Ich könnte Jo fragen, für ein paar Euro würde er es bestimmt tun.

Vielleicht sollte ich über diese Freundin schreiben. Von ihrer Heiterkeit, ihrem mütterlichen Wesen, nicht zu vergessen ihrem Gottvertrauen, um das ich sie immer beneidet habe.

Die Liebesgeschichte dazu könnte sich auch Rosamunde Pilcher ausgedacht haben. Eine Frau, todkrank, mit dem Leben ringend, verliebt sich in einen alten Freund der Familie, der ein paar Jahre zuvor seine Frau verloren hat. Unverhofft taucht er am Krankenbett auf, und dann bleibt er in den nächsten Wochen still und fürsorglich an ihrer Seite. Sie kennen sich seit fünfundzwanzig Jahren, die Paare sind früher zusammen verreist, und jetzt plötzlich funkt es. Beide erleben eine große Liebe.

Und nun ist er ihr keine Hilfe, sondern eher lästig.

Ich verspreche, sie spätestens im Krankenhaus zu besuchen. Dann kann ich mit der Fähre über den See nach Kladow fahren.

 

Tag zehn ohne Alkohol.

Zum Einschlafen kann ich den Alkohol nicht gebraucht haben. Ich schlief früher nicht, ich schlafe heute nicht. Allerdings war die letzte Nacht vielleicht auch deswegen so unangenehm, weil mir der Besuch bei meinen Eltern auf der Seele liegt. Wie wird es sein? Ich habe doch schon früher diese Besuche vor allem mit ein oder zwei Gläsern Sekt ertragen.

Meine Mutter ist alt geworden. Sie stützt sich beim Laufen an der Wand ab. Ihre Stimme klingt leidend.

Ich beobachte mich, spüre schon nach kurzer Zeit eine gewisse Müdigkeit. Da würde ein Glas Prosecco helfen, aber ich lehne ab.

Ich fühle mich mit jeder Minute mehr wie ein zufälliger Gast bei Fremden.

Was habe ich mit diesen Menschen zu tun?

Meine Mutter hat Tränen in den Augen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Tränen auch auf Stress und Ärger zurückzuführen sind. Auf Emotionen, die nicht einzuschätzen sind.

Es geht nicht um mich, natürlich nicht, es geht darum, dass die Nachbarn immer fragen, ob ich mich schon gemeldet hätte. Jetzt kann sie erzählen: Ja, meine Tochter hat mich besucht.

Es ist schließlich nicht ganz normal, wenn Kinder ihre Eltern meiden.

Warum soll man eigentlich seinen Eltern verzeihen? Weil es gut für einen selbst ist. Und weil man ohne Verzeihen in der Hölle schmoren muss. So ähnlich hat der Hellinger-Guru das damals doch gemeint. Wer weiß, welche Leiche er bei seinen Kindern im Keller hatte.

Es ist das eine, seinen Eltern ihre Lieblosigkeit zu verzeihen. Das kann man tun. Zumal wenn wir erkennen, dass wir von der Elternrolle ebenfalls überfordert waren. Dafür bin ich das beste Beispiel. Das wäre auch alles längst Geschichte, hätte meine Mutter einmal gesagt, dass es ihr leid tut, dass sie mich bei meinem Großvater gelassen hat.

Aber wie die alte böse Kaiserin droht sie mir nur mit der endgültigen Enterbung.

Sie glaubt mir nicht, dass mir das egal ist. Außerdem hat sie mich doch schon vor vier Jahren enterbt. Was soll das? Also bitte. Ich verzeihe ihr auch dies. Nur die gute Tochter, die jetzt regelmäßig zu Besuch kommt, die werde ich auch weiterhin nicht sein.

Als ich auch in dieser Nacht nicht schlafen kann, schreibe ich mir mal wieder selber einen Brief.

Mein liebes Kind, liebe Jette,

auch wenn wir uns nicht sehen – und ich bin mir darüber im Klaren, dass dieser Umstand mit meinem Verhalten zu tun hat –, so weiß ich doch seit Jahren immer, wie es Dir geht. Ich lese Deinen Blog.

Auch wenn mein Körper nicht mehr im besten Zustand ist, ich alt und krank bin, mein Geist funktioniert, ich verstehe immer noch alles. Ich tu nur manchmal so, als wäre es anders, aber das wirst Du längst durchschaut haben, Du bist eine kluge Frau. Noch dazu eine, die seit so vielen Jahren mit sich ringt, die kämpft, forscht, sich nicht mit dem zufriedengibt, was manche vielleicht als Schicksal bezeichnen würden.

Mein Kind – und das bist Du, egal, wie wir zueinander stehen, mein Kind bist Du, mein Kind bleibst Du –, es tut mir leid, dass Du nach all den vielen Jahren immer noch mit diesen frühen Schrecken ringst und unter den Folgen leidest.

Ich habe mir damals, als Du mir von der Diagnose PTBS erzähltest, ein Buch besorgt. In diesem Buch wurde auch von Menschen berichtet, die in ihrer Kindheit sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren. Ich wollte verstehen, wie sich das im Leben eines Menschen auswirkt, ich wollte wissen, wie Du Dich fühlst.

Es tut mir übrigens leid, dass ich immer nur von „dieser Sache“ gesprochen habe. Die Erkenntnis darüber, was Dir zugestoßen ist, war für mich einfach zu schrecklich. Vor allem die Erkenntnis, dass ich Dir nicht geholfen habe. Dass ich blind war für Dein Leiden.

Ich habe damals nicht weiter darüber nachdenken wollen, warum Du Dir als Neunjährige plötzlich die schönen langen Haare hast abschneiden lassen, warum Du immer trauriger wurdest, Dich immer mehr in Dich zurückzogst, warum Du alle paar Wochen vereiterte Mandeln hattest.

Ich habe in der Zeit sehr wenig an Dich gedacht, das tut mir leid.

Als Du einmal mit der Kamera bei uns warst, hast Du ein Interview mit mir gemacht. Erinnerst Du Dich noch? Damals habe ich Dir erzählt, dass ich als junge Frau dachte, wenn ich ein Kind hätte, dann würde der Bubi sich vielleicht ändern. Dann würde er vielleicht bei mir bleiben, wäre nicht so unstet, nicht so verantwortungslos.

Ich habe deinen Vater geliebt, Du weißt es. Er war meine große Liebe, ich habe nie wieder so geliebt, aber auch das habe ich Dir erzählt.

Wir waren ziemlich verrückt früher.

Ich hätte gern studiert, Sprachen sind mir so leicht gefallen, aber das hat mein Vater nicht erlaubt. Ich habe versucht, das Beste daraus zu machen. So wie Du wollte ich unabhängig sein, mein eigenes Geld verdienen, und lieben wollte ich auch, wen ich will.

Du kannst Dir bestimmt vorstellen, dass das in den Fünfzigerjahren nicht ganz typisch für eine Frau war. Nicht einmal in der DDR war es das.

Ich mochte die Welt, die der Bubi mir gezeigt hat. All die Leute, die ständig über Kunst und Politik redeten, die aber auch zu feiern verstanden, das war doch so völlig anders als die Welt, aus der ich kam.

Buchholz, die Laube, das war so eng, auch was die Gedanken anging. Der Bubi kam aus einer anderen Welt, und das gefiel mir.

Es tut mir leid, dass ich dich bei meinen Eltern gelassen habe. Ich habe gesehen, wie es dir dort ging, auch wenn ich vielleicht nicht alles wusste. Ich hätte dich dort wegholen müssen. Aber dazu war ich damals nicht in der Lage.

Was es wirklich bedeutet, ein Kind zu lieben, das habe ich eigentlich erst bei meinem Enkel erlebt. Ich glaube, ich bin eine gute Großmutter geworden. Du hast es selbst einmal gesagt.

Trotzdem weiß ich heute, wie sehr es Dich verletzt haben muss, als ich ihm heimlich auf der Terrasse erzählt habe, dass er einmal mein Erbe sein wird, weil ich ihn über alles liebe, viel mehr als Dich, und dass für Dich ja noch etwas übrig bleiben wird.

Nach dieser ganzen Geschichte, die wir beide miteinander haben, kannst Du das nur als weiteren Verrat empfunden haben.

Bitte verzeih mir.

Ich weiß, dass Du in all den Jahren auf ein paar Worte von mir gewartet hast. Ich wünschte, ich wäre Dir eine bessere Mutter gewesen.

Ich konnte es damals nicht, aber ich kann es heute sein.

Und deswegen bitte ich Dich: Verzeih mir.

Und bitte glaube mir dies: Ich liebe Dich.

Deine Mama

Während des Schreibens und auch später weine ich. Ich kann mal wieder nicht aufhören.

Ich muss mich selbst lieben. Mit meinem Groll, meinem Schmerz, meinem Ärger.

Es wird keine Familie kommen, die das für mich tut. Auch ein Mann wird das nicht für mich übernehmen.

2 Gedanken zu „Meine Reise mit Goloka (34) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2016“

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