Meine Reise mit Goloka (40) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2018

An den Wochenenden muss ich nicht bei der kranken Freundin sein, ich habe frei. Dann arbeite ich in der Praxis, pflege WG-Kontakte, gehe mit Jo zu Royston Maldoom ins Radialsystem – ich verfolge die Arbeit des Choreographen seit dem beeindruckenden Film Rhythm Is It! –, hüte an einem Wochenende das Haus mit dem Hund im Nachbardorf und gehe anschließend sogar zu einer privaten Lesung.

Widerstrebend zwar, aber ich gehe. Die Freundin hat ihre Schwestern und zwei andere Frauen dazu eingeladen. Ein alter Freund von ihr macht Musik, und weil ihr dieser Termin so wichtig ist, weil sie über eine Absage traurig, bestimmt auch verärgert wäre, gehe ich zu ihr, obwohl ich kaum geschlafen habe, obwohl ich mich fühle, als würde ich auf einem schmalen Grat balancieren und demnächst in den Abgrund stürzen.

Als ich ihr später davon erzähle, sagt sie nicht etwa: Aber mein Gott, warum hast du nicht abgesagt? Nein, ich habe den Eindruck, dass sie nicht nachvollziehen kann, wie sehr mich derartige Verpflichtungen anstrengen, noch dazu in der jetzigen Situation.

An einem der nächsten Nachmittage rede ich mit der kranken Freundin über meine Ängste und Zweifel, erzähle ihr von der Art und Weise, wie ich mich erfahre. Davon, wie ich manchmal Freundschaften am Leben erhalte, die mich Kraft kosten, weil ich das Gesamtgefüge nicht durcheinanderbringen will.

Ich habe das Gefühl, dass es ihr oft ähnlich geht, sie aber ebenfalls nicht den Mut hat, aus diesem Muster auszubrechen.

Zwei Stunden später lese ich in einem Buch über Krebs – ich habe es in ihrem Arbeitszimmer gefunden –, dass wir andere Menschen heilen, wenn wir ihnen unsere Verletzlichkeit, unsere eigenen Ängste zeigen.

Manchmal erhalte ich über WhatsApp Nachrichten aus jenem Paralleluniversum, in dem die Menschen nicht mit Krankheit und Tod ringen. Immer wieder taucht die Frage auf, ob ich auch gut für mich sorge.

Wann sorgt man gut für sich? Wenn man sich nur das zumutet, wofür man auch die Kraft hat? Ich soll zwar gut für mich sorgen, aber wenn diese Sorge auch beinhaltet, dass ich Verabredungen ablehne, dann ist das auch nicht richtig.

Wenn ich etwas Zeit habe und mich nicht an den Schreibtisch der Freundin setzen will, an dem ich mir zwischen Bücher- und Papierstapeln eine kleine Fläche für meinen Laptop freigemacht habe, dann denke ich über einen Text für das Online-Portal nach.

Wie soll ich mich mit wenigen Worten selbst beschreiben?

Keine, die auf den ersten Blick Begehrlichkeiten weckt. Jünger denkend, agierend, fühlend. Das Aussehen eher altersgemäß. Als Gesprächspartnerin geschätzt. Kreativ.

So oder so ähnlich könnte er vielleicht aussehen.

 

Ein Mitarbeiter von Vivantes schließt die Freundin an den neuen Nahrungstropf an. Zehn Tage Flüssignahrung kosten 15000 Euro. Ich hoffe, dass die Krankenkasse das wirklich bezahlt. Was ist eigentlich so teuer an diesen kleinen Beutelchen?

Die Ärztin in der Klinik hatte sie ihr nicht verschrieben, aber die Hausärztin ist davon überzeugt, dass sie ohne diese zusätzlichen Kalorien immer weiter abbauen würde. Der Krebs frisst sie buchstäblich von innen heraus auf.

Während meine Freundin versorgt wird, sitze ich im Garten und beobachte die kleine Hummel, die neben mir im Gras aktiv ist. Auch in ihr ist diese Lebendigkeit, auch sie würde alles tun, um am Leben zu bleiben.

Wie warm es plötzlich geworden ist, dabei hat der Frühling gerade erst angefangen. Winterlinge und Krokusse blühen schon seit einer Weile. In wenigen Tagen wird die Magnolie ihre volle Pracht entfaltet haben, ich habe jeden Tag ein Foto von den Blüten gemacht.

Das sind kleine kostbare Momente für mich. So kostbar wie die Gespräche mit der Freundin, wie das Vorlesen, das ihr so viel Freude macht und das ich gerade deswegen auch selbst genieße.

Heute ist der 9. April. Sie schafft an meinem Arm die Treppe zur Wiese hinunter, wo wir zwanzig Minuten nebeneinander in der Sonne sitzen. Sogar gesungen wird.

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort.
Und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.“

Unser Lied.

Wie oft haben wir es Ende der Neunziger gesungen, wenn wir von unserem wöchentlichen Chortreffen am Kanal nach Hause gelaufen sind.

Was haben wir schon alles miteinander erlebt. Workshops, Reisen zu Inseln, ans Meer, das wir beide so lieben, nicht zu vergessen die Anteilnahme an den jeweiligen Verliebtheiten, dem Liebeskummer der anderen. Sie war und ist wie eine ältere Schwester für mich.

Jetzt störe ich unsere schöne Stimmung, als ich laut darüber nachdenke, dass ich jetzt, wo auch ihr Enkel hier wohnen wird, nach Hause fahren könnte.

Sie fängt an zu weinen. Ihr Enkel macht das nicht so gut, der sieht nicht gleich wie ich, was sie braucht.

Einerseits bin ich gerührt, andererseits fühle ich mich schon wieder in der Pflicht, und das stresst mich.

Sie dagegen ist von meiner Frage gestresst, wie sie hier überhaupt zukünftig leben will. Allein wird sie das nicht schaffen.

Einerseits vermittelt sie mir das Gefühl, dass sie daran glaubt, dass es ihr in ein paar Wochen, ein paar Monaten besser gehen wird, andererseits scheint da etwas zu sein, was diesen Glauben torpediert.

Das heimliche Wissen darüber, dass sie sterben wird? Denn das glaube ich, behalte es aber für mich.

Ich habe schon einiges angesprochen, was ihr nicht angenehm war. Ihre eigenartige Beziehung zu diesem Mann, der sie seit Wochen nicht besucht hat, weil er das nicht aushält. Seine Frau ist schließlich auch schon an Krebs gestorben, und dann beunruhigt ihn dieser Krankenhauskeim, das ist alles zu viel für ihn. Stattdessen telefonieren sie einmal am Tag, dabei jammert er ihr stets etwas vor.

Sie sagt, wenn er an ihrem Bett säße, würde er sie nur aufregen. Sie müsste sich um ihn kümmern, weil er so leidet.

Er weiß nicht, dass sie sich schon lange nicht mehr wohlfühlt in dieser Beziehung. Sie hat es ihm nicht gesagt.

Ich überlege, warum wir nicht wenigstens im Angesicht des Todes ehrlich sind. Was haben wir denn noch zu verlieren?

Aber natürlich kann ich nur hoffen, dass ich es anders machen werde, wenn es so weit ist. Oder noch besser, ich könnte gleich damit anfangen, ehrlich von meinen Bedürfnissen zu sprechen. Genug geübt habe ich doch schon.

Obwohl es mir nicht leicht fällt, bringe ich ein paar Tage später das Gespräch noch einmal auf den Umstand, dass ich gern nach Hause möchte.

Diesmal fließen keine Tränen. Diesmal kann die Freundin meinen Wunsch nicht nur verstehen, sie sagt, sie hätte selber auch schon darüber nachgedacht.

Also packe ich nach vier Wochen meine Taschen und fahre wieder nach Hause. Vorher verspreche ich noch, wieder zurückzukommen, wenn es ihr mit der Familie doch nicht so gut geht.

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