Meine Reise mit Goloka (48) – Aus dem Langzeitprotokoll 2016 – 2018

Als ich der Freundin erzähle, dass ich mir einen Mann gewünscht habe, der gläubig ist, da will sie wissen, wofür ich Gott brauche.

Wofür ich ihn brauche? Ich brauche ihn nicht, aber da ist schon so lange diese Sehnsucht in mir. Dieser Wunsch nach Bindung. Die Hoffnung, dass ich in etwas Größerem aufgehoben bin. Die Natur allein, in der ich mich ja immerhin gelegentlich aufgehoben fühle, genügt mir anscheinend nicht.

Ich bin immer noch nicht verliebt. Und ich weiß nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist. Ich fühle mich angezogen. Möchte von seinen Armen gehalten werden. Dazu muss nicht die Blasmusik aufspielen.

Vielleicht handelt es sich um eine Form von Resonanz. Das Dunkle in mir reagiert auf das Dunkle in ihm. Da gibt es in uns beiden ja einiges. Seine, meine Vergangenheit, seine Sucht, meine gelegentlich suchtartige Suche – Männer, Frieden, Gott – wir passen ganz gut zueinander.

Aber manchmal vermisse ich dieses aufregende Gefühl, dieses Zittern, das ich von früheren Verliebtheiten kenne. Aber war ich da überhaupt richtig verliebt? Und jetzt ist es falsch?

Vielleicht habe ich früher vor allem gezittert, weil Sexualität für mich am Anfang ja oft Stress bedeutet. Deswegen bin ich verunsichert, wenn es mir gut geht, wenn mein Körper reagiert, wenn ich berührt werde.

 

Wir haben zwei Tränken aufgestellt. In unseren Garten kommen Fuchs und Igel, Fledermäuse, Libellen, Schmetterlinge, Eichhörnchen, Kohlmeisen, Blaumeisen, Rotkehlchen, Eichelhäher, Amseln, eine Drossel, Grünfinken, Kleiber, Buntspecht, Tauben, sogar einen Zaunkönig haben wir schon gesehen. Hier ist immer etwas los.

Bei meinem Freund in der Stadt gibt es nur Spatzen und ein Taubenpaar.

Ich kenne ihn jetzt seit sechs Wochen. Wieder einmal hat er für mich gekocht. Nach dem Essen sitzen wir bei Kaffee und Dessert und reden. Er erzählt von seinen ersten sexuellen Erlebnissen. Ein Mann hat ihn verführt. Ich staune über diese Wortwahl, denn immerhin war er damals schon siebzehn. Aber das Geschehen hat ihn verwirrt.

Es gab später noch einige Kontakte zu Männern, aber dann hat er sich geprüft, und heute ist er sicher, dass er mit einer Frau zusammen sein will, dass es Frauen sind, die ihn interessieren. Obwohl Sexualität mit einem Mann einfacher ist. Das kann ich mir sogar vorstellen.

Es ist dieser Moment, in dem er mir gegenübersitzt und mir stark und verletzlich erscheint, beides gleichzeitig, in dem etwas in mir in Bewegung gerät. Wir berühren uns ständig, Schauer laufen über meinen Körper, ich befinde mich in einem Zustand erhöhter Aufgeregtheit. Allerdings ist es mir nicht möglich, mich ihm hinzugeben.

Vielleicht hätten wir es gleich in der Küche auf dem Tisch treiben sollen. Das Bett als Ort der sexuellen Begegnung gefällt mir eben nicht, Ausnahmen wie bei unserem Ausflug bestätigen diese Regel ja nur.

Nach dieser eigenartigen Nacht, in der ich kaum geschlafen habe, nach ein paar Stunden in der Praxis, fahre ich nach Hause, weil wir die Schwestern zum Grillen eingeladen haben. Als Ersatz für das Sommerfest, das ja nun nicht stattfindet, weil es vor allem mir zu viel gewesen wäre, das alles zu organisieren. Jos Geliebte ist auch da, wir sind also eine kleine Runde.

Am liebsten würde ich mich ins Bett legen, das Grillen absagen, aber das gestatte ich mir nicht. Die Reaktion der Schwestern kann ich mir ausmalen, und deswegen versuche ich, eine gute Miene zu machen und mich wenigstens ein paar Stunden wach zu halten. Das gelingt mir nur mit großer Kraftanstrengung.

Ich bin nicht ganz bei der Sache, langweile mich noch dazu, habe aber nicht die Energie, die äußeren Umstände so zu verändern, dass ich diese Zusammenkunft als bereichernd empfinde. Ich scheine mal wieder als diejenige einen Auftritt zu haben, die ihre Wertschätzung zum Ausdruck bringt. So scheint zumindest Jo zu denken, denn am nächsten Tag sagt er, wenn ich nicht dabei gewesen wäre, wäre es nicht so schön gewesen.

Wozu werde ich gebraucht?

Nach dem Essen schlafe ich am Tisch ein. Ich bin mir sicher, so etwas ist mir noch nie passiert. Als ich aus einem kurzen Alptraum aufwache, ziehe ich mich – ein wenig überstürzt – zurück. Was bei den Schwestern auf Unverständnis stößt. Sie fühlen sich vor den Kopf gestoßen, wie sie mir – nacheinander – am nächsten und übernächsten Tag schriftlich mitteilen. Und als müsste ich mich für mein Vergehen nun selber bestrafen, falle ich nach einer mich kompromittierenden Mail die Treppe herunter.

Ich hatte geschrieben, dass ich mich oft schuldig fühle, weil ich ihre Wünsche nicht erfülle und dass mich Anklagen in emotionale Bedrängnis bringen.

Der Sturz beschert mir für einen Moment einen Adrenalinschub, später ist mein Fuß geschwollen. Ein paar Tage lang fühle ich mich unwohl.

Ich nehme an, weil ich nicht weiß, welches Verhalten in einem solchen Fall angemessen wäre. Müsste ich mich entschuldigen? Auch wenn ich finde, dass ich nichts getan habe, das eine Entschuldigung notwendig macht?

Würde es genügen, wenn ich sage: Ich verstehe deine Gefühle? Ich verstehe sie nicht. Da fängt es schon mal an. In meiner Gegenwart kann jede und jeder ein wenig überhastet den Tisch verlassen. Am nächsten Tag würde ich vielleicht fragen, ob etwas passiert ist. Aber vor den Kopf gestoßen? Ich habe das Wort gegoogelt, es bedeutet, dass sich jemand verletzt fühlt.

Anscheinend verletze ich andere Menschen, denn mein Verhalten stößt gelegentlich auf Unverständnis. Mal ziehe ich mich zurück, mal bin ich nicht berechenbar, immer wieder habe ich das Gefühl, dass es darum geht, dass ich Erwartungen enttäusche. Das macht mir Stress. Es dauert ein paar Tage, bis ich gefühlsmäßig wieder auf einem normalen Level gelandet bin.

Was wird bleiben, wenn ich mich von dieser Welt verabschieden muss? Woran werde ich mich erinnern? An die schönen Momente vermutlich. An aufflackernde Liebesgefühle für diesen Mann. An angenehme Gefühle, die ich Freunden oder den Mitbewohnern in der WG entgegenbringe. An gute Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen. An Inniges. Vor allem aber an die Momente, in denen ich mich besonders lebendig fühle.

 

In der Nacht hat es gegossen. Ich bin bei meinem Freund in der Stadt und lümmle die meiste Zeit auf dem Liegestuhl. Es ist zu warm. In meinem Körper ein solches Sehnen, wie ich es noch nie gespürt habe. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern.

Dieses Gefühl ist tatsächlich so süß, wie es Dichter beschreiben. So süß und überwältigend, dass es mich zu Tränen rührt. Da muss ich dreiundsechzig Jahre alt werden, um mich wie die Blume zu fühlen, die sich für den Schmetterling öffnet, sich ihm hingibt.

Hingabe, ein Wort, mit dem ich früher nicht viel anfangen konnte. Und jetzt bin ich so froh über dieses Geschehen in meinem Körper, fühle mich so bereichert. Es ist anders als das, was ich kenne. Und es gibt für diese Empfindungen auch keinen Höhepunkt, keine Art von Erfüllung. Sie führen nicht zu irgendwelchen wie auch immer gearteten sexuellen Aktivitäten.

Ich liege nur da in diesem Liegestuhl und spüre sie. Vielleicht haben sie auch gar nichts mit Sexualität zu tun. Nichts mit diesem Mann. Den ich jetzt seit acht Wochen kenne.

Vielleicht hätte ich diese Gefühle auch ohne Mann. Vielleicht haben sie damit zu tun, dass ich mich plötzlich so offen und berührbar fühle, als wäre ich im Einklang mit mir und meinem Sein. Vielleicht habe ich mich in dieser halben Stunde dem Leben geöffnet und hingegeben.

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