Sind es Berührungen, nach denen ich mich sehne, die ich brauche? Oder anders ausgedrückt: brauche ich dafür einen Mann? Denn intellektuell kann ich mich ja selbst anregen.
Ich schreibe, lese, schaue mir Kunst an. Mit meinem Freund kann ich sogar über Gefühle reden. Er scheint eine innere Welt zu haben. Ihm ist nichts fremd. Er weiß eine Menge über das Leben, das haben ihm die vielen Jahre in den Gruppen beschert, sagt er. Er kennt die Vermeidungsstrategien, die Lügen, die man sich selbst auftischt.
Er ist stolz darauf, nie eine Therapie gemacht zu haben. Die meisten Alkoholiker bräuchten eine, sagt er, er nicht. Ich finde das schade, da ich merke, wie ihn bestimmte Themen aufregen. Aber da ich vermute, dass er gleich wieder um den Block laufen müsste, wenn ich sie anspreche, behalte ich meine Gedanken für mich.
Vielleicht denkt er manchmal darüber nach, ob es klug ist, sich auf jemanden wie mich einzulassen. Ich komme aus der Welt des Alkohols, kehre auch regelmäßig in diese Welt zurück.
Die Freundin ist ehrlich entrüstet. Sie möchte wissen, wie ich es anstelle, dass sich immer wieder Männer in mich verlieben. Ist das eine berechtigte Frage?
Ich bin, wie ich bin. Ich spiele keine Spielchen. Bin – meist jedenfalls – eindeutig und klar. Ich weiß nicht, was Männer in mir sehen. Bestimmt keine Frau, die man beschützen muss. Eher eine, mit der man gern kuschelt. Von der man sich gern berühren lässt, die man gern berührt. Einige haben mir erzählt, dass sie die Gespräche mit mir schätzen.
Ich weiß es doch auch nicht. Letztlich ist es auch egal. Und ja, mich freut, dass es so ist. Aber das bedeutet nichts. Gar nichts.
Meinen Geburtstag feiere ich mit meinem Freund. Wir hüten eine Woche lang ein Haus, füttern Hasen, sprengen den Rasen, heben Äpfel auf, sonst haben wir frei.
Wir fahren an den See oder lassen sogar das sein, denn der Pool im Garten ist groß, das Wasser angenehm kühl. Wir lungern auf den Gartenliegen herum, schaukeln abends beim Vorlesen in der Hollywoodschaukel, einmal toben wir sogar quer über die Betten.
Mein Körper ist weich und nachgiebig, voller Lust. Gleich muss ich an den Mann denken, mit dem ich vor achtunddreißig Jahren das erste Mal einen Orgasmus beim Vögeln erlebt habe. Wie einfach der Sex mit ihm war. Wie befriedigend. Und wie frei ich mich mit ihm gefühlt habe.
Was mir hier sehr gut gefällt: Ich arbeite täglich konzentriert etliche Stunden am neuen Text, am vorletzten Tag sind es sogar sechs Stunden am Laptop. Das fühlt sich richtig an, trotzdem bin ich mir bewusst, dass ich mich meinem Freund dadurch auch immer wieder ein Stück entziehe.
Zu Hause dann die Ernüchterung. Nicht nur, was meine lustvollen Gefühle angeht, auch in der WG ist es schwierig.
Für das Gästezimmer hat sich ein Däne angemeldet, von dem ich dann aber nichts weiter höre oder lese.
Eigentlich möchte ich mich nicht um Nachmieter kümmern, ich möchte hier auch nicht die Chefin sein, nicht die, die das Zepter führt. Eigentlich möchte ich meine Ruhe. Nur werde ich die vermutlich nicht finden, solange ich hier lebe. Weil immer etwas Neues ansteht, etwas organisiert oder erledigt werden muss.
In diesem Jahr bin ich oft unterwegs. Kaum habe ich meine Sachen gewaschen und neu gepackt, fahre ich schon wieder fort. Mit den Freundinnen ins Havelland zu unserem jährlichen Besuch dort.
Diesmal sind wir zu fünft. Außer den Schwestern und mir sind noch die Nachbarin und meine Freundin aus Gießen dabei.
Die Tage gleichen mal wieder einem ruhigen Fluss. Wir lesen, plaudern, manche schreiben, es wird gut gekocht, auch ein Glas Wein darf nicht fehlen. Vor allem aber genießen wir die Ruhe, die so ruhig gar nicht ist. Im Nebengebäude wird ein neues Zimmer gebaut, da hört man immer mal etwas.
Das Aufregendste sind die Hornissen, die sich abends vor unserem Fenster sammeln und Einlass begehren.
Der Garten wurde offensichtlich die ganze Zeit gut gewässert, alles blüht. Cosmeen. Dahlien. Nachtkerzen. Der Phlox. Sogar der Farn steht noch aufrecht und protzt mit seinem Grün.
Abends gehen wir zum See und beobachten die Kraniche, die sich dort zur Nachtruhe sammeln. Anfangs sind es zweihundertsechzig, ein älteres Paar hat sie im offiziellen Auftrag gezählt, doch von Tag zu Tag werden es mehr. Manchmal ist es auf der Sandbank so eng, dann fliegen sie in Scharen wieder fort.
Nach der abendlichen Vogelsichtung lesen wir aus dem Roman „Sommerstück“ von Christa Wolf vor. Anfangs fällt es mir schwer, in die Geschichte einzutauchen, doch auch das wird zunehmend leichter.
Mein Freund schreibt aus der Stadt, dass er mich vermisst. Ich vermisse ihn nicht. Aus den Augen, aus der Gefühlsschleife. Aber ich rede gut von ihm. Erzähle der Freundin aus Gießen von dem Dunkel, das uns beide verbindet.
Ich vermisse tatsächlich selten jemanden. Das kommt mir selbst komisch vor, aber so ist es. Natürlich möchte ich nicht allein auf der Welt sein, ich freue mich, wenn andere Menschen in meiner Nähe sind, Menschen, die ich mag, mit denen ich reden und mich austauschen kann. Aber ich bestehe nicht darauf, dass es immer dieselben sind.
Allerdings vermisse ich Berührungen, eine bestimmte Form von Nähe, und diese ist schon an einen bestimmten Menschen gebunden.
Wieder einmal wundere ich mich über die Schreibfreundin. Was sie alles weiß. Und was sie alles behält. Nicht nur die Duineser Elegien, nein, sie zaubert auch Geschichten über Rainer Maria Rilke aus ihrem Kopf. Dass er Lou Andreas-Salomé so geliebt hat. Dass er durch sie zu einer neuen Art des Schreibens fand. Dass er mit Clara Westhoff ein Kind hatte, diese Frau aus Worpswede aber nicht liebte.
Habe ich auch ein Spezialwissen? Nein. Ich kann mich allerdings an Geschichten erinnern, die mir Menschen einmal erzählt haben.
Wir fahren nach Strodehne, wo den Damen der Einstieg an der kleinen Naturbadestelle zu unsicher ist. Trotzdem gehen sie dann doch ins Wasser. Nur die Nachbarin nicht, aber sie hat, wie sie selbst sagt, ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper. In all den Jahren, die wir nun schon im Sommer hierher fahren, habe ich sie noch nie in einem Badeanzug gesehen.
Richtig schön wird es später an der offiziellen Badestelle, wo wir die einzigen Gäste sind. Wie die Kinder tollen wir im Wasser herum, necken uns, sind übermütig, und ich bin so voller Liebe für meine Freundinnen, am liebsten würde ich sie alle gleichzeitig umarmen und herzen und küssen.
Und wie gut ich mich in meinem Körper fühle. Das hat bestimmt mit meinem Freund zu tun. Er bestätigt mir immer wieder, wie schön und begehrenswert er mich findet. Gerade stelle ich mir vor, wie es sein wird, wenn ich wieder zu Hause bin.
Ist er „mein“ Mann? In diesem Moment bezweifle ich das.
Als wir noch einen Spaziergang durch das Dorf machen, entdecke ich in einem Fenster den Hinweis, dass in diesem Haus eine Wohnung vermietet wird.
Wäre das nicht was für meinen Freund und mich? Wir träumen beide von einem Leben in der Natur. In zwei oder drei Jahren will er von der Stadt aufs Land ziehen, will nur noch die Natur genießen. Hier hätten wir reichlich davon. Und die Havel vor der Tür.
Über der zu vermietenden Wohnung gibt es eine zweite, die bewohnt ist. Ich wäre also nicht allein, wenn ich in der Woche hier wäre und er in der Stadt arbeiten würde.
Offensichtlich habe ich vergessen, dass sich meine Gefühle gerade im Nanobereich befinden und ich überhaupt unsicher bin, was den Ausgang dieser Liebesgeschichte betrifft. Andererseits könnte ich auch mit anderen Menschen hier draußen eine WG gründen, Zimmer gäbe es genug.
Ich mache also ein Foto, rufe am nächsten Tag die angegebene Telefonnummer an.
Der Vermieter und Eigentümer ist ein offensichtlich älterer Mann aus der Nähe von Mannheim, der das Haus geerbt hat und es nun nach und nach bewohnbar macht. Die untere Wohnung hat sechs kleinere Zimmer, gerade baut er ein neues Bad ein, und ein riesiges Grundstück gehört auch dazu.
Wir verbleiben so, dass ich mich irgendwann im Frühjahr wieder bei ihm melde.