Zur gewohnten Zeit. Manchmal denke ich, ich hätte vor zwanzig Jahren einen Youtubekanal für Schlaflose ins Leben rufen sollen. Aber hätte hätte. Im Gegensatz zu früher fühle ich mich von dieser nächtlichen Phase nicht mehr gequält. Seit ich auf Alkohol und Zucker verzichte und meinen Körper auf Keto umgestellt habe, bin ich sogar nachts manchmal heiter. Zumindest grübele ich nicht.
Heute Nacht suchte ich einen bestimmten Text. Ich fand ihn nicht, dafür einen Tagebucheintrag von März 2021. Wenn ich in dem Buch von Richard Rohr „Reifes Leben“ lese, dann kommt es mir vor, als würde irgendetwas, irgendjemand zu mir sprechen. Abgewandelt könnte ich auch fragen: Was liegt hier vor mir und ruft nach mir? Daneben hatte ich mir folgendes Zitat aufgeschrieben:
„Es geht darum, den Heimweg zu finden und nach Hause zurückzukehren; es geht um die Erkundung und die Definition dessen, was wirklich ‚Heimat‘ ist. Heimat ist sowohl der Anfang als auch das Ende. Heimat ist überhaupt kein sentimentales Konzept, sondern innerer Kompass und Polarstern zugleich. Heimat ist eine Metapher für die Seele.“
Ich weine ja gern, wenn ich etwas als „wahr“ erkenne. Danke Richard Rohr. Er ist einer meiner Lieblingsfranziskaner, ein Stachel für die Katholische Kirche mit seiner modernen Spiritualität. Ich habe ihn im Frühjahr 2021 entdeckt, nach dem Tod meiner Mutter. In den Monaten, in denen sich für mich so vieles bewegte und in denen ich mich körperlich viel bewegte. Seine Bücher gaben mir eine Erklärung für jene Ereignisse, die mich über Jahrzehnte begleitet hatten und die ich nie einordnen konnte. Früher nannte ich sie „Momente der Gnade“. Gnade, weil sie scheinbar aus heiterem Himmel zu mir kamen, mich für Sekunden, Minuten – einmal auch ein paar Stunden – leuchten und beben ließen. Lange dachte ich, sie würden mir als Ausgleich für Ängste und Depressionen geschenkt. Von jemandem, der es gut mit mir meinte. Gott konnte ich dazu nicht sagen. Ich war Atheistin. Später Agnostikerin.
Seit Richard Rohr weiß ich, dass ich auf einem Weg war, den man als „mystisch“ bezeichnen könnte. Längere Geschichte. Nichts Besonderes, viele Menschen erleben Ähnliches. Aber seit seiner Lektüre habe ich viel verstanden.
Was mich heute Nacht an diesem alten Text getroffen hat, war das Wort Heimat. Ein Reizwort. Oder wie ich 2014 in einem Gedicht schrieb: Das Wort Heimat niemals für mich. Und nun, nach all den Jahren der Suche nach einem Ort, weiß ich: Heimat ist kein Ort. Intellektuell wusste ich das schon länger, nur hatte sich dieses Wissen nicht bis zu meinen Gefühlen herumgesprochen. Das hat gedauert.
Jetzt weiß und jetzt fühle ich: Heimat ist der Zustand, in dem ich bei mir bin. Verbunden mit der Quelle, dem Urbewusstsein, aus dem alles entsteht, mit Manitu. Eine enorme Erleichterung. Ich muss nichts suchen. Nichts finden. Alles ist da.