Meist kam meine Mutter an Weihnachten zu uns in die Laube. Aber ein- oder zweimal in meiner Kindheit fuhren wir an den Feiertagen zu ihr „in die Stadt“. Wobei „Stadt“ für mich alles war, was außerhalb unserer Laubenkolonie lag. Buchholz – offiziell zum Bezirk Berlin-Pankow gehörend– nannte ich eher Dorf. Die Stadt begann erst in Pankow.
An diesen wenigen Weihnachten liefen meine Großeltern und ich um die Mittagszeit zur Endhaltestelle der Straßenbahn, der Linie 49. Sie brachte uns bis Pankow Kirche, wo wir in einen Bus umsteigen mussten. Es war kalt, auf den Wegen lag Schnee. Straßen konnte man das nicht nennen, es waren ungepflasterte Wege mit tiefen Kuhlen in der Mitte. Ein Horror für Autofahrer, aber wer hatte schon ein Auto?
Meine Mutter lebte in Wilhelmsruh, in einer kleinen Zweizimmerwohnung. Vom Wohnzimmerfenster blickte man direkt auf den Bahnhof, der bereits im Westen lag. Sie hatte einen echten Baum, mit echten Kerzen. Es gab Kaffee, Plätzchen, und irgendwann die Bescherung. Ich bekam selten das, was ich mir wünschte. Stattdessen gab es meist ein Buch oder irgendetwas Praktisches. Aber das wusste ich vorher. Es schmälerte meine Freude nicht. Ich war aufgeregt, angespannt vor Glück. Mit großem Elan und vollem Körpereinsatz sagte ich das Gedicht auf, das ich in einem Heft gefunden und auswendig gelernt hatte.
Meine Mutter legte den dünnen Schal um und zeigte stolz den Stoff, den sie ausgepackt hatte. Sie würde sich ein Kleid nähen lassen – das war damals normal – und darin aussehen wie die „Gräfin“, wie man sie im Büro nannte. Das habe ich erst später erfahren. Damals sah ich nur, wie sie sich freute.
Irgendwann kam auch mein Vater. Er lebte in West-Berlin, hatte aber einen westdeutschen Pass. Ich nehme also an, dass es 1963 oder 1964 gewesen sein muss. Ich war acht oder neun.
Ich weiß nicht, ob ich damals tatsächlich so froh war, weil wir von außen wie eine normale Familie wirkten, oder ob ich das heute so sehe. Aber irgendetwas muss besonders gewesen sein. Denn an viele andere Weihnachten erinnere ich mich kaum. An dieses schon.
Auf einem Foto aus jener Zeit sitze ich auf dem Schoß meines Vaters. Ich wirke angespannt. Er war mir immer etwas unheimlich. Ich glaube, ich war glücklich, weil meine Mutter so glücklich war. Ich habe einen großen Teil meines Lebens damit verbracht, von ihr geliebt zu werden.