Beim Zahnarzt (2003)

„Der Zustand Ihrer Zähne ist katastrophal. Karies überall. Und die Brücke oben ist uralt – die muss raus.“
Herr Freitag lehnt sich zurück, zufrieden mit seiner Bestandsaufnahme. Viel sehe ich nicht: Mundschutz und eine Art Taucherbrille mit stark vergrößernden Gläsern. Kein Wunder, dass er wahrscheinlich auch die letzten Croissantkrümel von heute Morgen entdeckt hat. Zähneputzen war nach dem Essen kaum möglich, die rechte Gesichtshälfte tat so weh, dass mir selbst die  Bürste wie ein Folterwerkzeug vorkam. Jetzt werde ich tatsächlich rot.

Wie soll ich erklären, dass ich erst vor drei Monaten beim Zahnarzt war? Oder dass mir mit sechzehn mehrere Zähne ohne erkennbaren Grund ausgefallen sind? Ich erkläre gar nichts. Herr Freitag nimmt seine Brille ab. Strahlend blaue Augen. Kalt. „Ich brauche eine Röntgenaufnahme. Bitte folgen Sie Frau Werner.“
Ich versuche elegant aus dem Stuhl zu steigen. Wenn schon die Zähne versagen, soll wenigstens der Rest intakt daherkommen. Leider fällt mir mein grauer Ansatz ein und die Lieblingsjeans mit leichtem Schlag. Vermutlich wirke ich wie eine späte Hippie-Erscheinung.

Frau Werner führt mich zum Röntgen. Ich öffne den Mund, sie sagt: „Und die Augen bitte auch.“ Warum eigentlich? Es wäre angenehmer, das Elend nicht zu sehen. Der Mund klappt sofort wieder zu. „Den machen wir jetzt wieder auf“, sagt sie geduldig. Ich gehorche.

Zurück im Behandlungsstuhl friere ich wieder. Herr Freitag erklärt, dass sich in mehreren Wurzelkanälen Fäulnisgase gebildet hätten. Er versucht zu retten, was zu retten ist, macht mir aber wenig Hoffnung für den Zahn. Mir egal. Ich will nur, dass der Schmerz aufhört.

Dann das Wunder: Noch nie hat mir jemand eine so sanfte Betäubungsspritze gegeben. Ich könnte Bücher über Foltermethoden anderer Zahnärzte schreiben. Auch die Behandlung selbst ist völlig schmerzfrei. Dieser Mann hat göttliche Hände. Seine Bemerkung, mein Zahnfleisch hänge wegen der Parodontose „in Fetzen“, nehme ich hin und denke nur: Zum Glück hängt nichts heraus.

Beim Gehen stelle ich die entscheidende Frage: „Darf ich trotz des katastrophalen Zustands weiterhin zu Ihnen kommen?“
Er schaut überrascht. „Sie haben mich missverstanden. Natürlich. Lassen Sie sich in zehn Tagen einen Termin geben.“
Frau Werner tätschelt meinen Arm: „Das kriegt der Doktor wieder hin.“

Beim Hinausgehen verhakt sich mein Rucksack im Türgriff. Egal. Die Schmerzen haben aufgehört. Das zählt.

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