Der Apfel, den ich in den Baum gehängt habe, wird inzwischen von den Meisen angenommen. Ein kleiner Picker dort, ein kleiner Picker da.
Ich bin erleichtert, fast schwerelos. Denn ich habe etwas getan, was ich schon eine Weile vor mir hergeschoben habe: Ich habe meine schöne Atelierwohnung zum März gekündigt.
Die Entscheidung selbst ist mir leicht gefallen. Aber sie meiner Vermieterin mitzuteilen – die ja ein bisschen mehr ist als nur Vermieterin –, das war alles andere als leicht. Gestern Mittag saß ich in der Sonne, freute mich an der Wärme und bewegte diesen Gedanken in mir hin und her: Sage ich es noch vor Weihnachten? Sage ich es nach Weihnachten? Wie sage ich es überhaupt?
Währenddessen wurde der Knoten in meinem Magen immer größer. Und als ich gefühlt kurz vor einer Ohnmacht stand, wusste ich: Ich kann das nicht länger aufschieben. Ich muss es jetzt sagen.
Ich weiß nicht, wie es anderen Menschen geht, aber bei mir ist es so: Das Ungesagte – das, was in meiner Fantasie oft so schwer wiegt, das vor allem so schwer sagbar scheint, weil ich Reaktionen fürchte, weil ich glaube, für die Gefühle anderer verantwortlich zu sein, weil ich mich verpflichtet fühle, auch wenn ich es nicht bin – all das wächst. Und wenn ich es nicht ausspreche, landet es irgendwann an einem verkehrten Ort und erzeugt Stress in meinem Körper. Vielleicht macht es ihn sogar krank. Das will ich nicht ausschließen.
Also habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und bin dem Gespräch entgegengegangen. Und es war gut. Kein Anklagen, keine Verurteilungen. Ein emotionales, aber sehr klärendes Gespräch. Eines, das mich mit guter Laune und einer enormen Leichtigkeit entlassen hat. Hin zu einem neuen Erleben. Hin zu neuen Ufern.
Denn ich habe noch Träume. Oder besser: Ich hatte sie – und sie sind geblieben. Einer meiner alten Träume war es, auf dem Land zu leben. Richtig auf dem Land. Den habe ich mir vor drei Jahren erfüllt. Ein anderer Traum ist mindestens genauso alt: Für eine Weile unterwegs zu sein. Ein Jahr, kürzer oder länger – das weiß ich noch nicht. Ich möchte in verschiedenen Ländern, an verschiedenen Orten leben. Ich möchte wissen, wie ich mich als Fremde fühle. Wie ich anders werde an anderen Orten.
2016, nach dem Tod unseres Hauptmieters, der auch ein guter Freund war, habe ich schon einmal einen Anlauf genommen. Ich wollte Work and Travel machen, habe aber gemerkt, dass das nicht das Richtige für mich ist. Fünf Stunden tägliche Arbeit für Kost und Logis – das wollte ich nicht. Ich wollte unabhängig sein.
2021, nach dem Tod meiner Mutter, habe ich mein großes Zimmer in der WG gegen ein winziges getauscht, um Geld für die Erfüllung dieses alten Traumes zu haben. Doch dann kam die C-Zeit. Reisen wurde schwierig. Weiter als nach Slowenien und Florenz bin ich nicht gekommen, dazu ein paar Städte in Deutschland. Schließlich habe ich die Idee aufgegeben.
Und jetzt nehme ich einen neuen Anlauf. Aller guten Dinge sind drei.
Ich bin froh, dass ich nicht vor Umständen flüchte, die mir nicht guttun. Nicht „weg von“, sondern „hin zu“. Ich gehe einem neuen Erleben entgegen. Einem, das zu meiner aktuellen Freude und Heiterkeit passt. Dieser Gedanke macht mich glücklich.
Heute habe ich mir Turun angesehen. Opole. Kleine Orte, in denen ich mir eine kleine Wohnung leisten könnte. Orte, die vielleicht der Anfang einer Reise sein könnten, von der ich nicht weiß, wohin sie mich führen wird. Vielleicht bringt sie mich schnell wieder zurück an einen festen Ort. Vielleicht lässt sie mich innerlich immer weiter werden. Ich weiß es nicht, es spielt auch keine Rolle. Es freut mich auf alle Fälle jetzt schon, in meiner Fantasie zu reisen. Und das reicht fürs Erste.