Meine Mutter ist keine Siebzigjährige

Ich mache mir Gedanken darüber, ob ich für meine Mutter eine Rede zum Geburtstag schreiben (und dann auch halten) soll oder nicht. Immerhin ist es der siebzigste. Wenigstens einmal im Leben sollte man eine Rede gehalten bekommen. Und ist es nach siebzig Jahren nicht das Mindeste, das man für einen anderen tun kann – ihm eine Rede halten?

Mein Problem ist: Ich habe bestimmte Assoziationen mit der Zahl siebzig. Wenn man siebzig ist, dann ist man alt. Und das trifft auf meine Mutter nun wirklich nicht zu.  Sie ist quicklebendig und munter.

Wenn sie redet, benutzt sie häufig Arme und Beine. Ihre Mimik ist durchaus bühnenreif. Als wir sie das letzte Mal besucht haben, erzählte sie uns, wie sie auf dem Kutter, mit dem sie in Dänemark zum Angeln fahren, aufs Klo geht. Sie stand auf, um es uns zu demonstrieren: wie sie sich in diesem winzigen Kabuff unter Deck mühsam aus ihrem Angelzeug schält, wie sie hockt, sich wieder anzieht und schließlich mit einem Eimer in der Hand an Deck kommt.

Ihre eindrucksvolle Vorstellung trieb mir vor Lachen die Tränen in die Augen. Das ist meine Mutter. So kenne ich sie.

Meine Mutter ist keine Siebzigjährige. Möglicherweise ist sie es, wenn man das Datum in ihrem Pass als Maßstab nimmt. Aber wenn man andere Maßstäbe anlegt, dann ist sie einfach eine Frau in den besten Jahren. Eine, die ein interessantes Leben mit Familie, Freunden und Bekannten führt – und die vor allem eines nie hat: Zeit. Ein typisches Mutter-Tochter-Gespräch beginnt oft so.

Meine Mutter: „Wir sehen uns selten. In anderen Familien ist das anders.“
Sie hat einen leicht leidenden Ton in der Stimme. Und ich weiß, dass sie in diesem Moment davon überzeugt ist, dass ich die Schuldige an diesem Dilemma bin.

Aber ich tappe nicht in diese ausgelegte Falle.
„Mama, kannst du dich erinnern, dass du letzten Monat keine Zeit hattest? An keinem Wochenende? Weil du Besuch von diesem und jenem bekommen hast, weil ihr verreist wart, dann war da der Anglerball, und du musstest noch zu Familie X zum Brunch …“

Ich merke, dass sie sich ärgert, weil ich so ein gutes Gedächtnis habe. Es wurmt sie.

„Na ja, du hast ja recht“, sagt sie schließlich. „Aber jetzt müssen wir uns wirklich treffen.“

„Okay, Mama. Wie sieht es am Wochenende aus?“

Sie stottert. Es ist ihr peinlich.
„Ja, weißt du … da fahren wir in den Bayerischen Wald. Mit den Kollegen.“

Meine Mutter behauptet, sie leide unter diesem Zustand der Zeitknappheit.
Ich bezweifle das. Ich kenne sie gar nicht anders.

(2004)

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