Alte Menschen sollten in der Stadt leben

Das findet die Schwiegermutter meiner jungen Freundin, die mich neulich zu dem Haus gefahren hat, das ich jetzt hüte. Wir hatten uns angeregt unterhalten und dabei festgestellt, dass wir beide Berlinerinnen sind. Berlinerinnen waren. Auch sie fand es erstaunlich, dass ich in meinem Alter aufs Dorf gezogen bin. In die Pampa sozusagen. Immerhin war ich vor drei Jahren auch schon 67. Nicht mehr taufrisch. Sie könnte sich das nicht vorstellen.

Ich habe dann ein bisschen erzählt von meinem Leben auf dem Dorf, von all den Aktivitäten, die es mir in den letzten Jahren geboten hat. Vom offenen Atelier, an dem ich jeden Sommer teilgenommen habe. Von den diversen Workshops, die mir neue Räume eröffneten. Von Ausstellungen, Kinoabenden. Von der Lese- und Schreibrunde, die ich selbst initiiert habe. Das fand sie zwar sehr spannend, aber ein Grund zum Leben auf dem Dorf wäre es für sie nicht. Aber was bietet die Stadt alten Menschen denn? Ärzte, Apotheken, kurze Wege.

Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Denn das waren auch die Argumente, mit denen mir eine Bekannte Havelberg ans Herz gelegt hat. (Was gar nicht nötig gewesen wäre.) Hier hast du alles, was du brauchst, hatte sie gesagt. Ärzte, Apotheken.

Ich war in den drei Jahren einmal beim Arzt, und diese fünf Minuten hätte ich mir sparen können. Sie haben mir keinen Erfahrungsgewinn beschert. In einer Apotheke war ich ebenfalls nur einmal – wegen des öffentlichen Bücherregals.

Ich brauche einen großen Himmel. Wasser, Deiche, Kraniche. Stille. Okay, ein Supermarkt, ein nettes Café – auch das wäre nicht schlecht.

Als ich vor ein paar Tagen mit einer freundlichen Frau von der Wohnungsvermietung sprach, wollte sie wissen, ob ich mich eher für eine Wohnung in der Ober- oder in der Unterstadt interessiere. Die Unterstadt ist eher die Altstadt, wie ich inzwischen weiß. In der Oberstadt sind die Supermärkte näher. Wie weit sind die denn von der Unterstadt entfernt? Sie fragte ihren Kollegen. Na ja, das könnten schon zwei Kilometer sein.

Zwei Kilometer? Die bin ich gestern zum Bahnhof Südkreuz gelaufen, weil ich eine neue Mine für meinen Stift brauchte. Das sind Peanuts. Von meinem Dorf fahre ich mit dem Rad elf Kilometer zum Supermarkt, und wenn ich im Sommer baden oder schwimmen will, fahre ich zwanzig.

Was sind da schon zwei Kilometer?

4 Gedanken zu „Alte Menschen sollten in der Stadt leben“

  1. Ich bin Berlinerin und werde es für die Abendschauen, die mir noch bleiben, sein. Nicht mehr aus Heimatliebe, denn Heimat ist etwas, das wohl bei vielen eher eine Erinnerung als ein Ort ist. Bei mir jedenfalls. Vor einigen Jahren (vielleicht war ich da auch um die 67) verliebte ich mich in Weimar. Blieb sogar vor den Schaufenstern einiger Immobilienmakler stehen, um mich für das Angebot an Wohnungen zu interessieren. Aber der größte Teil meiner Familie lebt in Berlin, und das war und ist für mich entscheidend. Ansonsten ist Berlin – trotzt kurzer Wege – kein guter Ort für alte Menschen.

    1. Ich habe viele Jahre eine Heimat gesucht. Dachte immer, es wäre ein Ort. Dabei ist es – für mich – eher ein Gefühl. Heute würde ich sagen (oder sage ich), es ist das Gefühl, ganz bei mir zu sein. Falls Du damit etwas anfangen kannst. Interessant ist ja auch die Entwicklung in Berlin. Ich kann mir, selbst wenn ich wollte, keine Wohnung in Berlin leisten. Manitu sei Dank möchte ich auch nicht mehr in Berlin leben. (Es sei denn, jemand schenkt mir eine kleine hübsche Wohnung in der Nähe von Schlachtensee. Der gehört zu meiner inneren Landkarte, da werde ich nach wie vor ein wenig sentimental.) Warum ist Berlin kein guter Ort für alte Menschen?

      1. In meiner Kindheit lebte man hauptsächlich in seinem Kiez. In dem „Karree“ Südstern/Blücherstraße/Baerwaldstraße/Gneisenaustraße gab es – außer einer Schule und einem Krankenhaus – alles, was man zum Leben brauchte. Ein Ku’dammbummel war ein Event, für das man sich besonders gut anzog, als würde man vom Dorf in die Stadt fahren. Heute sind die Berliner umtriebiger, ob nun freiwillig oder gezwungenermaßen. Die kurzen Wege gibt es zwar auch heute noch. Weniger allerdings in Bezirken wie Nikolassee. Meine Tochter, die in Schlachtensee (also gleich daneben) wohnt, hätte mich gern in ihr Haus geholt. Fast ein Kilometer bis zum nächsten S-Bahnhof oder Bus. Kopfsteinpflaster. Ich bin nicht immer gut zu Fuß, noch aber ohne Hilfsmittel unterwegs. Wenn ich an der Bushaltestell stehe, und mit mir warten zwei Mütter mit Kinderwagen und drei oder vier Menschen mit Rollator, graut mir davor, vielleicht selbst einmal einen Rollator zu brauchen. Meine Wohnung (die Töchter sprechen von meiner Komfortzone) ist bezahlbar, und ich hoffe, noch lange die zwei Treppen ohne Fahrstuhl zu bewältigen, denn eine vergleichbar günstige Wohnung würde auch ich in Berlin heute nicht mehr finden.

      2. Danke für Deine Antwort. Es scheint mir so zu sein, dass Stadt, Kleinstadt, Dorf immer für die oder den eine gute Wahl ist, der noch einigermaßen beweglich ist. An einen Rollator zu denken, fällt mir schwer. Aber wenn die Fortbewegung anders nicht möglich ist, würde ich ihn auch in Betracht ziehen. Was mir häufig begegnete und worüber ich mich schon als Kind gewundert habe, sind Frauen (es waren meist Frauen), die zwar kaum noch laufen, aber wunderbar Radfahren konnten. Maul schauen. Gut, dass wir nicht wissen, was die Zukunft bringt. Es kann aber so oder so nicht schaden, wenn man in einer Nachbarschaft lebt, in der sich Menschen umeinander kümmern. Schön, dass Du Deine Töchter in der Nähe hast. Bleib gesund in Deiner Komfortzone.

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