Heute wollte ich ins MoMa. Dafür bin ich mitten in der Nacht aufgestanden, weil ich um acht Uhr mit Freundinnen an der S-Bahn verabredet war. Nach vier Stunden Wartezeit habe ich aufgegeben. Ich bin nicht der geduldige Typ, langes Warten ist nichts für mich. Wieso wollen alle in diese verdammte Ausstellung? Um Edward Hopper zu sehen? Modigliani? Herrn Richter?
Die Stimmung unter den Wartenden war gut. Die Menschen kamen entspannt ins Gespräch, gaben ihre Sitzhocker weiter, wenn sie eine Weile gesessen hatten. Man hielt den Platz frei, wenn sich jemand die Füße vertreten wollte. Alles sehr solidarisch und vor allem freundlich. Niemand in der langen Reihe murrte oder beschwerte sich. Alle wussten, dass man warten muss. Man richtet sich darauf ein. Ist das nicht simpel? Warum fällt es mir nur so schwer? Alle anderen können es doch auch.
Und ist es nicht ziemlich dumm, kurz vor dem Ziel aufzugeben? Die zwei Stunden hätte ich nun auch noch bleiben können. Hätte ich. Wollte ich aber nicht. Ich wollte nach Hause, wollte in den Garten und die Bonhoeffer-Biografie weiterlesen.
Dieser Mann könnte mich fast mit der Kirche aussöhnen. Er hat das mit dem „Christsein“ ernst genommen. „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen“ – oder so ähnlich hatte er gesagt. Er hat seine Auffassung vom wirklichen Christentum und von Kirche verteidigt, als bereits bekannt war, dass Pfarrer dafür in den Konzentrationslagern umgebracht wurden. Ein mutiger Mann.
„Kirche ist da, wo Menschen solidarisch miteinander sind.“ Wieso sagt heute keiner der Kirchenmänner etwas derart Kluges? Warum mischt sich die Kirche nicht ein? Warum schweigen sie?
1934 hielt Dietrich Bonhoeffer eine Predigt auf der ökumenischen Jugendkonferenz in Fanø:
„Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen? Durch Investierung internationalen Kapitals in den verschiedenen Ländern? Oder gar durch eine allseitige friedliche Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens? Nein, durch dieses alles aus dem einen Grund nicht, weil hier überall Friede und Sicherheit verwechselt wird. Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit.
Noch einmal darum: Wie wird Friede? Wer ruft zum Frieden, daß die Welt es hört, zu hören gezwungen ist? Nur das eine ökumenische Konzil der heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, daß die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muß und daß die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt.“
In eine Kirche, in der Männer vom Schlag eines Dietrich Bonhoeffer anzutreffen sind, würde ich auch gehen. Diese Kirche gibt es nicht. Es gibt nur einige Außenseiter, die in eigenen Kreisen angefeindet werden. Jedenfalls in der katholischen Kirche. Männer wie Eugen Drewermann. Die Evangelischen heute haben keine Helden.
(2004)
Die Kirche ist und war schon immer ein ganz wesentlicher Treiber von Konflikten, die ihre eigenen Aussagen konterkarieren. Das liegt meiner Meinung nach am Machtanspruch, den die Kirchen zwangsläufig haben.
Die Kirche mit Machtanspruch, die Kirche als Konzern, die den Glauben kuratiert. Ich glaube, ich würde heute einen zornigeren Text schreiben.
gut, danke
Herzlich willkommen in meinem Blog, Nanette, und danke, dass ich durch das Abo auf Deinen aufmerksam geworden bin.
MoMA, das war damals wohl der Startschuss für den Hype aufs Schlangestehen. Später fragten wir uns in der Akademie der Künste, ob wir nicht Statisten dafür anheuern sollten. Natürlich nicht ernsthaft, aber das Anstehen für einen Ausstellungsbesuch schien tatsächlich zu einer Art Selbstzweck zu werden. Ich kam mit Hilfe eines Kollegen durch den Personaleingang in die MoMA. Viel zu voll, um die Kunst auf sich wirken zu lassen.
Zum Thema Kirche sage ich gern: Es gibt nur eines, was schlimmer ist als Kirche, nämlich keine Kirche. Die Menschen suchen Halt und Orientierung, und den finden sie nicht in einer Kirche, die ihnen praktisch vor die Füße fällt, weil sie immer profaner wird.
Liebe Christa, da freue ich mich aber. Ich habe auf Deinem Blog keine Kommentarfunktion gefunden. Dabei wollte ich Dir sagen, dass ich angefangen habe Dein Buch zu lesen, dass ich gleich von Nikolassee eingenommen war – da habe ich 25 Jahre in einer bunten, teilweise auch wilden Mischung – in einer WG gelebt. Und ob das eine gute Idee war mit dem Veröffentlichen auf WordPress, wollte ich fragen. Und mich outen in Bezug auf gewisse Vorlieben (siehe deine Rezension von Silvia Bovenschens Krimi, ich mochte sehr ihr Buch über das Älter werden). Usw. usw.
Schön, dass ich dich hier auf WordPress getroffen habe.
Zum Thema Schlangestehen. Die Idee – auch wenn es nicht ernst gemeint war – Statisten anzuheuern, finde ich herrlich. Ich habe ja die ersten 25 Jahre meines Lebens in Ost-Berlin verbracht. Da hat man (auch frau) sich schon mal bei einer Schlange angestellt, ohne zu wissen, was es da gab. Schlange bedeutete halt oft „rar“.
Ein Gedanke noch zum Thema Kirche (oder zwei): Wenn die Kirchenleute nicht nur glauben würden (von ihren unseligen Aktivitäten und ihrer Anbiederei bei der Staatsmacht mal abgesehen), sondern wenn sie „wüssten“, wenn Kirche also ein Ort wäre, an dem dieses Wissen geteilt wird, dann gäbe es vielleicht auch Halt und Orientierung.
Zu dem Buch kann ich sagen, dass ich die Geschichte ursprünglich für das Blog geschrieben und mit der Veröffentlichung angefangen habe, bevor ich selbst das Ende kannte. Genauer: Anfangs sollte sie gar kein Ende haben. Unter dem Titel „Anfängerin“ hatte ich manchmal kurze Texte, mit denen eine lange Geschichte beginnen könnte, im Blog veröffentlicht.
Dann habe ich, von Freunden liebevoll gedrängt, das ganze im Selbstverlag als Buch veröffentlicht. Und DAS war keine so wahnsinnig gute Idee. Man kann seine Arbeit nicht selbst lektorieren, entdeckt dann hundert Fehler im fertig gedruckten Text und fragt sich, warum man die nicht früher gesehen hat. Es blieb dann bei den 50 (?) Exemplaren, die ich hatte drucken lassen. Ich ich bin noch einmal (vermutlich wieder zu flüchtig) über den Text gegangen, und so steht er jetzt als separates Blog hier drin. Jeder, der möchte, kann ihn lesen, solange WordPress es will, und niemand muss sich um diesen Nachlass kümmern. Und damit deutet sich auch der Grund an, warum bei mir die Kommentare geschlossen sind.
Glauben: Es gibt dinge zwischen Himmel und Erde … Du kennst den Spruch. Für Wissen sind die Universitäten zuständig. Ich bewahre mir innerlich einen Raum für das Nichtwissbare. Diesen Raum muss leer bleiben und regelmäßig gelüftet werden. Das Kinderzimmer sollte nicht als Abstellkammer oder gar Kuriositätenkabinett genutzt werden, nur weil das Kind noch nicht empfangen ist.
Schönes Bild, der innere Raum für das Nichtwissbare. Andererseits gibt es innere Erfahrungen – viele Menschen machen sie im Laufe ihres Lebens, ich zähle mich dazu –, die auf „etwas“ hindeuten. Ob auf irgendeine höhere Instanz, Manitu, die Quelle oder den Programmierer, ist dabei egal. Für mich war in vielen Jahren der Auseinandersetzung interessant, dass diejenigen, die meiner Meinung nach für Derartiges zuständig sind – Priester, Frauen Gottes –, oft nur Phrasen als Erklärung haben. Aber immerhin landen wir heute nicht mehr auf dem Scheiterhaufen, wenn jemand sagt, er glaube nicht nur an das Transzendente, sondern habe es erfahren.