Krank. Dem Büro entkommen, könnte man auch sagen. Ich liege mit Halsentzündung, Husten und Schnupfen im Bett. Gestern schrieb ich Mails und weiter am Manuskript. Am Montag hatte ich eine sehr nette Begegnung mit meiner zukünftigen Agentin. Ich weiß jetzt, warum sie sich noch einmal mit mir treffen wollte.
Laut eigenem Bekunden hatte sie ein schlechtes Gewissen. Weil sie „Annas Angst“ zuerst abgelehnt hatte. Denn ich könne ja schreiben, das, was sie gelesen hatte, wäre gut komponiert, flüssig erzählt, sehr dicht, locker und leicht geschrieben. Nur wären für sie diese Familiengeschichten, in denen jemand nach Jahrzehnten den Vater oder die Mutter findet, zumal mit jüdischem Hintergrund, schlecht zu ertragen. Es gäbe derzeit eine Schwemme solcher Manuskripte.
Dazu konnte ich nur sagen, dass ich 1998, als mir das Thema in den Sinn kam, nicht an solche Dinge gedacht habe. Ich wollte eine Geschichte erzählen. Wenn die gerade nicht ins Konzept der Verlage passt, könne ich es auch nicht ändern.
Nun, so wäre das nun auch nicht. Sie könne sich vorstellen, dass der Aufbau Verlag, S. Fischer oder Krüger das Buch nehmen würden. Die haben alle drei eine Abteilung für Unterhaltung mit Tiefgang, da würde ich gut hineinpassen. Dann fragte sie nach anderen Projekten. Ich hatte ihr dummerweise geschrieben, dass ich jetzt am dritten Buch sitze, und dass es als Hintergrund um eine Familie geht, die 1945 nach Russland verschleppt wurde. Das interessierte Frau J.L. nun wieder sehr, das würde sie lesen, so bald es fertig sei. Ha! Ich habe 25 Seiten.
Sie denkt in anderen Kategorien als ich. Mit dem Thema Nazizeit und Juden arbeiten viele. Verschleppung nach Russland gebe es noch nicht. Da solle ich unbedingt dran bleiben.
Was ist mit dem zweiten Buch? Ich hatte das Exposé und 50 Seiten dabei. Sie las das Exposé, war plötzlich ganz aufgeregt, na ja, das ist doch was, das ist gut. Hm, der Titel ist auch sehr gut. Über die Kante gehen. Das ist klug. Da könnte man ja auch verstehen, dass man über die Kante, über den Tellerrand gehen muss. Ich sollte es dalassen, sie versprach mir, es bis nach Ostern zu lesen. Ich habe ein gutes Gefühl. Falls ich dieses Buch nicht beim Schreiben vermasselt habe.
Wir hatten einen guten Draht zueinander und ich glaube tatsächlich, dass ihr gefällt, wie ich schreibe. Sie hatte sogar gedacht, ich hätte schon veröffentlicht. Ich bin immer so glücklich, wenn mir jemand sagt, dass ich schreiben kann.
Etwas beleidigt war ich, als sie mich nach Vorbildern fragte. Als ich ihr mit Cees Nooteboom und Christa Wolf kam, war sie platt. Sie hätte R. Pilcher gedacht. Ich war verletzt. Beleidigt geradezu. Was an meinem Buch erinnert bitte an Frau Pilcher? Aber meinetwegen. Wenn ich Auflagen wie Frau Pilcher bekomme.
(2006)
Nun ja, ein Buch MUSS nicht schlecht sein, nur weil es ein Bestseller ist, aber das Gegenteil zu behaupten, wäre blanker Unsinn.
„Die Muschelsucher“ fand ich sogar richtig gut. Ich habe es noch zu DDR Zeiten gelesen. Ein besonderer Mensch hatte das gesamte Buch mit der Hand abgeschrieben.
Über das Abschreiben von Büchern während der Leipziger Buchmesse habe ich vor Jahrzehnten einen Bericht gelesen, der mich damals (und bis heute) sehr berührte.