Annas Angst – Sonntag (8)

Dem Beifall nach zu urteilen, finden es die anderen allerdings sehr gelungen. Dann ist es auch an der Zeit, Eva zu sich nach vorn zu bitten. Ich bin gespannt, wie er das bewältigen wird. Viktor bringt einen zweiten Korbstuhl, den er rechts von Hans platziert. So steht das Mikrofon direkt zwischen den beiden Vortragenden. Die Show beginnt.

Hans hätte ebenso gut Schauspieler werden können. Wenn man ihn jetzt hört, würde man nicht glauben, dass er noch vor einer Stunde wütend und zornig war, weil er mit Eva Lorenz zusammen einen Abend gestalten sollte. Denn nun ist er charmant, großzügig in seinem Lob, als wäre sie nicht nur eine Lyrikerin, der seine Hochachtung gilt, sondern auch eine gute Freundin.

Obwohl ich seine Wandlungsfähigkeit kenne, bin ich verblüfft und überlege, ob ich den Abend bis jetzt nur geträumt habe. Aber dann erinnere ich mich an Viktors einleitende Worte und seine Heuchelei. Der Literaturbetrieb ist wahrscheinlich ein Geschäft wie jedes andere, es spielt keine Rolle, ob man Champagner oder Literatur verkauft. Es geht um die besten Marketingstrategien, was zählt, ist der Umsatz. In Gegenwart der Konkurrenz weiß man sich zu benehmen, der Schein wird gewahrt. Zu Hause oder im Kreis von Freunden kann man dann sagen, was man wirklich denkt.

Nachdem Eva sich mit wenigen Worten für die spontane Einladung bedankt hat, beginnt sie ihren Vortrag. Sie hat die drei Gedichte ausgesucht, die mir am besten gefallen. „Wenn niemand mich mehr liebt“ ist das letzte. Obwohl sie ruhig und gelassen spricht, spüre ich ihre Traurigkeit. Es läuft mir kalt den Rücken auf und ab. Und das liegt nicht nur an dem von ihr beschriebenen faltigen Hals und dem verschrumpelten Bauchnabel. In ihren Worten liegt etwas Endgültiges. Sie erzählt von dem Moment, den jeder Mensch eines Tages erreicht und den ich fürchte. Zumindest nehme ich an, dass es in diesem Gedicht um das Ende des Lebens geht. Das Wort Tod fällt kein einziges Mal.

Die Zuhörer sind ein wenig benommen, als wüssten sie nicht, welche Reaktion angemessen ist. Nur vereinzelt wird geklatscht. Erst behutsam und leise, dann schließen sich andere an, das Klatschen wird lauter, und am Ende sieht es so aus, als hätte Eva die Menschen aufgeweckt. Vor allem die Frauen sind begeistert.

Auch Hans klatscht eine Weile und lächelt dabei. Aber ich kenne ihn. Ich sehe, wie sehr er getroffen ist. Wie sehr ihn die Reaktion des Publikums verletzt. Keine guten Voraussetzungen für einen harmonischen Abend. Ich hoffe, dass er wenigstens am Ende eine ähnliche Anerkennung bekommt.

Als hätte er etwas geahnt, hat sich Hans die besten Gedichte, alle schon ein paar Jahre alt, für die zweite Runde aufgehoben. Die werden dem Publikum in Erinnerung bleiben. Vielleicht wurde der Plan auch kurzfristig geändert, als ihm klar war, welch ernstzunehmende Konkurrenz er an diesem Abend in Eva hat. Der Beifall am Schluss ist kräftig, unterscheidet sich aber von dem, den Eva erhalten hat. Bei ihr lag am Ende eine merkwürdige Spannung in der Luft. Ein kurzer Moment der Stille, der Berührung. So etwas kann man nicht planen, es passiert nur, wenn es dem Autor gelingt, den Zuhörer zu packen. Wenn er ihm etwas erzählt, das ihn mit sich selbst in Kontakt bringt.

Während die ersten Gäste schon aufstehen und den Saal verlassen, bittet Viktor um Aufmerksamkeit für eine kurze Ankündigung. Nach einer zehnminütigen Pause werden Hans und Eva ihre Bücher signieren. Da ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll, schließe ich mich dem Strom an, der auf die Treppe zusteuert.

Hans hat mich vorher noch nie zu einer Lesung mitgenommen. Seinen Begründungen konnte ich nichts entgegensetzen. Angeblich mache ich ihn nervös. In meiner Gegenwart kann er sich nicht entspannen, und das würde sich negativ auf seinen Vortrag auswirken. Der eigentliche Grund war wohl eher, dass er nach einer Lesung gern mit einer der Frauen aus seiner Fangemeinde flirtet. Ich selbst habe ihn auf diesem Weg kennengelernt. Allerdings muss ich mir heute keine Gedanken machen. Sonst hätte er mich wohl kaum gebeten, ihn zu begleiten.

Hans ist kein treuer Mann. Es gab von Anfang an Indizien, die darauf hindeuteten. Er mag es nicht, wenn ich ihn unangemeldet in seiner Wohnung besuche. Vielleicht störe ich ihn gerade in einer kreativen Phase, das kann er sich nicht leisten. Wenn wir uns in der Stadt treffen, um ins Kino zu gehen und anschließend zu ihm fahren, hört er in meiner Gegenwart nie den Anrufbeantworter ab. Und manchmal ist er ohne Erklärung tagelang verschollen. Dann ringt er angeblich mit seinen Depressionen, abgekapselt von der Umwelt und dem Telefon.

Beweise für seine Untreue hatte ich allerdings nicht, bis zu dem Tag, an dem ich ihn von einer Lesung abholen wollte. Ich war extra spät zum Literaturhaus gefahren und hatte mir noch einen kleinen Spaziergang auf dem Kurfürstendamm gegönnt. Es war ein warmer Tag, im Garten saßen Gäste, die offensichtlich nicht wegen der Lesung gekommen waren. Gläser klirrten, und das leise Stimmengewirr hatte mich in eine heitere Stimmung versetzt.

Plötzlich war mir mein Erscheinen peinlich. Wenn er es nun einmal nicht mochte, wenn ich dabei war, wieso konnte ich es nicht akzeptieren? Ich war an der Treppe angelangt und stehen geblieben. Gerade als ich umkehren wollte, sah ich ihn durch einen schmalen Spalt in dem Vorhang, der den Wintergarten vom Restaurant trennt. Hans stand mit dem Rücken zu mir an der Bar und hielt mit seinen Händen die Oberarme einer blonden Frau umfasst, die auf einem Hocker saß und ihm ihr Gesicht zuneigte, die Augen geschlossen.

Dieser Moment liebevoller Intimität hatte meine Befürchtungen bestätigt. Ich war zum Savignyplatz gelaufen, hatte mich dort in eine Kneipe gesetzt und mit einem Amerikaner Whisky getrunken. Als ich fast von meinem Hocker gefallen wäre, hatte mir der Barkeeper ein Taxi gerufen.

Am nächsten Abend hatte ich Hans zur Rede gestellt. Er sollte mir sagen, ob es noch andere Frauen in seinem Leben gab. Sofort hatte er zu schreien angefangen. „Du hast mir nachspioniert. Aber was soll man auch anderes erwarten von einer, die ihr Geld damit verdient hat, untreuen Ehemännern hinterherzuschnüffeln. Einfach unwürdig ist das.“

Schließlich hatte er jedoch zugegeben, dass da manchmal andere Frauen waren. „Was erwartest du von mir? Soll ich mich wie ein Heiliger benehmen? In bestimmten Kreisen kennt man mich eben. Außerdem kann man einen kreativen Menschen nicht einsperren. Es ist wie mit dem Schmerz. Nimm einem kreativen Menschen seinen Schmerz, dann kann er nicht mehr arbeiten. Wenn ich mich eingesperrt fühle, kann ich nicht schreiben.“

Es wäre sinnlos gewesen, Hans auf Widersprüche hinzuweisen. Er ist im Recht, wenn er auf seinem Schmerz beharrt und gleichzeitig von mir fordert, ich soll endlich etwas gegen meine Angst unternehmen. In meinem Fall ist das etwas anderes. Bei mir wäre es vermutlich auch etwas anderes, wenn ich einen Liebhaber neben ihm hätte.

Ich habe keinen. Manchmal bedaure ich das. Und wundere mich. Was ist passiert in den letzten Jahren? Es kann doch nicht nur an meinem Alter liegen. Oder daran, dass sich Männer nicht mehr für mich interessieren. Es muss mit meiner Entscheidung zu tun haben. Mit meiner Entscheidung für Hans und unsere Beziehung.

Zusammen mit ein paar anderen Gästen bin ich im Restaurant gelandet. Auch Hans hat es hierher verschlagen. Um ihn muss ich mir keine Sorgen machen. Er hat die unangenehme Überraschung offensichtlich gut überstanden. Lächelnd steht er an der Bar, in der Hand hat er bereits ein Glas, neben ihm eine kleine grauhaarige Frau, die sich in eine Art Umhang gewickelt hat, roter Umhang, rote Schuhe, sie scheint Hans etwas Wichtiges zu erzählen.

Damit er sie besser hören kann, senkt er ein wenig den Kopf, während sein Blick dem stattlichen Hintern einer vorübergehenden Kellnerin folgt. Diesen Moment nutze ich aus, um unbemerkt durch die Tür ins Freie zu gelangen. Mein Herz klopft so heftig, als wolle es mir aus dem Brustkorb springen. Lieber Gott, hilf mir. Bitte jetzt keine Panik. Es riecht nach Frühling, frischem Gras und Erde. Und es regnet schon wieder.

„Komm rein ins Warme, du wirst dich sonst zu allem Übel auch noch erkälten.“ Eva ist mir entweder gefolgt oder zufällig im Wintergarten gelandet. Sie zieht mich am Arm zu sich hinein. Ich wundere mich. „Zu welchem Übel? Und was machst du überhaupt hier? Musst du nicht rein und Bücher signieren? Mit den Leuten reden? So wie Hans?“

Sie schüttelt den Kopf. „Ich habe eine kleine Pause. Und wenn ich erst in fünfzehn Minuten wieder erscheine, macht es auch nichts. Viktor habe ich schon abgewimmelt. Ich habe ihm erzählt, dass ich dringend auf die Toilette muss.“

Sie sieht aus wie ein kleines Mädchen, das gerade einen Streich ausgeheckt hat. Dann schiebt sie mich vor sich her in die hinterste Ecke des Wintergartens zu einem Vierertisch, an dem bereits zwei Leute sitzen. Offensichtlich handelt es sich um ein Liebespaar. Die beiden halten quer über den Tisch Händchen und blicken sich tief in die Augen.

Was Eva nicht davon abhält, mich energisch auf den Stuhl neben den Mann zu drücken. Sie ignoriert dabei sowohl das empörte Gesicht der zuständigen Kellnerin wie die hilflose Mine des Herrn. „Sie haben doch bestimmt nichts dagegen. Wir bleiben nur zehn Minuten, mehr Zeit habe ich gar nicht. Aber es ist wichtig. Ich muss dringend mit meiner Freundin etwas besprechen. Das verstehen Sie doch. Oder?“

Falls das Pärchen Einwände hat, traut es sich nicht, diese vorzubringen. Eva setzt sich mir gegenüber auf den Platz neben der Frau.

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