Annas Angst – Sonntag (9)

Ich bin verblüfft. Gerade hat sie mich als ihre Freundin bezeichnet. Dabei haben wir uns erst vor anderthalb Stunden kennen gelernt. Während ich mich noch wundere, überredet Eva eine Kellnerin, die offensichtlich nicht für unseren Tisch zuständig ist, uns ein Glas Chardonnay und ein Mineralwasser zu bringen. Und das bitte ganz schnell, da sie gleich wieder zurück in den Saal muss.

“Bekommst du immer das, was du willst?” Ich bin gleichzeitig fasziniert und abgestoßen. Eva überlegt einen kurzen Augenblick und sagt dann langsam und gedehnt: “Ja, meist schon.” Dann fügt sie noch hinzu: “Zumindest, wenn das, was ich will, realistisch ist. Wunder ereignen sich auch bei mir selten oder gar nicht.”

Ich bin verärgert und möchte die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen. “Ich finde es eigenartig, dass du mich als deine Freundin bezeichnest. So etwas mag ich nicht. Ich schließe nicht so schnell Freundschaften. Und wenn du etwas mit mir zu bereden hast, dann könntest du mich fragen, ob ich auch mit dir reden möchte.” Das passt zwar nicht zu der Willenlosigkeit, mit der ich mich an diesen Tisch dirigieren ließ, aber gesagt werden muss es.

Evas Reaktion verblüfft mich. “Du hast recht. Es tut mir leid. Ich habe eine Floskel benutzt, um eine Verbindung zwischen uns herzustellen, die nicht existiert. Ich finde dich sympathisch. Deine Offenheit gefällt mir. Deswegen möchte ich dich kennen lernen.”

Ich signalisiere der Kellnerin, dass sie den Wein zu mir stellen kann. Aber zufrieden bin ich immer noch nicht. “Vielleicht möchtest du ja auch nur Hans ärgern. Ihm zeigen, wie gut du dich mit seiner Freundin verstehst.” Eva sieht überrascht aus. “Stimmt, das wäre in der Tat auch eine Erklärung für mein Verhalten. Aber es ist mir völlig egal, was Hans denkt oder tut. Oder ob er sich ärgert. Das kannst du glauben oder auch nicht. Ich finde dich nett und möchte dich kennen lernen. Findest du das absurd? ”

Das Pärchen an unserem Tisch hat in den letzten Minuten geschwiegen. Ihre Körper verraten eine gewisse Anspannung. Als warteten sie auf weitere interessante Enthüllungen von unserer Seite.

“Ich möchte mit dir schlafen.” Eva sagt es in dem gleichen Ton, mit dem sie die Bestellung aufgegeben hat. Ich verschlucke mich an meinem Wein, das Pärchen zuckt gemeinsam zusammen. Auch an den beiden Nebentischen verstummen die Gespräche. Für Geständnisse dieser Art ist der Raum nicht groß genug. Eva grinst. “Na bitte, ich wollte nur mal testen, ob alle gut zuhören. Sie können sich jetzt wieder miteinander beschäftigen. Weitere Bekenntnisse wird es nicht geben.”

Die junge Frau neben ihr bekommt einen roten Kopf, der Mann winkt die Kellnerin heran. Er möchte zahlen. Mein Lachen sprengt den Knopf meiner Hose. Eva ist offensichtlich verrückt. Aber sie ist es auf eine erfrischende Art und Weise. “Ich würde dich auch gern kennen lernen.” Ich halte ihr mein Weinglas entgegen.

Viktor kann man anscheinend nirgendwo entkommen. Er muss sich durch den Vorhang geschummelt haben, drängelt jetzt in unsere Ecke. Er ist schon wieder hektisch und scheint froh zu sein, Eva gefunden zu haben. “Wohin bist du denn plötzlich verschwunden? Ich dachte, du wolltest nur auf die Toilette? Man wartet schon auf dich. Hans hat bereits angefangen mit dem Signieren. Kommst du?” Er wirkt sichtlich erleichtert, als Eva nickt und aufsteht. Bei mir möchte er anscheinend etwas gutmachen. “Die kleine Panne mit dem Stuhl vorhin, bitte entschuldigen sie. Hans hätte mir Bescheid sagen sollen.”

Sympathischer wird er mir durch seine Worte nicht. Eva sieht aus, als hätte sie eine Idee. “Er hat dir nicht nur nichts von Annas Kommen erzählt, er hat dir auch nicht erzählt, dass seine Freundin ebenfalls Schriftstellerin ist.” Viktor tut erstaunt. “Sie schreiben auch? Ebenfalls Lyrik? Das hätte Hans mir natürlich erzählen können.” Sein Gesicht drückt allerdings aus, dass er froh ist, dass Hans ihn mit dieser Information verschont hat.

Würde sich vor mir ein Loch in der Erde öffnen, ich würde sofort hineinspringen. Wieso habe ich vor fünf Minuten Eva noch für liebenswert verrückt gehalten? Durchgeknallt ist sie. Es macht ihr Spaß, Menschen in unangenehme Situationen zu bringen. Leute wie sie trifft man täglich in Kreuzberg. Hermann Hesse hatte Recht. Wegen Momenten wie diesem besitzt man keine Schusswaffen. Und bedauert es gleichzeitig.

“Anna hat einen Roman geschrieben, er liegt bereits bei einer Agentur. Ein interessantes Thema. Eine Frau, die an der Liebe verzweifelt und darüber ihre Stärke findet. Wäre das nicht etwas für dich?” Anscheinend will sie Viktor suggerieren, dass sie allein aufgrund unserer Unterhaltung schriftstellerische Qualitäten in meinem Manuskript vermutet. Er gibt mir seine Visitenkarte und bietet an, ein Probekapitel zu lesen, das ich ihm zusammen mit dem Exposé schicken soll. Bevor es noch peinlicher wird, murmele ich etwas von “Kopfschmerzen, dringend an die frische Luft” und “wir sehen uns bestimmt später noch”, und dann laufe so schnell ich kann aus dem Restaurant. Ich will kein weiteres Wort hören.

Das hat mir gerade noch gefehlt. Wie soll ich Hans mein Verhalten erklären? Welche Begründung kann ich ihm für meine Geheimniskrämerei liefern? Und dann ziehe ich ausgerechnet Eva ins Vertrauen. Das muss an diesem Abend wie eine Kriegserklärung auf ihn wirken. Eine spontane Form von Frauensolidarität, an die wir uns laut Hans nur erinnern, wenn uns nichts anderes einfällt, wie wir einen armen Mann demütigen können. Unsere Geheimwaffe im Kampf gegen das Patriarchat. Wo Frauen doch sonst eher Konkurrentinnen um die Gunst der Männer sind. In diesem Punkt ist Hans sehr empfindlich.

Vielleicht wird er sich in Gegenwart von Eva und Viktor zusammenreißen. Seine spätere Reaktion kann ich mir jedoch gut vorstellen. Er wird mein Geständnis als Prahlerei auslegen. Dann wird er mich kindisch nennen. Und irgendwann wird er anfangen zu schreien. Ich kann auf keinen Fall zurück gehen. So sehr schäme ich mich.

Als ich ins Freie komme, schlägt mir eine Windböe fein geschliffene Hagelkörner ins Gesicht. Ich hänge mir meine Jacke, die ich die ganze Zeit über den Arm getragen habe, über den Kopf und renne die Fasanenstraße entlang. Mein Herz schlägt laut und unregelmäßig. Der linke Arm tut mir weh und in meinem Bauch braut sich etwas zusammen. Ich muss so schnell wie möglich nach Hause. Der Kurfürstendamm wirkt ausgestorben. Nirgendwo Touristen oder flanierende Berliner. Falls ich ohnmächtig werde, bekäme das kaum jemand mit. Ein schwacher Trost.

Die Fahrt mit dem Bus kommt mir unendlich lange vor. Einige Male bin ich kurz davor, die Notbremse zu ziehen. Am Hermannplatz steige ich aus und nehme mir für die restliche Strecke ein Taxi.

Vor der Gartentür sitzt Orlando. Wahrscheinlich hat er sehnsüchtig nach mir Ausschau gehalten. Drinnen blinkt der Anrufbeantworter. Marlene möchte mich noch einmal an mein Versprechen erinnern. Ich soll sie unbedingt anrufen. Orlando will etwas zu fressen. Mit hoch aufgerichtetem Schwanz und Klagelaute von sich gebend, reibt er sich an meinen Beinen.

Als ich eine halbe Stunde später im Bett sitze, die enge Hose und Bluse gegen einen Hausanzug aus Nickistoff getauscht, eine Kanne Kamillentee auf der Erde neben mir, fühle ich mich besser. Ich habe noch einmal Glück gehabt. Aus dem kleinen Anfall ist keine richtige Attacke geworden. Trotzdem verspüre ich keine Lust, Marlene anzurufen. Weder möchte ich mir eine weitere Geschichte über Patrick anhören, noch möchte ich sie trösten. Ich bin diejenige, die Trost braucht. Und was tun Frauen normalerweise in solchen Situationen? Sie rufen die beste Freundin an.

Marlene kommt also nicht in Frage. Wir sind schon lange keine Freundinnen mehr. Mir ist noch nicht klar, welchen Namen man einer Beziehung wie der unseren geben könnte. Ich bin im Laufe der Jahre immer mehr in die Rolle der verständnisvollen, stets zur Verfügung stehenden älteren und weisen Frau gerutscht. Das hat nicht nur mit den fünf Jahren zu tun, die ich tatsächlich älter bin. Auch damit nicht, dass Marlene vor jedem Menschen große Achtung empfindet, der im Gegensatz zu ihr Bücher liest.

Hans sagt, Marlene würde zu mir aufschauen wie zu einer großen Schwester. Sie beneidet mich. Das weiß ich. Ich habe keine nervende Mutter, kein Kind, um das ich mich kümmern muss, keinen Chef, der mich tyrannisiert. In ihren Augen bin ich frei. Sogar um Hans beneidet sich mich, obwohl sie ihn für egozentrisch und etwas eitel hält. Zumindest hat sie mir das gesagt. Auch seine Zornesausbrüche mag sie nicht, seit sie einmal Zeugin eines seiner Anfälle geworden ist. Aber ich habe einen Mann. Einen, der wenigstens ab und zu da ist, der kocht, sich um alltägliche Dinge kümmert.

Eigentlich ist es ganz einfach. Sie würde sofort aufhören mich zu beneiden, wenn sie mich einmal als zitterndes ängstliches Bündel erleben würde. Oder wenn ich ihr all das sagen würde, was ich über sie denke. Marlene, du bist anstrengend. Immer willst du etwas von mir. Mein Interesse, meine Zuneigung, meine Zeit. Manchmal bist du sehr unsensibel. Auch oberflächlich. Lässt dich von Namen und teuren Klamotten blenden. Manchmal halte ich dich sogar für eine dumme Gans, die einfach nur nachplappert, was ihr jemand erzählt. Ihr Tantra-Lehrer zum Beispiel.

Aber das ist natürlich nur die eine Seite. Gleichzeitig ist sie großzügig mit ihrer Zeit, auch mit ihrem Geld, oft auch komisch. Ich habe mir vor Lachen schon in die Hose gepinkelt, wenn sie Hans oder Herbert oder einen ihrer Bekannten nachmacht. Und im Gegensatz zu mir hat sie oft gute Laune.

Es ist mir immer schwergefallen, intensive Beziehungen zu Frauen aufzubauen. Aber wenn ich es genau überlege, gilt das für Männer ebenso. Lena hat einmal gesagt, ich könne mich nicht wirklich einem anderen Menschen öffnen. Lediglich beim Sex würde ich mich der Einbildung hingeben, dass es anders wäre. Lena weiß auch nicht alles.

Orlando möchte es sich neben meinem Kopfkissen bequem machen. Ich mag es jedoch nicht, wenn er mir nachts ins Ohr pustet. Widerstrebend steht er auf, als ich ihm energisch den Weg zur Tür weise. Ich zünde die zwei Kerzen neben meinem Bett an und fange an, die Erlebnisse des Tages in das dicke rote Buch zu schreiben. Es ist einiges passiert, ich habe so viel Themen, über die ich nachdenken muss.

Was für sonderbare Gedanken mir plötzlich durch den Kopf gehen. Offensichtlich zweifle ich an meinen Gefühlen für Hans. Warum sonst sollte ich behaupten, ich mag es, einen Mann zu haben?

Bisher dachte ich, ich würde ihn noch lieben. Auch wenn ich mich oft mit ihm streite, unter seiner Aggressivität, seiner Eitelkeit leide. Seine Stimme bringt immerhin noch regelmäßig meine Hormone durcheinander. Aber ist das genug? Vielleicht will ich nur nicht einsehen, dass meine These von der Liebe als Entscheidung völliger Blödsinn ist. Ein unangenehmer Verdacht, den ich heute nicht weiterverfolgen werde.

Alles ist durcheinander, fühlt sich verkehrt an. Ich habe nicht nur Probleme mit Hans, ich hadere mit Marlene, mache einer fremden Frau Geständnisse. Ich habe binnen weniger Stunden eine Dummheit nach der anderen begangen. Es wird mich einige Anstrengung kosten, den Schaden wieder gutzumachen. Und als wolle mich jemand für mein Benehmen belohnen, habe ich plötzlich die Visitenkarte eines Verlegers in der Tasche. Vielleicht ist das meine Chance. Oder mein Verderben. So kann man es schließlich auch betrachten. Das Eingeständnis meiner Unfähigkeit. Ich werde wie eine törichte Gans dastehen, wenn sich das Manuskript als schlecht erweist.

Die Gedanken drehen sich im Kreis. Eine Lösung fällt mir nicht ein. Wahrscheinlich bin ich für logische Überlegungen zu müde. Ich habe zehn Seiten geschrieben, als ich endlich den Stift aus der Hand lege und mich dehne und strecke. Geschafft. Ein Tag passt vielleicht noch hinein, dann ist das Buch Nummer 259 voll. An diesem Abend herrscht die totale Anarchie. Ich lösche die Kerzen und schlafe ein, ohne mir die Zähne zu putzen.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von AM RAND EIN ZUHAUSE

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen