Annas Angst – Montag (1)

Vom Küchenfenster aus kann ich nur bis zu den Forsythien am Geräteschuppen sehen. Der Rest des Gartens ist von einer weißen, sich langsam vorwärtsbewegenden Masse ausgefüllt, die am Rand feine Tücher aus grauem Tüll vor sich herzuschieben scheint. Ich bin müde und gereizt.

Angestrengt versuche ich, mich an den Traum zu erinnern, aus dem ich zitternd und voller Angst aufgewacht bin. Eine große, dunkle Halle in einem Schloss, ein schwarz gekleideter älterer Mann, dessen höhnisches Lachen ich noch immer hören kann. Der Mann ist ein Magier, ich bin seine Gefangene. Nach einem Fluchtversuch hat er mich zurück in das Schloss gebracht. Damit ist meine letzte Chance vertan, ich muss für immer bei ihm bleiben.

Wenn das kein Traum nach Lenas Geschmack ist. Sie wird einmal mehr in Entzücken darüber ausbrechen, wie lebendig und kreativ ich träume. Ich kann schon ihre Stimme hören. „Du bist also in der Gewalt eines älteren Magiers. Fällt dir dazu etwas ein, Anna?“

Natürlich fällt mir etwas ein. Hans ist der Magier. Er hat mich verhext und in seine Gewalt gebracht. Es ist vermutlich klug, wenn ich Lena nichts von diesem Traum erzähle. Sie würde mich nur wieder fragen, warum ich mit Hans zusammen bin.

Orlando hat es sich auf meinem Schoß bequem gemacht und knurrt erbost, als ich abrupt aufstehe. Gerade noch rechtzeitig fällt mir ein, dass ich heute eine halbe Stunde früher im Laden sein muss. Ich habe mich mit einer Frau verabredet, die mir esoterische Bücher verkaufen möchte. Hoffnungen habe ich ihr keine gemacht, aber ich habe versprochen, wenigstens einen Blick darauf zu werfen. Ob sich für die drei oder vier Bücher, die ich ihr möglicherweise abkaufen werde, der ganze Aufwand lohnt, ist allerdings fraglich.

Bei dem Gedanken an die esoterischen Bücher werde ich gleich wieder müde. Es ist wirklich erstaunlich, was man den Menschen alles erzählen kann. Da ist Marlene mit ihren Tantrikern noch harmlos. Manchmal studiere ich die Klappentexte, bevor ich die Bücher in die Regale räume. Ich sollte darüber Bescheid wissen, welchen Blödsinn ich meinen Kunden verkaufe. Ich habe von einer weißen Südafrikanerin gelesen, die behauptet, das Kind eines Außerirdischen geboren zu haben. Offensichtlich gibt es Dummköpfe, die das glauben. Aber es ist egal, ob mir das gefällt oder nicht: Die Nachfrage nach esoterischer Literatur ist in den letzten Jahren immer größer geworden.

Ich habe sogar schon überlegt, ob ich mich nicht spezialisieren soll, anstatt wie bisher ein breit gefächertes Sortiment zu führen. Krimis und Esoterik – vielleicht wäre das für Kreuzberg eine gute Mischung. Aber bevor ich eine Entscheidung treffe, werde ich mich mit Peter beraten.

Er ist nicht nur von Anfang an mit mir zusammen im Laden, seinem Gespür für neue Trends im Kaufverhalten der Menschen kann ich vertrauen. Und dann besitzt er auch noch einen Doktor in vergleichender Literaturwissenschaft. Wie viele andere Akademiker fuhr er allerdings Taxi, als ich ihn kennenlernte. In den Achtzigerjahren war das nicht ungewöhnlich, in den Neunzigerjahren wollen die Menschen eigentlich Karriere machen – Peter ist eine Ausnahme. Taxi fährt er inzwischen nur noch an den Wochenenden, unter der Woche arbeitet er jeden Tag einige Stunden bei mir im Geschäft.

Diskussionen über seine offensichtliche Überqualifikation für eine derartige Beschäftigung mag er nicht. Er hat einen Doktor – was bedeutet so ein Titel denn schon? Er liebt sein Taxi. Es beschert ihm den nötigen Freiraum, der ihm wichtig ist, um einmal im Jahr eine Lyrik-Anthologie mit Gedichten junger und unbekannter Autoren herauszugeben. Er ist glücklich mit dem, was er tut. Vielleicht ist das der gemeinsame Nenner, der unserer Arbeitsbeziehung über die Jahre hinweg Stabilität verliehen hat. Wir reden über Bücher, ich profitiere von seinem umfangreichen Wissen, sonst weiß ich nicht viel über ihn.

Auf den ersten Blick fand ich ihn damals hässlich, abstoßend sogar. Er wiegt bei einer Körpergröße von 1,85 Metern 120 Kilo, hat kaum noch Haare auf dem dicken Kopf und trägt am liebsten alte Jeans und Holzfällerhemden. Wenn man mit ihm spricht, stellt man jedoch schnell fest, dass er nicht nur klug, sondern auch ein aufmerksamer Beobachter ist, der ohne langes Drumherumreden zum Ausdruck bringt, was er denkt.

Einmal bin ich an einem heißen Sommertag – ich glaube, es war im letzten Sommer – in abgeschnittenen Jeans im Laden erschienen. Er hatte kurz gezwinkert und mich dann gefragt, warum eine interessante, attraktive 44jährige Frau unbedingt wie die schlechte Kopie einer 20jährigen aussehen wolle.

Anstatt ihn zu bitten, seine Ansichten in Zukunft für sich zu behalten, fing ich an zu weinen. Wann hatte jemand das letzte Mal zu mir gesagt, ich sei interessant und attraktiv? Ich bin mir gar nicht sicher, ob diese Kombination überhaupt schon einmal jemandem aufgefallen ist.

Es ist viertel vor neun, als ich mich mit meinem Fahrrad auf den Weg mache. Ich werde zu spät kommen. Vielleicht ist die gute Frau dann schon wieder weg. Meine Füße treten automatisch in die Pedale. Jeden Morgen dasselbe. Es dauert zwanzig Minuten, bis ich richtig wach bin. Wach für die letzten Kilometer, die direkt am Kanal entlang durch Kreuzberg führen und die ich liebe.

Die Sonne hat den Morgennebel verdrängt und spiegelt sich auf dem Wasser. Die Bäume glitzern, als wären sie mit winzigen Diamanten geschmückt. Es riecht nach Laub und Erde. Plötzlich ist die Welt vollkommen. Ich werde von einem solchen Glücksgefühl überschwemmt, dass ich am liebsten von meinem Rad springen würde, um irgendjemanden zu umarmen. Das ist mir schon ein paar Mal passiert. Ich habe sogar Lena davon erzählt. Wie sehr mich diese plötzlich über mich hereinbrechenden Zustände erstaunen. Ich habe laut überlegt, ob ich diese kurzen Ekstasen vielleicht als Ausgleich für meine Angstzustände geschenkt bekomme.

„Und, wer schenkt sie dir? Der liebe Gott etwa?“

Lena ist bestimmt keine schlechte Therapeutin, aber mit religiösen oder spirituellen Überlegungen darf man ihr nicht einmal ansatzweise kommen. Sie glaubt an den freien Willen jedes Menschen und an Selbstverantwortlichkeit. Höhere Mächte sind bei ihr an der falschen Adresse. Für sie ist das Leben einfach. Diese spontanen Glücksgefühle mache ich selbst. So wie ich alles andere auch selbst mache. Wie ich das anstelle, kann sie mir natürlich nicht sagen.

Da in der Waldemarstraße um diese Zeit so viel Verkehr herrscht, fahre ich die letzten Meter auf dem Bürgersteig. Herbert hat einen Zettel an die Ladentür gehängt: Heute bis 16.00 Uhr geschlossen. Wahrscheinlich ist er unterwegs, um alte Möbel aufzuspüren.

Das meiste findet er bei Wohnungsauflösungen. Er hat eine gute Nase und weiß eine Menge über Stile und Epochen. Manches restauriert er selbst, anderes lässt er in einer kleinen Werkstatt machen. Manchmal kann er die Stücke mit Gewinn weiterverkaufen. Reich wird er mit seinem Geschäft trotzdem nicht, allerdings ist das auch nicht seine Absicht. Leben und leben lassen lautet seine Devise. Wichtig sind ihm gutes Essen und Rotwein. Und die Kontakte zu anderen Menschen.

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