Nie Bettina

Der Arzt ist derselbe, der vor drei Wochen als Erster mit ihr gesprochen hatte. Sie hat seinen Namen vergessen, folgt ihm aber trotzdem hinaus auf den Flur, an das nächstgelegene Fenster. In der Stadt sind längst die Lichter angegangen. Mit einer Hand stützt er sich auf dem Fensterbrett ab. „Tut mir leid, dass es so spät geworden ist. Aber wir hatten einen Notfall.“

Sie hat davon gehört. Jemand ist durchgedreht und wurde angeblich in die geschlossene Abteilung verlegt.

„Ist nicht schlimm.“

Mit der freien Hand rückt er seine Brille zurecht. „Sie können jederzeit auf der Station anrufen, wenn Sie wieder Probleme haben, das wissen Sie doch, oder?“

Sie nickt.

Er nimmt die Hand vom Fensterbrett und stellt sich gerade hin.
„Wir würden es begrüßen, wenn Sie noch einmal für ein paar Wochen zu uns kommen. Sie könnten hier vielleicht zusammen mit unseren Therapeuten herausfinden, was der Auslöser für Ihre Lähmungserscheinungen war. Den Antrag haben wir an Ihre Versicherung geschickt.“

Dann nickt sie eben noch einmal. Daraus könnte er schlussfolgern, dass auch sie dies begrüßen würde. Was allerdings nicht der Fall ist. Sie möchte hier weg, am liebsten sofort, nicht erst morgen früh. Und zurückzukommen ist ungefähr das Letzte, was sie sich in diesem Moment wünscht.

Auch den Hinweis auf therapeutische Begleitung gab es einige Male. Sie möchte keine. Sie hat in den zwei Wochen ein paar Mal mit einer netten Psychologin geredet, die ihr aber auch nicht viel mehr sagen konnte, als dass diese Lähmung vielleicht eine Art Weckruf gewesen sei. So weit war sie selbst auch schon gekommen.

Trotzdem nimmt sie die dargebotene Hand und verspricht, sich zu melden, wenn sie die Informationen von der Versicherung hat.

Dann geht sie zurück in ihr Zimmer, wo die Bettnachbarin jetzt leise schnarcht. Sie zieht sich im Dunkeln aus, legt sich die Jacke über die Schultern und sitzt eine Weile in die beiden großen Kissen gelehnt.

Bis vor drei Wochen hatte sie geglaubt, dass die schrecklichen Dinge immer den anderen passieren. Also die wirklich schrecklichen Dinge. Opfer eines Mörders zu werden. In einem entführten Flugzeug zu sitzen. Bei einem Tsunami ums Leben zu kommen. Keine sentimentalen Liebesgeschichten, die damit enden, dass einer den anderen verlässt. Damit muss man rechnen, wenn man sich auf eine Beziehung einlässt. Sie ist in ihrem Leben einige Male verlassen worden. Und genauso oft hat sie sich von einem Mann getrennt, wenn ihre Gefühle sich verabschiedet hatten.

Helmut würde sie nie verlassen, da ist sie sich sicher. Er ist froh, dass er sie eingefangen hat. Jedenfalls würde er diese Formulierung benutzen, sollte ihn jemand fragen.

Auch den Job kann man heutzutage schnell verlieren. Das ist nichts Besonderes. Seit die Firma, in der sie seit drei Jahren arbeitet, von einem amerikanischen Unternehmen übernommen wurde, muss man ständig mit einer weiteren Reduzierung der Belegschaft rechnen. Helmut spricht schon länger davon, dass sie wieder bei ihm anfangen soll. Aber das wird sie nicht tun. Sie kann nicht in seinem Haus leben und in seiner Firma arbeiten. Beides zusammen ist unmöglich.

Dass sie jedoch eines Morgens aufwacht – noch dazu an einem warmen, wunderschönen Sommertag, an dem sie Urlaub hat – und feststellt, dass sie bis auf den rechten Arm nichts weiter bewegen kann, dass ihr Körper gelähmt ist, unfähig zur kleinsten Regung, ein derartiges Ereignis gehörte für sie bisher in die Kategorie: geschieht immer den anderen.

Helmut war schon um fünf aufgestanden, obwohl auch er eigentlich frei gehabt hätte. Schuld war der Polier, der gerade seine Silberhochzeit gefeiert hatte und dessen Kinder ihm ein Überraschungswochenende geschenkt hatten. Ein Wellness-Wochenende in Bad Saarow. Deswegen musste Helmut selbst mit seiner kleinen Truppe auf die Baustelle ins Umland fahren. Termine gehen vor, das ist normal, wenn man eine eigene Firma hat.

Helmut war so leise aus dem Bett gestiegen, dass sie ihn nicht gehört hatte. So wie er das auch am Wochenende macht, damit sie länger schlafen kann. Mit knurrendem Magen sitzt er dann in der Küche, im Sommer im Garten, und wartet darauf, dass sie endlich wach wird. Für ihn ist das Rücksichtnahme. Eine alte Debatte. Er könnte schon allein eine Kleinigkeit essen. Diesen Vorschlag findet er abwegig. Zu einem Wochenendfrühstück gehört nun mal seine Liebste dazu. Basta.

Wenn er dieses eine Mal etwas Krach gemacht hätte, wären ihr ein paar unangenehme Momente erspart geblieben.

In der ersten halben Stunde hat sie nichts anderes getan, als „Das kann doch wohl nicht wahr sein“ vor sich hin zu murmeln. Dazu hatte sie mit dem rechten, intakten Arm rhythmisch auf das Bett geklopft. Das änderte nichts an ihrer Situation. Aber wenigstens hatte sie das Gefühl, nicht untätig zu sein.

Sie hätte nie zu Helmut ziehen sollen. Das hat sie in den letzten Monaten öfter gedacht. Dabei war sie vor fünf Jahren stolz auf sich gewesen. Sie hatte eine Entscheidung getroffen. Schluss mit den Beziehungsversuchen, die doch immer nur damit enden, dass einer dem anderen weh tut. Man kann sich auch zu einem Menschen bekennen. Dazu braucht man nicht diese Schmetterlinge im Bauch, von denen sie früher geredet hatte. Anfällige Emotionen. Unsicherheit. Immer wieder ein Ende, immer wieder Tränen und Liebeskummer.

Deswegen wollte sie sich diesmal ganz bewusst für einen Mann entscheiden. Für eine stabile Beziehung. Und deswegen wohnt sie jetzt in diesem Haus, in diesem spießigen Vorort, von dem doch jeder weiß, wie allein man dort sein kann. Mitten in der Stadt wäre ihr so etwas nicht passiert.

Nach einer Weile hatte sie angefangen, um Hilfe zu rufen. Ihr war klar, dass niemand sie hören würde, aber sie konnte auch nicht so tun, als wäre nichts geschehen.

Walter, ihr linker Nachbar, ist nach eigenem Bekunden so schwerhörig, dass neben ihm eine Bombe explodieren könnte. Die Nachbarn rechts wollten an die Ostsee, bevor der große Run beginnt. So wie Helmut und sie das auch geplant hatten.

Letztendlich war es der Briefträger, der sie erlöst und die Feuerwehr alarmiert hatte, nachdem er sich über das Rufen gewundert hatte, das aus dem Haus gedrungen war. Ein junger Mann, den sie vom Sehen kennt, mit dem sie aber außer Guten Tag noch nie ein Wort gewechselt hat. Sie vermutet, dass er Türke ist. Oder Araber. Gefragt hat sie ihn nicht. In dieser Situation natürlich erst recht nicht.

Ist das jetzt das Ende? Oder der Anfang vom Ende? Würde sie morgen nur noch die Augen bewegen können? Nimmt sie sich dann das Leben? Womit? Wird Helmut ihr helfen?

Zum Schluss dachte sie über solch banale Dinge wie ihre Fußnägel nach, von denen ihr plötzlich einfiel, dass die Farbe abgeplatzt war. Und was würden die Männer vom Rettungsdienst wohl zu dem verfärbten, übergroßen T-Shirt sagen, mit dem sie ins Bett gegangen war?

Helmut hatte ihr gleich am Anfang der Beziehung ein schickes Nachthemd gekauft, reine Seide, mit Spitze am Ausschnitt. Negligée nannte man so etwas früher. Sie trägt es nie. Zu fein für ihren Geschmack. Ein wenig zu kitschig. Aber Helmut liebt Kitsch.

Angst und Anstrengung hatten dafür gesorgt, dass sie inzwischen auch noch unangenehm roch. Es war nicht so, dass diese Dinge im Angesicht der über sie hereingebrochenen Katastrophe plötzlich keine Rolle mehr spielten.

Wie die Männer von der Feuerwehr am Ende die Haustür geöffnet haben, ist ihr immer noch ein Rätsel. Vielleicht mit einer Scheckkarte, so etwas sieht man ja immer mal wieder im Krimi. Der Briefträger stand später immer noch im Flur, und sie ahnte in diesem Moment, dass es ihr künftig peinlich sein würde, ihm am Gartenzaun zu begegnen. Wo man sie doch in einem solch derangierten Zustand an ihm vorbeigetragen hatte.

Im Krankenhaus haben sie alle möglichen Untersuchungen gemacht. Röntgen, CT, MRT. Literweise Blut haben sie ihr abgenommen. Am Ende waren die Ärzte einhellig der Meinung, organisch sei alles in Ordnung, die Lähmung müsse psychosomatisch sein.

Obwohl sie nach vier Tagen wieder verschwunden war und außer einer unbedeutenden Steifheit der Gelenke keine Schäden zu beklagen waren, hatte man sie zur weiteren Diagnose in die psychosomatische Abteilung gesteckt.

Natürlich sollte sie froh sein. Gott oder wem auch immer danken, dass mit ihr alles in Ordnung ist, dass sie wieder laufen und sich bewegen kann. Helmut jedenfalls ist glücklich. Sie ist es nicht. Was heißt denn psychosomatisch? Alles nur im Kopf, heißt es. Und das bedeutet nichts anderes, als dass sie offensichtlich verrückt war. Oder es immer noch ist. Solche Überlegungen ärgern Helmut. Warum sie sich nicht einfach freuen kann, dass es ihr wieder gut geht?

Oberflächlich betrachtet scheint sie wieder die Alte zu sein. In ihrem Inneren jedoch ist sie erschüttert. Welches Vertrauen kann man in seinen Körper, in die Welt haben, wenn einem plötzlich so etwas geschieht? Und warum sollte sie davon ausgehen, dass sich dieses Ereignis nicht wiederholt? Vielleicht haben sie etwas übersehen. Vielleicht war es gar nicht ihre Psyche. Vielleicht hat der Körper ihr eine Botschaft geschickt. Vielleicht muss sie bald sterben.

Wenn sie eine Lebenserwartung von 75 Jahren veranschlagt, hätte sie zwei Drittel der ihr zustehenden Zeit bereits hinter sich. Mit 52 kann das Leben von einem Tag auf den anderen vorbei sein, das weiß jeder, der einmal die Todesanzeigen gelesen hat.

Sie hat doch noch gar nicht gelebt.

Das wäre auch wieder so ein Satz, über den sich Helmut aufregen würde. Natürlich hat sie gelebt. Gelebt. Geliebt. Gearbeitet. Aber das kann doch nicht alles gewesen sein.

Ein Haus mit Garten in einem Vorort. Ein Mann, dessen höchstes Glück darin besteht, seiner Liebsten ein gemütliches Heim zu schaffen. Einer Frau, die allein von den beiden Worten gemütlich und Heim Zustände bekommt.

Helmut ist anders als sie. Er ist mit allem einverstanden, nimmt die Dinge, wie sie kommen. Was sollte er sich auch wünschen? Er mag seine Arbeit, ist stolz auf die Firma, die er aufgebaut hat. Rückbau. Gebäudesanierung. Er ist mit Leib und Seele Handwerker.

Wenn er in den Urlaub fährt, ist er glücklich, aber wenn es wieder nach Hause geht, freut er sich auch. Er liebt sein Haus und seinen Garten und versteht ihre Unruhe nicht. Trotzdem hatte er sich viele Jahre um sie bemüht. Damals, als sie in seiner Firma noch als Buchhalterin angestellt war.

Anfangs hatte sie sich gesträubt, hatte sich über ihn lustig gemacht, über den groben Klotz, als der er bei seinen Leuten bekannt ist, über seine direkte Berliner Art, die darin besteht, erst einmal in die Suppe zu hauen, um zu sehen, wie weit es spritzt.

Sie hatte eine Menge an ihm auszusetzen. Seine Sprache, seinen Geschmack, seinen Bauch, seine Zigaretten. Nichts davon gefiel ihr. Seine Reaktion darauf war ungewöhnlich. Er war nicht übermäßig gekränkt. Sein Selbstwertgefühl hatte unter ihrer Ignoranz nicht gelitten. Er hielt sich weiterhin für einen wunderbaren Mann.

Am Ende hatte er sie langsam, behutsam, mit seiner Hartnäckigkeit erobert.

Ein Mann der alten Schule, von denen man annehmen könnte, sie seien längst ausgestorben. Wahrscheinlich existiert auch das Wort Werbung in Verbindung mit zwei Menschen nicht mehr. Helmut hatte um sie geworben. Und irgendwann hatte sie es aufgegeben, sich zu wehren. Sie wollte wissen, ob er recht hatte mit dem, was er von sich behauptete.

„Nenn mir einen Grund, warum ich mich auf dich einlassen sollte.“

Er grinste. „Weil ick anders bin als andere Männer.“

„Denken das nicht alle von sich?“

Er trat verlegen von einem Fuß auf den anderen, schwang den rechten Arm durch die Luft. „Aber ick bin anders. Ick kann eene Frau janz besonders glücklich machen.“

Noch nie hatte ein Mann so etwas zu ihr gesagt. Und noch nie hatte ein Mann drei Jahre lang versucht, mit ihr spazieren, essen, tanzen zu gehen und auf jede Absage mit unerschütterlichem Zutrauen in den nächsten Versuch reagiert.

Also ging sie mit ihm im Tegeler Fließ spazieren. Küsste ihn zum Abschied auf die Wange. Harmlos.

Eine Woche später nahm sie seine Einladung in die Diskothek an. Er wusste, dass sie gern tanzt und dass die Männer aus ihren früheren Beziehungen begnadete Nichttänzer gewesen waren. Sie landeten in einem spießigen kleinen Laden in Neukölln, den sie freiwillig nie betreten hätte. Er bewegte sich dort ohne Scheu. Und irgendwann musste sie zugeben, dass sie  die Art, wie er tanzte, anziehend fand.

„Wir gehen zu dir.“

Er konnte sein Glück kaum fassen.

„Mein Jott, bist du schön.“

So hatte es angefangen. Und sie musste ihr Urteil über ihn revidieren. Er ist sanft, klug, kreativ. Ein Mann, der mit dem ungehobelten Klotz aus dem Firmenalltag wenig gemein hat. Er liebt die Natur, kann sprachlos vor einem Sonnenuntergang stehen. Er malt, eine Art naive Volkskunst, liest Bücher, allerdings nur solche, in denen etwas passiert. Am liebsten Krimis.

Das ist nicht der Grund, warum es zwischen ihnen oft schwierig ist. Obwohl sie ein Jahr nach dieser ersten Nacht zu ihm gezogen ist. In das Haus, das er mit seinen eigenen Händen gebaut hat und das er nie freiwillig verlassen wird.

Sie liebt ihn nicht mit der gleichen entwaffnenden Inbrunst wie er sie liebt. Sie mäkelt an ihm herum, entzieht sich. Besteht darauf, allein in den Urlaub zu fahren. Und jetzt will sie auch noch ein eigenes Bett in ihrem Zimmer.

Ein eigenes Zimmer war kein Problem für ihn. Er wusste, dass er mit einer wie ihr anders umgehen musste. Dann sollte sie auch einen Platz haben, der nur ihr gehört. Aber warum will sie jetzt auch noch allein schlafen? Weil sie schlecht schläft. Weil sie lieber allein rotiert, mitten in der Nacht liest oder sich eine Serie ansieht. Das versteht er. Und doch beunruhigt ihn ihre Forderung.

Nicht ganz zu Unrecht. Denn es ist nicht nur die Schlaflosigkeit. Sie möchte nicht länger neben ihm liegen, ihn nicht hören, möchte nicht von ihm berührt werden.

Vielleicht war diese plötzlich auftretende Lähmung die Strafe.

Das Schnarchen der Bettnachbarin hat sich gesteigert. Die Geräusche gleichen denen, die Helmut von sich gibt. Auch der Fluchtreflex ist derselbe. Im Gang ist es still. Es ist fast sommerlich warm. Die Jacke braucht sie nicht. Sie legt sie über das Laufband, setzt die Kopfhörer auf und trabt los.

Forgive sounds good, forgive, I’m not sure I could.
They say time heals everything. I’m still waiting.

Sie kann nur hoffen, dass Helmut ihr eines Tages vergeben wird. Denn eines scheint ihr jetzt, hier, sicher zu sein: Irgendwann wird sie ihm das Herz brechen.

I paid a price and I’ll keep paying.

*

Helmut fährt mal wieder schneller, als erlaubt ist. Obwohl sie angeboten hatte, sich ein Taxi zu nehmen, wollte er sie unbedingt abholen. Jetzt muss er sich beeilen, ein dringender Auftrag mal wieder, und natürlich hat es mit den Papieren viel länger gedauert als sie veranschlagt hatte.

Sie überlegt, wie es jetzt weitergeht. Montag wird sie wieder arbeiten. Wozu soll sie länger zu Hause bleiben, es geht ihr ja gut. Vielleicht könnte sie Rosi am Wochenende treffen. Die Freundin hat sich Sorgen gemacht, hat ihr täglich kleine aufmunternde Nachrichten ins Krankenhaus geschickt. Aber eigentlich möchte sie niemanden sehen. Irgendetwas nagt an ihr. Sie fühlt sich unbehaglich.

Helmuts Stimme klingt ungeduldig. „Wo biste eijentlich mit deine Jedanken?“

Das kann sie ihm jetzt nicht erklären, deswegen zuckt sie nur entschuldigend mit den Schultern. „Tut mir leid, ich bin immer noch etwas durcheinander.“

Er schiebt die rechte Hand unter ihren Schenkel. Das macht er gern beim Fahren. „Det versteh ick. Aber freuste dich denn nich?“ Er zieht die Hand wieder zurück und sieht sie erwartungsvoll an.

„Hm.“

Worauf soll sie sich freuen? Auf den Käfig, in den sie zurückkehrt? In die Gefangenschaft? Wenn er wüsste, was sie da gerade denkt, würde ihm das Lächeln vergehen. Und es wäre gemein, würde sie es ihm sagen. Warum soll sie ihm wehtun, wenn er doch glücklich ist, sie wieder in seiner Nähe zu haben?

Helmuts Lächeln ist noch breiter geworden. „Hm ist ja nich jerade ein Zeichen von Begeisterung. Du hast mir nich zujehört, stimmt’s?“

Sie nickt ergeben. „Ertappt.“

Er hebt ein wenig drohend den Finger, aber sie sieht, dass er es nicht ernst meint.

„Ick habe dir erzählt, dass ick eine Überraschung für dich habe. Willste nich wissen, welche?“

„Ich glaube, fürs erste hatte ich jetzt genug Überraschungen.“

Er streicht über ihren Arm. „Det stimmt. Jerade deswejen wollt ick dich ein wenig aufheitern mein Schatz.“

Sie mag es nicht, wenn er Schatz zu ihr sagt. Sie hat einen Vornamen, den er jedoch nie benutzt. Sie ist Schatz. Oder Süße. Nie Bettina.

„Also gut. Was hast du vor?“ Denn dass er etwas vorhat, das sieht sie. Sie ahnt nichts Gutes.

Er gibt ein glucksendes Geräusch von sich. „Ick habe mit Georg jesprochen. Du hast den Urlaub ja nich nehmen könnn, und deswegen fliegen wir morgen für eene Woche nach Stockholm. Det wolltest de doch schon so lange.“

Er haut stolz auf den Lenker. „Ick habe ein Zimmer in einem geschmackvollen Hotel gebucht, so wie du det magst. Mit Blick uffs Wasser.“ Er hält kurz den Atem an, wahrscheinlich will er hören, wie sie auf diese Information reagiert.

Georg ist ihr Chef. Helmut und er kennen sich seit der Schulzeit, dieser Kinderfreundschaft verdankt sie auch ihren heutigen Job. Manchmal gehen die beiden zusammen angeln. Jetzt hecken sie also auch hinter ihrem Rücken Gemeinheiten aus. Sie holt tief Luft, weiß aber nicht, was sie sagen soll.

„Wenn ick dich jefragt hätte, wäre det ja keene Überraschung. Ick wollte etwas, wat dir Freude macht. Und Stockholm würde dir Freude machen, da hast de schon so oft von jesprochen.“

Das stimmt. Davon hat sie schon oft gesprochen. Und vor ein paar Monaten hätte sie sich über diese Überraschung vielleicht gefreut, aber jetzt hier, in diesem Moment, hat sie eher Angst. Eine Woche in einem Bett mit ihm. Sein Atem neben ihrem. Seine Hände an ihrem Körper, das wird nicht ausbleiben, sie bekommt eine Gänsehaut. Und die hat nichts mit Vorfreude zu tun.

„Aber du hast doch gar keine Zeit. Hast du jedenfalls gesagt. Deswegen hätten wir doch vor zwei Wochen…“

Schon wieder schiebt er seine Hand unter ihren Schenkel. Das ist einerseits eine Art Liebesbeweis, andererseits bekräftigt er mit dieser Geste auch gelegentlich seine Aussagen.

„Du musst dir keene Sorgen machen, ick habe det allet mit Herbert abjesprochen und ausbaldowert. Allet tutti. Und der Jens is och so weit, den können wa alleene mit dem Lehrling losschicken.“

Herbert ist der Polier, Jens ist der junge Mann, der im Sommer ausgelernt hat.

Das Lächeln ist verschwunden. „Meine Holde aus der Au. Jetze mal in freudije Erwartung det Jesicht vaziehen, bevor ick sauer werde.“

Natürlich bearbeitet er auch ihren Nachnamen. Holdenau ist an sich nicht schwierig, für ihn nur die Holde aus der Au. Die sich jetzt endlich angenehm überrascht zeigen sollte.

„Das ist wirklich lieb von dir. Ich bin nur noch nicht ganz da. Und ich habe als erstes daran gedacht, was ich denn mache, wenn ich plötzlich wieder gelähmt bin.“

Helmut streichelt beruhigend ihren Arm. „Aber det wird nich passieren. Det hat der Arzt och gesacht. Wenn du arbeiten kannst, und det könntest de ja, denn kannst de och nach Stockholm fliejen.“

Damit könnte er recht haben.

Die Hand kommt unter den Schenkel. „Ick vaspreche..“ Er hört auf und fängt noch einmal an. „Ich verspreche hiermit hoch und heilig, wenn es dir schlecht geht, dann fliegen wir sofort wieder nach Hause. Egal, was es kostet.“

Egal, was es kostet. Und dann auf hochdeutsch, was sich bei ihm immer komisch anhört.

Aber es ist ihm ernst. Erst bucht er ein Hotel, das ihr gefallen wird, und dann würde er auch noch einen vorzeitigen Rückflug finanzieren. Sonst sind sie beide eher sparsam. Er ist wirklich ein guter, noch dazu ein großzügiger Mann. Sie weiß nicht, was sie immer an ihm auszusetzen hat. Und warum sie  diese eigenartigen Gefühle hat bzw. warum sie schon seit einiger Zeit nichts für ihn fühlt, das weiß sie erst recht nicht.

Plötzlich laufen ihr Tränen über die Wangen. Helmut deutet sie auf seine Weise. Er lacht. „Na. Meechen. Weenen musste deswegen nich.“

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