Annas Angst – Montag (4)

Gerade als ich überlege, ob ich das Buch „Bete und werde reich“ nicht zuerst selbst lesen sollte, um mit meinem neuen Wissen die Einnahmen der letzten zwei Wochen auszugleichen, öffnet sich die Ladentür. Ich höre das freundliche Plingeling, und als Nächstes ruft mir jemand fröhlich „Guten Morgen“ zu.

Peter steht von seinem Stuhl auf, setzt sich aber gleich wieder.

„Das ist also dein Laden.“ Eva bleibt in der Mitte des großen Raumes stehen und blickt sich um. Offenbar gefällt ihr, was sie sieht. Zu Waldemars Zeiten wäre das anders gewesen. Da er nur Vierzig-Watt-Birnen eingekauft hatte, war es stets etwas schummerig. Außerdem rauchte er im Laden, ertrug frische Luft nur wohl dosiert, es roch immer nach Tabak.

Heute hätte er vermutlich Schwierigkeiten, die alten Räume wiederzuerkennen. Die Dielen habe ich abschleifen und farblos lackieren lassen, die Wände sind hellbeige gestrichen. Seine alten Eichenbretterregale habe ich durch helle Buche ersetzt. Da ich es außerdem hasse, wenn Bücher in Zweierreihen angeordnet und übereinandergestapelt sind, habe ich aus dem Bestand eines alten Regals mindestens zwei neue gemacht. Bücher muss man ganz leicht herausziehen und wieder zurück ins Regal stellen können. Am Ende hatte ich jede Menge Bücher übrig, für die ich bei mir zu Hause ein Zwischenlager eingerichtet habe.

Auch den schwarzen Tresen habe ich rausgeworfen. Der Computer und die Kasse stehen jetzt auf einem Acryltisch, und der abgeschabte Ledersessel soll zum Entspannen und Lesen einladen. Aber eigentlich mag ich es nicht, wenn Kunden darin sitzen.

„Wie sehr ich dich beneide. Ein Buchladen! Das war auch ein Traum aus meiner Mädchenzeit. Und dann dieses Prachtstück.“ Eva sinkt in meinen Sessel und sieht aus, als wolle sie es sich dort für längere Zeit bequem machen. Peter hustet.

„Eva, darf ich dir Peter Baumann vorstellen? Er hilft mir nicht nur im Laden, er ist auch ein begeisterter Leser deiner Lyrikbände. Und wenn er begeistert ist, dann bedeutet das einiges. Er hat über Lyrik promoviert und setzt sich für unbekannte junge Dichter ein.“

Peter ist hinter dem Computer hervorgekommen, und Eva erhebt sich elegant aus dem Sessel und streckt ihm ihre Hand entgegen. Sie wirkt ein wenig unsicher, als sie sich entschuldigt. „Ich habe Sie gar nicht gesehen. Das tut mir leid. Wie unhöflich.“

Ich habe schon oft erlebt, wie die Erwähnung eines Titels Menschen verunsichert. Als kämen sie sich gleich etwas kleiner vor. Dass dies auch einer klugen Frau wie Eva passiert, finde ich sympathisch. Peter hat ihr wohl gerade die Hand zerquetscht.

„Sie müssen sich nicht entschuldigen. Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen. Anna hat recht. Ich mag Ihre Gedichte sehr. Ich gehe nicht fort. Ich entziehe mich nur dem Zugriff. Was mich meint, muss warten. Ich habe Zeit gelernt. Sehr berührend. Möchten Sie einen Cappuccino? Wir haben eine recht gute Espressomaschine.“

Eva sieht tatsächlich gerührt aus. Da rezitiert jemand eines ihrer Gedichte aus dem Stegreif. Nachdem sie sich für den Cappuccino entschieden hat, macht er sich auf den Weg in die Küche. Ich bin froh, ihn los zu sein. Es wird wohl das Beste sein, wenn ich gleich sage, was zu sagen ist.

„Wenn du mit Hans gesprochen hast, dann wird er dir einiges über mich erzählt haben. Er war gestern bestimmt wütend auf mich. Ich hätte dir nichts von dem Buch erzählen sollen. Jedenfalls nicht unter diesen Umständen. Aber dann war es auf einmal draußen. Ich konnte meine Worte nicht mehr rückgängig machen. Ich hätte dir wenigstens noch dazu sagen müssen, dass Hans von all dem gar nichts weiß. Ich war nicht nur unehrlich gestern Abend, ich war auch feige. Ich …“

Eva unterbricht mich. „Ich habe mir schon gedacht, dass du dir Sorgen machst. Hans ist tatsächlich aus allen Wolken gefallen. Dabei hat Viktor ihm nur in einem Nebensatz von deinem Buch erzählt.“

Ich will etwas erwidern, aber Eva wischt meine Worte einfach beiseite. Sie kommt mir aus dem Sessel heraus mit dem Oberkörper ein Stück entgegen. „Du musst mir nichts erklären, und erst recht musst du dich nicht entschuldigen. Ich war diejenige, die sich dumm benommen hat. Ich hätte Viktor gegenüber einfach meinen Mund halten sollen. Sei mir nicht böse. Frie-den?“ Sie spricht das Wort im tiefen Bass und mit einer Pause in der Wortmitte, wobei sie mich wie Old Shatterhand ansieht: die rechte Hand auf dem Herzen, die linke mit der Handfläche nach oben mir entgegengestreckt.

Ich muss lachen und bin erleichtert. Um Eva muss ich mir keine Gedanken machen. Sie verurteilt mein Verhalten nicht. Rick Blaine fällt mir ein. „Vielleicht ist dies der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?“ Eva grinst und lässt sich wieder nach hinten sinken. Sie hat verstanden.

Entspannt schlägt sie die Beine übereinander. „Keine Ahnung, was gestern mit mir los war. Hans bringt mich immer noch durcheinander. Dabei weiß ich aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, mit einem Schriftsteller zusammen zu sein, wenn man selber vom Schreiben träumt. Noch dazu mit einem wie Hans.“

Mir fällt wieder die Frage ein, die zu stellen ich mich gestern nicht getraut habe. „Du hast gesagt, dass Hans dich einmal sehr verletzt hat. Hatte das etwas mit deinen Gedichten zu tun?“

Peter bringt für jede von uns einen Cappuccino und setzt sich wieder an den PC. Er macht den CD-Player an und setzt sich Kopfhörer auf.

Eva sieht mich forschend an. „Ich weiß nicht, ob ich es dir erzählen soll. Immerhin bist du mit Hans zusammen und jetzt in einer ähnlichen Situation wie ich damals. Ich möchte nicht, dass du denkst, ich rede schlecht über ihn, weil ich dir seine Zuneigung nicht gönne.“

Ich setze mich auf den Beistelltisch und rücke ganz nah an Eva heran. „Ich habe meine eigenen Erfahrungen mit Hans. Du wirst dir vielleicht schon gedacht haben, dass ich so glücklich nicht sein kann. Wenn ich solche Sachen wie gestern erzähle.“

Eva lächelt. „Auf deine Verantwortung.“ Dann nimmt sie noch schnell einen Schluck aus ihrer Tasse. „Als ich Hans kennenlernte, war er schon ein bekannter Dramatiker, der gerade im Begriff war, sich auch als Lyriker einen Namen zu machen. Ich dagegen war eine unbekannte Dichterin, die von mehreren Zeitungen und Verlagen lediglich Absagen bekommen hatte. Hans las meine Gedichte, fand sie gerade mal mittelmäßig, ermunterte mich aber, weiterzuschreiben und an meinem Stil zu arbeiten. Ich schrieb neue Gedichte, überarbeitete die älteren und hätte mich wohl auch weiterhin auf sein Urteil verlassen, wenn ich nicht in seinem nächsten Lyrikband einige meiner eigenen, neueren Gedichte gefunden hätte.“

Vor lauter Aufregung halte ich die Luft an.

„Es waren natürlich nicht wortwörtlich meine Gedichte. Aber Hans hatte meine Ideen und meine Bilder benutzt.“

Mir ist schlecht, und der linke Arm tut weh. „Ach, du schöne Scheiße“ ist zunächst alles, was ich herausbringe. „Und wie ging es dann weiter?“

Eva nimmt noch einen Schluck vom Cappuccino. Dann zuckt sie mit den Schultern, als wäre der Fortgang ihrer Geschichte nicht mehr so interessant. „Ich zeigte Hans meine handschriftlichen Unterlagen. Ich war vollkommen außer mir vor Wut und Enttäuschung. Er stritt aber nicht nur alles ab, sondern beschuldigte wiederum mich, seine Ideen gestohlen zu haben. Als ich ihm daraufhin einige ziemlich gemeine Sachen sagte, wurde er schrecklich wütend und schlug mir mit der geballten Faust ins Gesicht.“

Eva kichert. „Damit hatte ich ihn. Ich hätte ihm wahrscheinlich nie oder nur sehr schwer beweisen können, dass er meine Gedichte geklaut hatte. Aber ich ließ mir von einem befreundeten Arzt den Bluterguss und das blaue Auge bestätigen, und damit drohte ich Hans. Entweder er zeigt meine Gedichte seinem Verleger, oder ich gehe mit dem Attest zur Polizei. Das war meine Bedingung. Wenn Hans meine Gedichte in seinen Lyrikband aufgenommen hatte, mussten sie gut sein. Sein Faustschlag war sozusagen meine Eintrittskarte in die Literaturwelt.“ Eva kratzt mit dem Zeigefinger den Milchschaum vom Tassenboden und sieht zufrieden aus.

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