Über der Wiese grauer Dunst. Keine Wolken.

Nicht mal eine einzige kann sich durch das ganze Grau da oben schummeln. Dann muss ich auf die Wolke aus meiner Erinnerung zurückgreifen, die ich gestern in einer spannenden ARTE-Doku über Land-Art Künstler gesehen habe (Hin und Weg – Kunst, die verschwindet). Sie hat mich nicht nur sehr berührt, sie hat mich heute Morgen im Bett zu weiterer Recherche inspiriert.

Sie laufen zehn Stunden oder länger im Schnee, um ein Mandala herzustellen, das ihnen ein Schneeräumfahrzeug jederzeit vernichten kann und das nur von oben betrachtet einen Sinn ergibt (Simon Beck), legen in mühsamer Arbeit Steine zu einem Muster, das die nächste Flut zerstört (Jon Forman) oder produzieren in alten portugiesischen Palazzos Wolken, die nur für Sekunden sichtbar sind (Berndnaut Smilde).

Es kam mir vor, als würden sie alle sagen: Ich war hier. Und wenn ihre Arbeit längst fort ist, sind sie (wahrscheinlich) immer noch da. Ich mag Geschichten, die mir etwas über Vergänglichkeit erzählen.

Leider ist dann eine schmerzhafte Vergänglichkeit in meinen Morgen geplatzt. Gestern ist Cees Nooteboom gestorben. Vor ein paar Tagen erst habe ich zum vierten Mal eins meiner Lieblingsbücher angefangen. Allerseelen.

Was hatte ich mich gegen dieses Buch gewehrt, das vor allem die Männer in der ehemaligen Leserunde so gepriesen hatten. Andere Bücher des Autors hatte ich gelesen und geliebt (Das Paradies ist nebenan, Rituale, Der Buddha hinter dem Bretterzaun, Auf dem Weg nach Santiago), aber Allerseelen, nein. Dann nahm ich es mit auf eine Reise ins Casentino, und dort machte es plötzlich klick.

Ich erinnere mich an eine Lesung im Museum Europäischer Kulturen in Berlin. Der Anblick der dort so zahlreich versammelten Zehlendorfer Bildungsbürger hatte mich dazu verleitet, meinem damaligen Freund zu verkünden, ich würde mir am Ende der Veranstaltung als Zeichen meiner Verehrung für den großartigen Cees Nooteboom das T-Shirt vom Leib reißen und meinen BH auf die Bühne werfen.

Natürlich konnte er beruhigt sein: Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie…

Jetzt schlage ich das Buch an der Stelle auf, an der das Lesezeichen steckt. Und was lese ich da?

Durch dieses Foto jedoch war diese Wolke alle Wolken geworden, die namenlosen Gebilde aus Wasser, die es immer gegeben hat, die es gab, bevor es Menschen gab, die sich in Gedichten und Sprichwörtern eingenistet hatten, flüchtige Himmelskörper, die wir meist wahrnehmen, ohne sie zu sehen, bis ein Fotograf kam, der diesem Vergänglichsten aller Phänomene eine paradoxe Beständigkeit verlieh, wodurch man gezwungen war, darüber nachzudenken, daß eine Welt ohne Wolken undenkbar ist und daß jede Wolke, wann oder wo auch immer, der Ausdruck aller Wolken ist, die wir nie gesehen haben und nie sehen werden.

Ein Gedanke zu „Über der Wiese grauer Dunst. Keine Wolken.“

  1. Bei mir ist es umgekehrt. Ich habe von Cees Nooteboom neben den „Berliner Notizen“ nur „Allerseelen“ gelesen und dem Roman in „Leben mit Martin“ eine kleine Reminiszenz gewidmet.

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