Ich muss das Gehörte erst einmal verdauen. „Er hat dich geschlagen. Mein Gott. Das ist ja wunderbar.“ Eva sieht mich an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank.
Trotzdem nickt sie ernsthaft. „Ja, das stimmt. Der Mann, den ich liebte, von dem ich zudem annahm, dass auch er mich liebt, der klaute nicht nur meine Gedichte, sondern schlug mich, als ich ihm auf die Schliche kam. Interessant, dass du das wunderbar findest.“
Ich bin auf einmal ganz aufgeregt. „Aber so meine ich das doch gar nicht. Ich war mir nur nie sicher, ob ich mir lediglich einbilde, dass Hans zu Gewalttätigkeit neigt, oder ob er es wirklich ist. Verstehst du?“
Eva schüttelt den Kopf. „Du findest es wunderbar, dass er gewalttätig ist?“
„Natürlich nicht. Ich wusste nur nie genau, ob ich außer Panik vielleicht noch unter Verfolgungswahn leide. Er hat mich schließlich nie geschlagen. Nur rumgebrüllt. Mit Türen geknallt und mein Lieblingsgeschirr zerschmissen.“
Eva nickt, als wären ihr solche Szenen nicht unbekannt. „Hans ist ein Mann, der sehr viel Raum einnimmt. Der diesen Raum auch braucht. Dabei ist er unberechenbar. Es ist nicht einfach, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen. Zumal er ja auch liebenswerte Eigenschaften hat. Er kann sehr charmant sein, wenn er will. Fürsorglich. Hilfsbereit. Und manchmal, wenn er sich wie ein Kind freut, dann möchte man ihn in den Arm nehmen und festhalten.“
Sie überlegt eine Weile, bevor sie weiterspricht. „Der Preis, den man für diese guten Stunden bezahlen muss, ist allerdings sehr hoch. Man muss sich ihm anpassen, seinen Meinungen und seinen Launen. Eine Frau, die das kann und möchte, könnte vielleicht trotzdem glücklich mit ihm werden.“
„Ich glaube, ich weiß, warum ich immer noch mit Hans zusammen bin.“ Eva sieht mich interessiert an, während ich tief Luft hole. „Ich habe Angst davor, allein zu sein. Vielleicht nie wieder einen Mann zu finden.“
Eva runzelt die Stirn. „Wie alt bist du eigentlich?“
„Fünfundvierzig! Und sage mir jetzt nicht, das wäre noch kein Alter, in dem man sich solche Gedanken machen muss. Ich komme mir jetzt schon so vor, als wäre ich für die meisten Männer unsichtbar.“
Eva brummt etwas, das sich anhört, als hätte sie diese Erfahrungen noch nicht gemacht. Das wundert mich nicht. Sie ist sehr attraktiv. Dazu klug und witzig, charmant und offen. Bei ihr spielt es keine Rolle, wie alt sie ist. Wahrscheinlich wird sie sowieso mit zunehmendem Alter immer attraktiver, es gibt solche Frauen.
Wir kommen nicht dazu, dieses Thema weiter zu diskutieren, da sich der Laden binnen weniger Minuten gefüllt hat und Peter froh ist, wenn ich mich wieder auf unsere Kunden konzentriere. Es macht keinen guten Eindruck, wenn ein Ladenbesitzer oder Verkäufer in private Gespräche verwickelt ist. Außerdem bin ich froh, mich anderen Dingen widmen zu können. Meine Geständnisse sind mir schon wieder peinlich.
Eva nutzt die nächste halbe Stunde zum Stöbern. Ich kann nicht wissen, dass sie wie ich Christa Wolf mag, sonst hätte ich ihr gleich entsprechende Hinweise gegeben. Wir haben erst vor ein paar Tagen Wolfs Briefwechsel mit Franz Fühmann und eine schöne Ausgabe des Aufbau Verlags von ihrem Roman Sommerstück bekommen. Eva hat die Bücher jedoch allein gefunden, auch ein paar Insel-Bücher interessieren sie.
Dann hat sie Hunger. Ich behaupte, noch keinen zu haben, und schlage vor, dass Peter ihr an meiner Stelle beim Essen Gesellschaft leistet. Der ist erfreut über die Abwechslung und hat immer Hunger, während Eva nicht so aussieht, als wäre sie von meiner Idee begeistert. Aber dann muss sie es sagen, was sie jedoch nicht tut.
Ich verspreche, mich an einem der nächsten Tage bei ihr zu melden und ein Treffen zu verabreden. Zum Abschied umarmt sie mich. „Da ist noch so viel, über das wir reden müssen. Du hast so wenig von dir erzählt. Ich habe jede Menge Fragen.“ Ich halte nicht nur still, sondern erwidere den Druck ihrer Arme.
Die nächsten anderthalb Stunden verbringe ich damit, Yvonnes restliche Bücher einzuräumen und ein paar davon sogar zu verkaufen. Das Geschäft läuft wie schon in der letzten Woche schlecht. Bei manchen Menschen habe ich den Eindruck, sie würden nur zum Lesen in den Laden kommen oder um sich aufzuwärmen. Andere wollen auch nur reden, dann kaufen sie anstandshalber ein Buch für eine Mark.
Als Peter vom Mittagessen zurückkommt, erzählt er mir begeistert von seiner Unterhaltung mit Eva. Die beiden haben die ganze Zeit über Lyrik und Literatur geredet. Peter ist sowohl von Evas profundem Wissen als auch von ihrem Einfühlungsvermögen beeindruckt. „Eine sehr interessante Frau. Je länger man mit ihr spricht, umso angenehmer wird es.“
Ich erfahre von ihm, dass Eva Germanistik und Anglistik studiert hat und dass sie, bevor sie als Lyrikerin bekannt wurde, lange Zeit als Übersetzerin gearbeitet hat. Sie ist geschieden und hat zwei erwachsene Töchter und ein Enkelkind, die alle in Amerika leben.
„Hast du dich in sie verliebt?“
Peter sieht mich an, als hätte ich ihn gebeten, mir zehntausend Mark zu leihen. „Wie kommst du eigentlich auf solche Ideen? Ich habe dir doch heute früh erzählt, dass ich mich mit Yvonne treffe. Hältst du mich für einen Casanova, der sich ständig für andere Frauen interessiert? Ich dachte, du kennst mich ein wenig.“ Er wirkt verstimmt. „Außerdem könnte Eva meine Mutter sein, auch wenn sie nicht so aussieht.“
Er setzt sich an den Computer und tippt irgendwelche Zahlen oder Daten ein. Es ist mir ein Rätsel, was er dort treibt. Auf alle Fälle wirkt er sehr beschäftigt. Da nur noch ein Kunde im Laden ist, kann ich auch Feierabend machen. Mit dem Spätdienst wechseln wir uns ab, heute ist Peter dran.
Mit dem Rad fahre ich zu meinem Lieblingscafé am Kanal. Um diese Zeit kann man dort windgeschützt draußen sitzen und die letzten Sonnenstrahlen genießen. Im Hochsommer bieten die alten Kastanienbäume Schutz vor der Hitze. Obwohl ich in der Sonne sitze, ist es kühl. Ich bin froh über den dicken Pullover, den ich mir um die Hüften lege.
Heißer Kakao wärmt mich von innen, und mit meinem Stuhl rutsche ich der Sonne immer hinterher. Der Gestank von schmutzigem Wasser, den der Wind vom Kanal herüberträgt, vermischt sich mit dem Geruch von matschigem Laub und Frühling. Die Boulespieler hundert Meter weiter applaudieren bei guten Würfen, ab und zu kann man ein paar Wortfetzen hören.
Einige Tische weiter sitzen die jungen Mütter, die gerade ihre Kinder aus dem Kindergarten abgeholt haben. Vom Sehen kenne ich sie. Sie trinken Milchkaffee oder Bier, lachen, putzen laufende Nasen und schlichten Streitigkeiten um Roller und Bollerwagen. Nach all den Jahren der Emanzipation immer noch dieselben Bilder. Die Mütter holen die Kinder ab, sitzen mit ihnen zusammen in der Gemeinschaft anderer Frauen, planen das Abendessen und reden über Männer. Lediglich die Orte haben sich verändert. Zu den Spielplätzen sind Cafés, Kneipen, Restaurants oder Museen hinzugekommen.
Ich habe meine Entscheidung, kein Kind haben zu wollen, nie infrage gestellt. Was hätte ich einem Kind auch bieten können? Hunderte, vielleicht Tausende von Büchern – das ist alles, was ich besitze. Ich habe kein Sparkonto, kein Auto, und meine Möbel habe ich für wenig Geld von Herbert gekauft.
Außerdem sollte ein Kind auch einen Vater haben. Meine Eltern haben mich im Osten zurückgelassen, mein Großvater starb, als ich sechs Jahre alt war. Ich weiß, wie es ist, ohne eine männliche Bezugsperson aufzuwachsen. Das wollte ich meinem Kind ersparen. Außerdem war da nie ein Mann, dem ich die Rolle eines Vaters zugetraut hätte.
Ich hole mein Tagebuch aus dem Rucksack, um meine täglichen Aufzeichnungen zu erledigen. Der Tag ist zwar noch nicht vorbei, aber ich muss nachdenken. Beim Schreiben geht das am besten.
Nach dem Gespräch mit Eva sehe ich Hans noch einmal anders. Er ist nicht nur cholerisch, in Stresssituationen neigt er offensichtlich zur Gewalt. Er hat auch keine Skrupel, anderen ihre Ideen zu stehlen.
Möchte ich wirklich die nächsten Jahre in seinem Schatten stehen und mich seinen Launen unterordnen? Meine fixe Idee, ich müsste nur immer wieder meine Entscheidung, ihn zu lieben, erneuern, kommt mir noch dümmer vor als gestern Abend.
Ich sollte mich von Hans trennen. Es wird sich niemals etwas ändern zwischen uns. Seine Stimme wird mich weiterhin einlullen, seine kleinen Gesten werden mich rühren – aber ist das schon Liebe? Und was noch wichtiger ist: Fühle ich mich überhaupt von ihm geliebt?
Gesagt hat er es noch nie. Immer nur, dass er mich sehr gern hat. Dabei war er am Anfang geradezu begeistert. „Du bist eine attraktive Frau. Und wie einfach das mit dir ist. Wie unkompliziert. Ich wusste gar nicht, wie leicht Beziehungen sein können.“
Kein Wunder. Ich stelle keine Forderungen. Ich lebe mein eigenes Leben und akzeptiere seine Wünsche. Ich lasse ihn in Ruhe.
Vielleicht sollte ich allein bleiben. Manchen Menschen ist es nicht vergönnt, die Liebe ihres Lebens zu finden. Vielleicht gehöre ich zu diesen Menschen. Trotzdem fühle ich mich betrogen, ohne genau zu wissen, was man mir vorenthält.
Was soll ich tun? Niemand sagt es mir. Immer muss ich alles selbst herausfinden. Das ist der letzte Satz, das Buch ist voll. Ich habe bereits ein neues gekauft und mit ordentlicher Schrift die Nummer darauf geschrieben: 260.