Annas Angst – Montag (6)

Zu Hause wartet ein hungriger Orlando auf mich. Nachdem ich ihn gefüttert habe, koche ich mir mein Lieblingsessen, Spaghetti mit Thunfisch. Ich setze das Wasser auf, öffne die Dose Thunfisch und schütte die Kapern zum Abtropfen in ein kleines Sieb. Während ich Zwiebeln und Knoblauch anbrate, sind meine Gedanken bei Hans und Marlene.

Ich habe keine Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. Das ist sehr ungewöhnlich. Marlene ist keine Frau, die solch grobe Missachtung ihrer Probleme – wie das versprochene, aber nicht eingehaltene Telefonat um Mitternacht – einfach durchgehen lässt. Vielleicht ist sie mit Geburtstagsvorbereitungen beschäftigt. Oder sie hat sich mit Patrick versöhnt.

Und was ist mit Hans los? Der lässt sich doch sonst keine Chance entgehen, mir einen Vortrag zu halten. „Anna. Du hast schon wieder aus deinem Gefühl der Minderwertigkeit heraus gehandelt.“

Er hat sich noch nie ernsthaft mit Psychologie beschäftigt. Aber solche Formulierungen benutzt er wie ein Profi. Vielleicht will er mich schmoren lassen und wartet auf eine Entschuldigung von mir. Dafür, dass ich ihn in so eine peinliche Situation gebracht habe.

Ich könnte ihn anrufen. Könnte sagen: Lieber Hans, gestern habe ich mich dumm verhalten. Ich weiß selber nicht genau, warum ich dir nichts von dem Buch erzählt habe. Und heute ist mir klar geworden, übrigens im Zusammensein mit deiner Exfreundin, dass ich nur mit dir zusammen bin, weil ich Angst davor habe, keinen Mann mehr abzubekommen. Da ich das nun erkannt habe, beende ich unsere Beziehung.

Ich muss lächeln, obwohl keiner da ist, der es sieht. Das habe ich mir gut ausgedacht, nur sagen werde ich es ihm nicht. Dazu fehlt mir der Mut. Außerdem ist die Erkenntnis noch ganz frisch. In diesem Fall muss Großmutters Regel von der einen Nacht, die man drüber schlafen soll, zum Einsatz kommen. Morgen ist ein guter Tag, um meine Vorgehensweise zu überdenken.

Die Soße für die Spaghetti ist fast fertig, jetzt nur noch ein Becher Crème fraîche dazu, voilà. Obwohl die Portion auch für zwei gereicht hätte, esse ich sie allein. Danach ist mir schlecht.

Ich stöpsle das Telefon aus und lege mich auf das Sofa im Wohnzimmer. Orlando kommt, um es sich auf meinem Bauch bequem zu machen. Er schnurrt und ist glücklich, weil ich ihn nicht nur liegen lasse, sondern auch an den Ohren kraule.

Neben mir auf dem Tisch liegt das Heft mit den Kochrezepten. Ich blättere ein wenig in den letzten Seiten, die ich gestern nicht angesehen habe. Ich finde neben verschiedenen Eintöpfen noch Heckerle und Sauerbraten, eingelegte Heringe und Schweinskopfsülze. Danach kommen leere Blätter. Als ich das Heft schon schließen will, entdecke ich einige lose, eng beschriebene Seiten. Erstaunlich, dass sie noch nicht herausgefallen sind. Das sind keine Rezepte. Auch die Schrift ist nicht dieselbe.

Lieber Simon! Das sieht nach einem Brief aus. Ich bekomme eine Gänsehaut auf dem Rücken. Es ist die Schrift meiner Mutter. Vielleicht sollte ich das Heft schnell wieder zumachen. Wer weiß, wem meine Mutter da geschrieben hat. Das riecht nach Unannehmlichkeiten. Doch dann siegt meine Neugier.

Lieber Simon!
Bestimmt wunderst Du Dich, daß ich Dir nach all den Jahren einen Brief schreibe. Deine Adresse habe ich von Deinem Cousin bekommen. Gott sei Dank wußte ich seinen Nachnamen noch. Es waren nicht zu viele Rosenbaums im Telefonbuch. Aber ich hatte trotzdem Angst, daß er aus Berlin weggezogen oder gar gestorben sein könnte.

Ich habe ihm am Telefon eine erfundene Geschichte erzählt. Ich sagte ihm, ich hätte im Nachlass meiner Eltern ein Foto von Deinen Eltern gefunden, das ich Dir gern mit ein paar Zeilen schicken würde. Jetzt habe ich Deine Adresse schon seit zwei Wochen, und der Brief, den ich eigentlich schreiben wollte, ist immer noch nicht fertig. Es ist nicht einfach für mich, zumal ich darauf hoffen muss, daß Du mir verzeihst.

Als Du damals Berlin verlassen hast, weil Du für immer in Israel leben wolltest, stellte ich schon kurze Zeit später fest, daß ich schwanger war. Ich wußte ganz sicher, daß Du der Vater bist. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keinen Verkehr mit Walter gehabt, obwohl wir doch heiraten wollten. Ich hatte mich stets erfolgreich dagegen zur Wehr gesetzt. Es gefiel mir nicht, wie er mich bedrängte.

Nicht, weil ich prüde war, das wirst Du Dir denken können, ich wollte den Zeitpunkt nur selber bestimmen und nicht etwas tun, weil er es so sehr wollte und von mir forderte. Deswegen hatte Walter mir den Schlüssel zu dem kleinen Zimmer gegeben, in dem er, wenn er in Berlin war, zur Untermiete wohnte. Ich sollte jederzeit zu ihm kommen können, falls ich es mir eines Tages anders überlegen würde.

Walter hat nie erfahren, daß Du der erste warst, mit dem ich dort zusammen war. Kannst Du Dich noch daran erinnern? Ich glaube es, denn Du warst damals ganz verrückt nach mir. Aber Du hast mich nicht gedrängt, das gefiel mir.

Ich habe Walter geheiratet und ihn in dem Glauben gelassen, daß es sein Kind ist, das ich ein wenig zu früh auf die Welt brachte. Ein Mädchen mit schwarzen Haaren, das ich Anna genannt habe. Wir haben eine gute Ehe. Ich habe meine Entscheidung nie bereut.

Nur Anna macht mir große Sorgen. Aus ihr ist eine schwierige junge Frau geworden. Obwohl ich sie mehr liebe als alle anderen Menschen, kann ich das Schicksal anscheinend nicht aufhalten. Vor drei Monaten ist sie einundzwanzig Jahre alt geworden. Sie ist wütend und zornig, sie haßt mich, sie haßt Walter.

Am liebsten möchte sie mit uns nichts zu tun haben. Anna weiß nicht, daß Walter nicht ihr Vater ist. Zumindest bete ich, daß es so ist. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Vor zwei Wochen hat uns Anna eröffnet, daß sie einen Rockmusiker heiraten und mit ihm nach Frankreich ziehen wird. Sie will ihr Leben einfach wegwerfen.

An dieser Stelle ist das Blatt zu Ende, und der Brief hört auf. Obwohl ich verzweifelt in den restlichen Seiten suche und das ganze Heft noch einmal langsam durchblättere, finde ich keine Fortsetzung.

Eine Weile sitze ich völlig bewegungslos. Es dauert etliche Minuten, bis ich begreife, was die Worte bedeuten, die ich soeben gelesen habe.

Mein Vater ist nicht mein Vater. Der Mann, der mein Vater ist, heißt Simon und lebt in Israel.

Vor lauter Aufregung beginnt mein Herz wild zu klopfen, wie ein kleiner erschrockener Vogel. Ich muss dringend aufstehen. Im Takt des Klopfens laufe ich ziellos in meinem Häuschen umher.

Weder bin ich erschüttert noch traurig. Auch nicht wütend. Ich wundere mich nicht einmal. Dafür bin ich aufgeregt und gleichzeitig erleichtert. Ich verstehe in wenigen Augenblicken, warum mein Vater Zeit seines Lebens ein Fremder für mich geblieben ist. Warum es diesen Misston gab, den ich mir nicht erklären konnte.

Vielleicht haben unsere Seelen eine ganz besondere Schwingung. Und vielleicht sind die Schwingungen innerhalb einer Familie sehr ähnlich. Ich habe nie zuvor darüber nachgedacht, ob Walter mein Vater ist oder nicht. Er war es, weil man es mir so gesagt hat. Meine Mutter wird mit dem Finger auf ihn gezeigt und „Papa“ gesagt haben.

Und trotzdem zweifele ich jetzt keine Sekunde. Er ist es nicht.

Es ist offensichtlich: Wir haben uns ineinander geirrt. Ich bin gar nicht Walters Tochter. Wer bin ich? Bin ich mit dem neuen Wissen automatisch eine andere? Setzen sich die Moleküle in mir neu zusammen?

Bis zu diesem Augenblick habe ich geglaubt, die Tochter von Margot und Walter Fechner zu sein. Meine Mutter hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich etwas zu früh geboren wurde. Man hat mich mit der guten Alete-Nahrung aufgepäppelt, die eine alte Tante von Walter aus dem Westen mitgebracht hatte. Diese Tante im Westen war damals mein Glück. Alle haben das gesagt. Bin ich nun nicht mehr das verlassene Kind?

Meine Eltern sind ohne mich in den Westen gegangen, das habe ich ihnen nie verziehen. Immer war ich wütend und zornig auf sie, hatte endlos mit ihnen um Nichtigkeiten gestritten. Und nun diese Erkenntnis. Meine Eltern waren gar nicht meine Eltern. Ich hatte eine Mutter. Einen Vater, der Simon heißt. Und dann war da noch Walter.

Wer aber ist Simon? Ich bin mir sicher, noch nie zuvor etwas von einem Simon gehört zu haben. Die große Erleichterung macht einer unbestimmten Frustration Platz.

Ein Kollege Walters, der in West-Berlin lebte, hatte meine Eltern am 13. August auf Umwegen aus Ost-Berlin herausgeholt. Das war damals noch möglich gewesen. Es gab Schleichwege, die in die Stadt hinein- und auch wieder herausführten. Da ich bei meiner Großmutter lebte, hatten sie mich einfach zurückgelassen.

Später sagten sie, sie hätten wegen meinem Vater die DDR verlassen müssen. Weil er im Osten nicht die Häuser bauen durfte, die er wollte. Er war einer von denen gewesen, die nicht in die Partei eintreten wollten. Dafür hatte er den Mund aufgerissen und seine Meinung gesagt. Vom Arbeiter- und Bauernstaat, den er stets Arbeiter- und Bonzenstaat nannte, hatte er nicht viel gehalten. Meine Großmutter hatte mir erzählt, dass man ihn irgendwann eingesperrt hätte. Eigentlich war es ganz klug, wegzugehen.

Plötzlich zittere ich am ganzen Körper. Sie hätten mich mitnehmen müssen. Sie hätten es wenigstens versuchen sollen.

Meine Mutter hatte mein Leben nicht gefährden wollen. Man hätte auf uns schießen können. Jedenfalls sagte sie das später. Und der Kollege aus West-Berlin hatte mich nachholen sollen. Da war es jedoch zu spät. Außerdem war ich der einzige Mensch, den meine Großmutter nach dem Mauerbau im Osten noch hatte. Großvater war ein Jahr zuvor gestorben. Es gab keine andere Familie für sie. Nur mich.

Trotzdem. Sie hätten mich mitnehmen müssen.

Es war meinen Eltern egal, was aus mir wurde. Schließlich hatten sie mich gleich nach der Geburt zu den Großeltern gegeben. Sie waren jung, vielleicht zu jung. Meine Mutter war einundzwanzig, als ich geboren wurde, mein Vater fünfundzwanzig. Ich korrigiere mich: Walter war fünfundzwanzig.

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