Der Morgen ist grau. Ich bin noch da. Danke an alle Zuständigen.

Ich schwanke zum Fenster, öffne es, das Thermometer zeigt – 5 Grad. Guten Morgen ihr Schnuckies, rufe ich wie täglich den Vögeln zu. Der Kater antwortet. Was machst du denn hier? Ich warte auf dich. Lass mich rein. Schon ist er verschwunden, ein paar Sekunden später höre ich ihn unten vor meiner Tür schreien. Diese Penetranz am frühen Morgen kann ich überhaupt nicht leiden.

Als ich immer noch ein wenig benommen von der Nacht – schlecht geschlafen trotz Kügelchen – von der Mülltonne komme, schlüpft das Tier an mir vorbei, saust die Treppe hoch, beschwert sich noch ein bisschen, bevor es sich auf meinem Bett niederlässt, auf meiner weißen Kuscheldecke. Auch das mag ich nicht. Aber da er schon liegt…

Gestern Nachmittag konnte ich mit meinem Kaffee am Giebel in der Sonne sitzen. Frühlingsgefühle kamen auf. Ein bisschen Bewegung würde mir guttun, dachte ich. Also bin ich durch den Wald, über die Wiesen zum Butterbaum gelaufen. Der teilweise noch mit Schnee überzogene Boden knirschte angenehm. Ich habe eine Nutria und diverse Gänse aufgescheucht. Die größeren Pfützen und der Tümpel sind zugefroren. Schön anzusehen. Trotzdem: Ich habe genug vom Winter. Auch genug von der Anspannung. Morgen…

Eigentlich sollte mich das Buch Die späten Tage von Natascha Wodin gestern ein wenig ablenken von meinem Elend. Richtig gut geklappt hat es nicht. An der gelungenen Lesung von Martina Gedeck liegt es nicht. Es ist das Thema. Die Autorin schreibt so unverblümt, geradezu drastisch über das Alter, das ich manchmal den Atem angehalten habe. Sie ist gerademal zehn Jahre älter als ich, aber so hinfällig. Und Friedrich, ihre letzte große Liebe – sie haben sich vor sechs Jahren erst kennengelernt –, ist vom Kümmerer zum Hilfsbedürftigen geworden. Der Tod kann täglich eintreten.

Das ist alles großartig erzählt – ich verneige mich -, aber wenn das meine Zukunft sein sollte, na danke. Fürs erste tröste ich mich damit, dass jedes Altwerden anders verläuft, dass jeder Mensch mit anderen Einschränkungen zu tun hat, dass manche aber auch fit bleiben bis ins hohe Alter. Erst vor ein paar Tagen sah ich in einer Doku eine 92jährige, die bis morgens um drei noch Partys feiert. Und einen 96-Jährigen, der letztes Weihnachten mit seinem 75-jährigen Sohn noch auf einen 40 Meter hohen Turm gestiegen ist, um wie jedes Jahr einen Weihnachtsstern zu befestigen.

Vielleicht werde ich mir heute Abend etwas Anderes vorlesen lassen. Und zu Frau Wodin werde ich zurückkehren, wenn ich diese blöde OP überstanden habe. Dann bin ich gewappnet.

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