Annas Angst – Montag (7)

Meine Mutter arbeitete in den fünfziger Jahren als Krankenschwester im Schichtdienst. Walter musste gleich nach dem Studium als Bauleiter quer durch die DDR reisen. Es war bestimmt kein leichtes Leben für sie. Und vielleicht waren sie wirklich davon überzeugt, ich wäre bei den Großeltern besser aufgehoben.

Glauben Eltern nicht immer, sie täten das Beste für ihre Kinder? Und gibt es nicht trotzdem viele Erwachsene, die noch in ihren späten Jahren darunter leiden, wie wenig ihre Eltern sie einst geliebt oder anerkannt hatten?

Simon. Der Name hört sich nach Alten Testament an. Nach Wüste und Sandstürmen. Ich sehe einen Mann, der bis auf einen Lendenschurz nackt ist und mit erhobenen Händen vor einem Priester mit weißem Bart kniet. Nein, das sieht doch zu sehr nach Ben Hur aus.

Bin ich jetzt Jüdin, weil ich einen jüdischen Vater habe? Wir haben das bestimmt in der Schule gelernt. Ich versuche, mich zu erinnern. Jude ist man, wenn man eine jüdische Mutter hat. Wieso gehe ich überhaupt davon aus, dass Simon Jude ist? Aber warum sollte er sonst in Israel leben?

Dieser Brief hat so viele Fragen aufgeworfen. Warum hatte meine Mutter nichts davon geschrieben, dass sie mich zu den Großeltern gegeben hatte? Dass ich im Osten groß geworden bin? Vor allen Dingen weiß ich etwas sehr Entscheidendes nicht: Ich weiß nicht, ob meine Mutter diesen Brief abgeschickt hat oder nicht. Vielleicht ist das, was ich in dem Rezeptheft gefunden habe, nur ein Entwurf. Vielleicht hat sie einen richtigen Brief auf Büttenpapier geschrieben und nach Israel geschickt. Vielleicht hatte Simon ihr sogar geantwortet. Er war nicht interessiert, wollte nichts mit ihr, mit uns, zu tun haben. Oder er hatte sich gar nicht gemeldet.

Aber das glaube ich alles nicht. Es kann nur eine Erklärung geben: Meine Mutter hat diesen Brief nie abgeschickt. Als sie ihn damals schrieb, war sie verärgert und frustriert. Sie wollte mich daran hindern, in mein Unglück zu rennen. Sie hatte es anders formuliert. Ich wäre gerade dabei, mein Leben wegzuwerfen. In ihren Augen war Armin nicht der richtige Mann für mich. Sprunghaft. Nicht zuverlässig. Und ausgerechnet so einen wollte ich heiraten.

Sie hatte sich hilflos gefühlt. Ihre Einwände waren an mir abgeprallt und hatten nichts an meiner Entscheidung geändert. Andererseits war meine Mutter keine dumme Frau. Irgendwann hatte sie eingesehen, dass sie mir nicht in mein Leben hineinreden konnte. Schon gar nicht nach so vielen Jahren, die wir nicht zusammen gelebt hatten. Was hätte Simon überhaupt tun sollen? Nach Berlin kommen und mich übers Knie legen? Nach einundzwanzig Jahren?

Ich werde immer aufgeregter. Vielleicht habe ich irgendwo auf der Welt einen wunderbaren Vater. Was für eine faszinierende Vorstellung. Am liebsten würde ich sofort loslaufen, um ihn mit meiner Existenz zu überraschen. Dabei weiß ich nicht einmal, wo ich ihn suchen soll. Der Brief ist vierundzwanzig Jahre alt. Simon könnte inzwischen gestorben sein. Selbst wenn ich ihn suchen wollte: Wie heißt Simon mit Nachnamen? Ich kann doch nicht nach Israel fahren und alle Simons ausfindig machen.

In meinem Kopf purzeln die Gedanken so schnell durcheinander, dass ich Kopfschmerzen bekomme. Es muss doch irgendjemanden geben, der mir helfen kann. Ich ärgere mich, weil ich alle Schriftstücke meiner Eltern in einen großen Karton gepackt und Herbert mit der Entsorgung beauftragt habe. Es waren auch einige Adressbücher dabei gewesen.

Andererseits, was sollen sie mir schon nützen. Meine Mutter hat Simons Namen bestimmt nicht zusammen mit seiner Adresse aufgeschrieben. Und die Bemerkung „Vater von Anna“ würde ich erst recht nirgendwo finden.

Ich lese den Brief noch einmal ganz langsam von vorn und finde, wonach ich gesucht habe.

Rosenbaum.

Das ist der Name des Cousins meines Vaters. Wenn meine Mutter diesen Mann im Telefonbuch gefunden hatte, sollte mir das wohl auch möglich sein. Falls er tot ist, hat er vielleicht Kinder, die mir weiterhelfen können. Oder andere Verwandte.

Meine Hände zittern, als ich die Seiten des gelben Buches durchblättere. Es gibt tatsächlich nicht viele Rosenbaums. Wenn doch einer unter ihnen wäre, der mir helfen kann. Ich stehe kurz vor einer Ohnmacht, als ich die erste Nummer wähle. Und lege gleich wieder auf.

Was will ich dem Menschen am anderen Ende überhaupt sagen? Entschuldigen Sie, ich habe gerade erfahren, dass ich einen Vater habe, der in Israel lebt und Simon heißt? Kennen Sie zufällig jemanden mit diesem Namen? Sind Sie möglicherweise sogar miteinander verwandt? Können Sie mir seine Adresse geben?

Vielleicht sind jüdische Menschen am Telefon sehr vorsichtig, weil sich irgendwelche Idioten Scherze mit ihnen erlauben. Oder weil man ihnen droht. Möglicherweise reden sie nicht mit Leuten, die sie nicht kennen. Ich habe keine Ahnung.

Da mir kalt ist, fange ich an zu zittern. Das Zittern breitet sich von den Händen über den ganzen Körper aus. Wenn ich mich nicht beruhige, werde ich an Unterkühlung sterben.

Während ich mir eine heiße Milch mit Schokolade anrühre, überlege ich mir einen passenden Text. Dann versuche ich es noch einmal.

Unter den ersten zwei Nummern erreiche ich niemanden. Bei der dritten meldet sich eine energische Frauenstimme, die lediglich „Hallo“ sagt. Ich beginne mit meinem Text.

„Guten Tag, mein Name ist Anna Schwarz. Sie kennen mich nicht. Vor acht Wochen ist meine Mutter gestorben. Sie hieß Margot Fechner, geborene Weber. Ich habe in ihrem Nachlass einen Brief gefunden, den sie an einen Mann namens Simon geschrieben hatte, der in Israel lebt. Meine Mutter hat diesen Brief nicht mehr abschicken können, aber ich glaube, sein Inhalt könnte für diesen Simon sehr wichtig sein.

Leider habe ich noch nie von diesem Mann gehört, und seine Adresse konnte ich auch nicht finden. Sie ist nicht im Adressbuch meiner Mutter. In dem Brief hat meine Mutter aber einen Cousin von Simon erwähnt, der Rosenbaum heißt. Und da dachte ich, Sie könnten mir vielleicht weiterhelfen.“

Die Stimme sagt nein, kann ich nicht, und legt auf.

Zwei weitere Frauen sind etwas gesprächiger, können mir aber ebenfalls nicht behilflich sein. Ein offensichtlich sehr alter, schwerhöriger Mann lässt sich die Geschichte dreimal erzählen, bevor ihm einfällt, dass sein Cousin in Israel David hieß und dass es keinen anderen Cousin gibt. So leicht lasse ich mich jedoch nicht entmutigen.

Ich mache mir eine zweite heiße Schokolade und wähle dann die nächste Nummer. Es meldet sich eine leise Männerstimme. Ich sage meinen Text und höre eine Weile gar nichts.

„Wie war der Mädchenname Ihrer Mutter?“

Der Mann flüstert, ich kann ihn kaum verstehen. Mein Herzschlag setzt für einen Augenblick aus. „Weber.“ Ich flüstere ebenfalls, obwohl dafür kein Anlass besteht.

„Geben Sie mir Ihre Telefonnummer, ich rufe Sie zurück.“ Er notiert sich meine Nummer und legt dann ohne ein weiteres Wort auf. Ich bin mir sicher, auf der richtigen Spur zu sein.

Als das Telefon endlich klingelt, nehme ich gleich beim ersten Ton ab. Es ist Marlene.

„Warum hast du mich gestern nicht mehr angerufen? Du hattest es mir versprochen. Aber ich verzeihe dir. Du Arme! Ich habe von deinem Streit mit Hans gehört. Habt ihr euch inzwischen wieder vertragen?“

Etwas am Klang ihrer Stimme stört mich. Aber ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, ich habe andere Probleme. Allerdings bin ich neugierig, von wem sie ihre falschen Informationen hat.

„Wir haben uns nicht gestritten, deswegen müssen wir uns auch nicht vertragen. Ich glaube allerdings, dass ich mich von Hans trennen werde. Du weißt ja selbst, wie es um uns steht. Immer dieses Hin und Her. Hast du ihn getroffen?“ Ich versuche, die Frage beiläufig klingen zu lassen.

Nein, er hat sie angerufen, weil er mich den ganzen Tag nicht erreichen konnte. Er hat auch nur wissen wollen, ab wann er übermorgen zu der Party erwartet wird. Dann hat er noch kurz einen Eklat am Sonntagabend erwähnt.

„Patrick wird übrigens auch da sein. Wir haben gestern Nacht noch sehr lange miteinander geredet. Ich habe ihn angerufen und zur Rede gestellt. Weißt du, er …“

Ich unterbreche den aufkommenden Redeschwall. „Ich habe jetzt leider keine Zeit. Ich warte auf einen dringenden Anruf.“

„Wen erwartest du denn so Wichtiges?“

Ja, wen erwartete ich denn? Ich entscheide, dass es sie nichts angeht.

„Ich warte auf einen Rückruf vom Reisebüro. Ich möchte einen Flug nach Israel buchen. Und jetzt entschuldige mich, wir sehen uns am Mittwoch.“

So etwas Dummes. Die Reisebüros haben doch längst geschlossen. Ich sollte einmal darüber nachdenken, mit welcher Gelassenheit ich neuerdings mein Innerstes nach außen kehre und, als wäre das nicht schon sonderbar genug, als Zugabe noch dicke Lügen auftische. Aber vielleicht habe ich gar nicht gelogen? Vielleicht werde ich wirklich fliegen?

Schlagartig fällt mir ein, dass ich das vielleicht gar nicht kann. Nicht nur, weil ich Simons Adresse nicht habe und nicht weiß, ob er überhaupt noch lebt. Ich bin vor zehn Jahren das letzte Mal geflogen, vielleicht schaffe ich das nicht noch einmal.

Damals hatte ich während eines Fluges nach Marokko versucht, eine heftige Panikattacke mit Campari-Orange zu unterdrücken. Das war mir auch gelungen, dafür war ich beim Aussteigen so betrunken, dass ich einer Stewardess auf die Bluse gekotzt hatte.

Vielleicht bin ich verrückt, aber in diesem Moment traue ich mir alles zu. Außerdem werde ich später noch genug Zeit haben, mir über diesen Punkt Gedanken zu machen. Erst einmal muss sich dieser komische Mann melden.

Ob ich ihn noch einmal anrufe? Das könnte einen schlechten Eindruck machen. Schließlich hat er gesagt, er würde mich anrufen. Was wohl mit seiner Stimme los ist. Ich versuche, mir den Mann vorzustellen. Es gelingt mir nicht. Er bekommt kein Gesicht, keinen Körper. Er bleibt diese alterslose, wispernde Stimme.

Den restlichen Abend bin ich mit Fantasien über meinen Vater beschäftigt. Wie alt er jetzt ist, wie er als junger Mann ausgesehen und wie er meine Mutter kennengelernt hat. Bestimmt hatten die beiden eine romantische Liebesgeschichte erlebt. Zwei Menschen, die nicht zueinanderkommen konnten. Liebe, die niemals Erfüllung fand, weil irgendjemand, ein neidischer Dritter vermutlich, das verhindert hatte. Mein Gott, der reine Kitsch.

Aber anders wäre mein Leben wohl verlaufen, wenn meine Mutter diesen Simon und nicht Walter geheiratet hätte. Vielleicht wäre sie mit ihm nach Israel gegangen. Ich wäre dort aufgewachsen und würde Hebräisch sprechen. Wahrscheinlich hätte ich meinen Militärdienst in der Armee geleistet und wäre eine glückliche Frau an der Seite eines Kibbuzniks geworden. Ich hätte vier Kinder und vermutlich keine Angst, da mir die Zeit dazu fehlen würde.

Nein, das ist die falsche Geschichte. So kann ich mir mein Leben auch nicht vorstellen. Das ist viel zu idealistisch. Bestimmt wäre aus mir eine Israelin geworden, die sich für das Lebensrecht der Palästinenser einsetzt und für einen palästinensischen Staat. Auf keinen Fall würde ich die israelische Siedlungspolitik unterstützen. Falls man ein solches Gerechtigkeitsempfinden nicht nur mit einigem Abstand entwickeln kann.

Doch alle Gedankenspiele helfen mir nicht weiter. Sie verwirren mich mehr, als dass sie mir nützen.

Ich rufe jetzt doch noch einmal den flüsternden Mann an. Als er sich nicht meldet, hinterlasse ich auf seinem Anrufbeantworter die Telefonnummer des Ladens und die Nachricht, dass er mich dort tagsüber erreichen kann. Jetzt hat er alle Daten. Er kann mich jederzeit anrufen. Wenn er will.

Ich überlege, ob ich auf der Couch schlafen soll. Da würde ich das Telefon besser hören. Zu guter Letzt entscheide ich mich aus reiner Bequemlichkeit für mein Schlafzimmer. Und obwohl ich befürchtet habe, dass ich vor lauter Aufregung endlos lange wach im Bett liegen werde, bin ich nach wenigen Minuten eingeschlafen.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von AM RAND EIN ZUHAUSE

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen