Annas Angst – Dienstag (5)


Simon hatte in London angefangen, ebenfalls Medizin zu studieren. Am meisten interessierte ihn jedoch Psychologie. In den ersten Jahren war er ein großer Anhänger der Psychoanalyse und damit ein Anhänger Freuds. Später suchte er jedoch nach neuen Möglichkeiten, mit Menschen zu arbeiten. Die humanistische Psychologie war es schließlich, die ihn immer mehr faszinierte. Er reiste nach Amerika zu Perls und wurde Gestalttherapeut. Heute hat er in Jerusalem ein eigenes Institut, an dem er zukünftige Therapeuten ausbildet.

„Aber ich weiß gar nicht, ob du mit all diesen Begriffen etwas anfangen kannst?“ Gabriel macht eine kurze Pause und sieht mich fragend an.

Seine wenigen Worte über Simons beruflichen Weg haben eine Gänsehaut auf meinem Rücken gezaubert.

„Ich habe selber Psychologie studiert. Eigentlich wollte ich Therapeutin werden. Aber dann habe ich meine Pläne geändert. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass die Psychologen den Menschen nicht wirklich helfen können. Vielleicht habe ich das aber auch nur angenommen, weil mir niemand helfen konnte.“

Ich schließe die Augen, als ich weiter spreche. „Ich habe seit fünfundzwanzig Jahren Panikattacken.“

„Das tut mir leid.“ Offensichtlich weiß er nicht, was er dazu sagen soll. „Aber es ist doch wirklich eigenartig, dass du Psychologin bist. Das scheint etwas zu sein, was in der Familie liegt. Und warum hast du deinen Beruf für einen Buchladen aufgegeben?“

Ich möchte im Augenblick nicht über mich reden. Ich möchte ihm schon gar nicht erklären, warum ich nie als Psychologin gearbeitet habe. Ich könnte es auch gar nicht. Es gibt keine Erklärung. „Das ist eine lange Geschichte, nicht sehr spannend. Ich musste in meinem Leben immer wieder etwas Neues anfangen. Das ist so eine Art Krankheit. Erzähl du mir lieber von Simon. Das ist wichtiger.“

„Simon wusste von einer Familie Weber, die während der Nazizeit Juden geholfen hatte. Er hatte herausbekommen, dass sich seine Eltern in der Wohnung dieser Familie einige Monate lang versteckt hatten. Später wurden sie dann verraten.

Ich habe keine Ahnung, was er alles anstellen musste, um diese Familie Weber zu finden. Er fand sie jedenfalls. Sie hatten eine sehr schöne Tochter, in die Simon sich wohl ein wenig verliebt hatte. Mein Vater erzählte so etwas. Das wird dann wohl deine Mutter gewesen sein. Wie war noch mal ihr Name? Margot? Von einer Margot habe ich noch nie gehört. Auf alle Fälle ist das die Geschichte, zumindest in Kurzform, wie ich sie kenne.“

Wir bestellen eine große Flasche Wasser. Das winzige rote Alarmlämpchen in meinem Kopf flackert. Ich habe bereits im Laden mit Herbert getrunken, größere Mengen Alkohol vertrage ich nicht. Gabriel hat Hunger. Und er braucht etwas Warmes.

„Ich nehme das Chili con Carne. Wegen dem komme ich einmal in der Woche hierher. Das ist hier besonders gut.“

„Das weiß ich doch. Das ist nämlich mein Lieblingscafé. Wieso habe ich dich hier noch nie gesehen?“

Gabriel zieht die Augenbrauen hoch. „Dein Lieblingscafé? Das denkst du dir jetzt aus.“

Ich schüttle den Kopf, und damit ist die Sache erledigt.

Obwohl ich keinen Appetit habe, bestelle ich mir ein Käsebaguette. Gabriel hat sich zurückgelehnt.

„Offensichtlich war damals mehr zwischen den beiden, als Simon meinem Vater erzählt hatte. Oder mein Vater hat uns nicht alles erzählt. Ich kann ihn nicht mehr fragen. Er ist vor zehn Jahren gestorben. Du wirst das alles selbst mit Simon klären müssen.“

„Ich weiß gar nicht mehr, was ich tun soll. Soll ich ihm schreiben? Oder soll ich alles so lassen, wie es ist? Als ich dich gestern anrief, wusste ich es noch. Ich dachte, es wäre ganz einfach. Ich müsste nur die Adresse herausbekommen. Und dann schreibe ich einen Brief: Lieber Simon, ich bin Ihre Tochter. Dann kommt er nach Berlin und alles wird gut.“

Die Kellnerin bringt unser Essen. Ich habe doch Hunger. Glücklich beiße ich in mein Baguette.

„Und was soll gut werden? Ich verstehe nicht ganz, was du meinst.“

Gabriel schnuppert wie ein junger Hund über seinem Teller und stöhnt vor offensichtlichem Wohlbehagen. Ich bin noch mit Kauen beschäftigt, habe also eine Minute Zeit, über seine Frage nachzudenken.

„Ich weiß nicht mehr, was ich gestern dachte. Es ist alles gerade so konfus in meinem Leben. So durcheinander.“

Da Gabriel schweigt und langsam weiterisst, rede ich weiter.

„Ich habe Probleme mit Männern. Ich kann nicht bei ihnen bleiben. Und wenn doch, dann verlassen sie mich. Deswegen versuche ich seit zwei Jahren, eine Beziehung zu einem Mann aufrechtzuerhalten, den ich nicht liebe. Nicht richtig jedenfalls. Außerdem habe ich seit fünfundzwanzig Jahren Panikanfälle, die immer schlimmer werden. Ich war schon bei den unterschiedlichsten Therapeuten. Keiner konnte mir helfen. Findest du nicht, dass mir eine winzige Hoffnung auf Rettung zusteht?“

Ich kann mir gerade noch die Bemerkung verkneifen, dass ich außerdem ein Buch geschrieben habe und davon träume, Schriftstellerin zu sein.

Gabriel lächelt, während er weiterhin bedächtig sein Chili verspeist. Es muss sehr scharf sein. Mit der Serviette wischt er sich nach jedem Happen den Schweiß von der Stirn.

„Ich weiß nur nicht, wie Simon dir helfen könnte. Bis heute hat er gar keine Ahnung von deiner Existenz. Er hat in Israel eine Familie: seine Frau Jascha, seinen Sohn Ido, sogar eine Enkeltochter gibt es – Miri. Das mit den Männern wirst du selbst klären müssen. Und dann: Simon ist zwar Therapeut, aber wenn dir hier keiner helfen konnte, wieso sollte dann ausgerechnet er es können?“

„Du hast mich nicht verstanden. Wahrscheinlich hast du eine andere Sorte Humor als ich. Natürlich habe ich das mit der Rettung nicht ernst gemeint. Ich bin erwachsen, mir ist klar, dass es im Leben so nicht funktioniert. Aber es ist doch ein schöner Traum, findest du nicht? Ich habe einen neuen Papa, und der macht Hokuspokus und bringt mein Leben in Ordnung.“

Ich kann Gabriel ansehen, dass er unsicher ist, ob ich es nicht doch ernst meine. Aber ich sehe auch, dass er mir helfen möchte. „Warum fliegst du nicht einfach hin? Ich gebe dir seine Adresse. Dann stehst du vor seiner Tür, und alles ergibt sich von allein. Ist das keine gute Idee?“

„Das ist das nächste Problem. Ich bin seit zehn Jahren nicht mehr geflogen. Ich habe Panikattacken. Wenn du wie dein Vater mit der menschlichen Psyche zu tun hast, dann wirst du dich mit solchen Geschichten ja auskennen.“

Gabriel schüttelt den Kopf und betrachtet dabei mit Bedauern den Teller, den er ordentlich leer gegessen hat.

„Ich bin Tischler. Ich restauriere alte Möbel. Was natürlich nicht bedeutet, dass ich gar keine Ahnung von Psychologie habe. Bei uns zu Hause wurde gern und viel über das Thema geredet. Du kannst also nicht fliegen, weil du diese Panikzustände hast?“

„Fliegen ist für mich eine Tortur. So war es in der Vergangenheit jedenfalls einige Male. Außerdem ist es nicht mein Stil, einfach irgendwo vor der Tür zu stehen.“

„Dann gebe ich dir seine Adresse, und du schreibst ihm einen Brief. Oder soll ich ihn anrufen?“

Ich schüttle den Kopf. Das möchte ich schon gar nicht.

Inzwischen fühle ich mich müde und erschöpft. Ich würde mich gern noch eine Weile mit Gabriel unterhalten, aber ich habe zu viel Wein getrunken, der jetzt langsam seine deprimierende Wirkung entfaltet.

„Ich werde jetzt nach Hause fahren und noch einmal über alles nachdenken. Die Adresse hätte ich allerdings gern. Hast du sie dabei? Am besten wird es wohl sein, wenn ich ihm einen Brief schreibe. Morgen. Oder übermorgen.“

Ich winke der Kellnerin und suche in meinem Portemonnaie nach einem Geldschein.

„Ich möchte dich einladen.“ Gabriel lässt sich von meinem ablehnenden Gesicht nicht einschüchtern.

„Bitte. Wo es doch fast an ein Wunder grenzt, dass wir uns kennengelernt haben. Simons Tochter. Glaubst du an Zufälle?“

Ich zucke mit den Schultern und lasse ihn die Rechnung bezahlen. Woran soll ich glauben? Dass uns eine unsichtbare Macht mit Absicht hat zusammenstoßen lassen? Ich glaube heute an gar nichts mehr.

Simons Adresse hat Gabriel in einem Notizbuch zu Hause.

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