Der Sturm hat sich gelegt. Es sind schon wieder Menschen auf der Straße. Gabriel bietet mir an, sein Auto zu holen und mich nach Hause zu fahren. Allerdings finde ich den Gedanken, noch eine Weile die frische Luft auf dem Fahrrad genießen zu können, wesentlich einladender. Er muss mir versprechen, mich heute Abend noch wegen der Adresse anzurufen.
Später kann ich mich nicht daran erinnern, wie ich nach Hause gekommen bin. Meinem Gefühl nach bin ich schneller als sonst gefahren. Der Kater erwartet mich vor der Gartentür. Habe ich ihn nicht morgens im Haus eingesperrt? Ich weiß es nicht mehr. Das Tier hat Hunger. Auf dem Anrufbeantworter ist dreimal hintereinander Hans.
In dem ersten Anruf verurteilt er mein Verhalten.
„Du hast mich der Lächerlichkeit preisgegeben. Und dann meldest du dich nicht einmal bei mir, um dich zu entschuldigen. Das ist doch typisch für dich. Aber mit Eva Tratsch und Klatsch austauschen – das kannst du. Wieso glauben Frauen nur immer, sie müssten sich solidarisieren?“
Ich habe keine Ahnung, was er mit diesem Solidarisieren meint.
Eine Stunde später hatte er noch einmal angerufen. „Wir sehen uns zwar morgen bei Marlene, aber danach möchte ich eine kleine Pause in unserer Beziehung einlegen. Ich muss erst darüber nachdenken, ob ich dir wieder vertrauen kann.“
Ich muss laut lachen. Als ob es darum geht, ob er mir vertrauen kann. Dieser Mann hat wirklich keine Ahnung. Aber ich bin froh. Er hat selbst den Vorschlag mit der Pause gemacht.
Dann hatte er noch ein drittes Mal angerufen. „Was ist das überhaupt für ein Blödsinn mit der Israel-Reise? Was ist los mit dir? Ich habe den Eindruck, du willst dich unbedingt wichtig machen. Rede doch beim nächsten Mal mit Lena über deine Minderwertigkeitsgefühle.“
Das ist typisch Hans. Der ruft nicht nur einmal an, und dann ist es gut. Nein, der muss immer wieder von Neuem reden und Anschuldigungen vorbringen, seinem Herzen Luft machen. Und am allerliebsten tut er dies auf meinem Anrufbeantworter.
Ich kann nur seufzen. Gott sei Dank habe ich morgen einen Termin bei Lena. Vielleicht kann sie mir helfen, Licht in das ganze Durcheinander zu bringen.
Gabriel ruft an, um mir die Adresse durchzugeben. Dann wünscht er mir noch einen schönen Abend. Gerade als ich auflegen will, höre ich, wie er tief Luft holt.
„Ich möchte dich zum Essen einladen. Passt es dir morgen? Oder übermorgen? Ich bin ein sehr guter Koch. Was hältst du von einem leckeren italienischen Menü? Es gibt so viele Sachen, die ich dich fragen möchte.“
Ich bin überrascht, aber nicht zu sehr. Gabriel könnte mir bestimmt noch eine Menge über Simon erzählen. Allerdings habe ich in den nächsten Tagen keine Zeit.
„Ich rufe dich an, sobald ich kann. Ist das in Ordnung?“
Er klingt unzufrieden, als er gute Nacht sagt.
Ich überlege, ob ich den Brief an Simon gleich schreibe. Wäre ich nicht so müde, würde ich es tun. Außerdem wartet mein Tagebuch.
Mit dem neuen Buch und einer Tasse Tee gehe ich ins Bett. Nummer 260 wehrt sich gegen mein Eindringen. Es ist spröde, der Einband noch nicht weich und abgewetzt vom vielen Auf- und Umschlagen, die Blätter blütenweiß und unschuldig. Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen.
Als Erstes schreibe ich meinen Namen, die Anschrift und die Telefonnummer hinein. Es gehört zu der Sammlung meiner schlimmsten Befürchtungen, ich könnte eines meiner Tagebücher verlieren. Wie soll ich dann Rechenschaft ablegen über die Tage, die ich gelebt habe? Wie soll ich bei meinem schlechten Gedächtnis in zwanzig Jahren die Frage beantworten, was ich am 28. April 1998 gemacht habe? Denn das ist es doch, was ich mit dem Schreiben bezwecke. Ich möchte meine persönliche Geschichte, all die Dramen und freudigen Ereignisse, vor dem Vergessen bewahren. Stoff habe ich in dieser Nacht mehr als genug. Ich habe von Gabriel nicht nur Neuigkeiten über meinen Vater erfahren. Auch meine Großeltern waren andere Menschen, als ich bisher angenommen hatte.
In der Schule haben wir einiges über den Widerstand während der Naziherrschaft gehört. Zusätzlich zu den Schulinformationen, die kommunistisch gefärbt waren, las ich später selbst, was mir zwischen die Finger kam. Das Thema beschäftigt mich seit früher Jugend. Vor allem die Frage, warum sich nicht mehr Menschen gewehrt haben.
Ich habe die üblichen Antworten für mich gefunden. Angst, Opportunismus, Sympathie mit den Nazis ließen Menschen wegschauen und schweigen zu all der Ungerechtigkeit. Das war im Sozialismus nicht anders. Und doch gab es mutige Menschen, die ein Gewissen hatten, das ihnen keine Ruhe ließ, die etwas unternehmen mussten. Hilde und Hans Coppi, Lilo Herrmann, die Geschwister Scholl, Pastor Bonhoeffer – das waren Menschen, vor denen ich besonders viel Hochachtung empfinde. Sie wurden später nicht zu Helden stilisiert. Sie bekamen keinen Feiertag. Einfache Menschen, Arbeiter, Studenten, Pfarrer, die nicht erst kurz vor Ende des Grauens ihr Gewissen entdeckt hatten.
Großmutter hatte nie ein Hehl daraus gemacht, dass jeder, der in den Jahren der Naziherrschaft wissen wollte, auch wissen konnte. Juden wurden abtransportiert, das konnte man mit eigenen Augen sehen. Man wusste auch, dass sie nicht in die Sommerfrische fuhren. Gemunkelt wurde eine Menge über Lager im Osten. Also half man, wenn man konnte. Man ging weiterhin zu jüdischen Ärzten, kaufte bei Juden ein.
Großvater war nie Kommunist gewesen. Aber er war zu Veranstaltungen gegangen, auf denen Thälmann sprach. Und der hatte recht gehabt: Wer Hitler wählt, wählt den Krieg. Ich durfte in der ersten Klasse kein Pionier werden, weil mein Großvater das alles schon einmal gesehen hatte.
Wenn sie mir davon erzählt hätten, dass sie Juden versteckt haben, wäre ich stolz auf sie gewesen. Stattdessen hatten sie es für sich behalten. Vielleicht haben sie sich geschämt, weil es ihnen nicht gelungen war, die Menschen zu retten.
Auch meine Mutter hatte in all den Jahren geschwiegen. Dafür gibt es allerdings eine Erklärung. Sie wollte sich nicht an Simon erinnern.
Schon bin ich in Gedanken wieder bei meinem Vater. Ein Gestalttherapeut. So etwas könnte ich mir niemals ausdenken.
Mir schwirrt der Kopf, die Augen fallen von allein zu. Kurz vor dem Einschlafen muss ich noch einmal aufstehen, weil der Kater schreiend an der Hintertür steht und in den Garten will.
In der Nacht werde ich wach, weil ich Schritte höre. Es dauert eine Weile, bis ich feststelle, dass die Geräusche aus meinem Herzen kommen. Schlagartig sitze ich kerzengerade im Bett.
Eine Panikattacke.
Ich ziehe mir den Bademantel über und gehe nach unten in die Küche. Diesmal geht es sehr schnell. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Die Brust tut weh. Wie ein Roboter laufe ich von der Küche in die Veranda, von dort ins Wohnzimmer, zurück in die Küche, ein Abstecher ins Bad. Immer wieder. Hin und her. Der linke Arm schmerzt, ich habe Durchfall.
Das ist keine Panikattacke. Das ist ein Herzanfall. Diesmal bin ich ganz sicher. Ich werde sterben.
Warum habe ich mir auch immer eingebildet, ich wäre geschützt? Nur weil ich unter Panikattacken leide, soll ich keinen Herzinfarkt bekommen? Weil es widersinnig und ungerecht wäre? Es muss das Herz sein. So etwas kann man sich nicht einbilden. Zwar fallen mir die anderen Male ein, in denen ich auch ganz sicher gewesen war, dass es das Herz ist, aber davon lasse ich mich nicht beirren.
Als Erstes muss ich aus diesem Haus raus. Voller Panik wähle ich die Nummer vom Taxistand. Es meldet sich ein Fahrer, den ich in die Neuruppiner Straße bestelle. Am ganzen Körper zitternd ziehe ich mich an. Ich schaffe es gerade noch, mir die Zähne zu putzen. Der Boden im Bad schwankt, bestimmt falle ich gleich in Ohnmacht.
Lieber Gott, bitte hilf mir. Wenn es dich gibt, wenn du wirklich existierst, warum lässt du mich dann so leiden?
„Fahren Sie so schnell wie möglich ins Neuköllner Krankenhaus.“
Der Taxifahrer sieht mich merkwürdig an. „Alles in Ordnung mit Ihnen? Soll ich nicht lieber einen Krankenwagen rufen?“
Ich schüttle wortlos den Kopf. Still sitzen kann ich nicht, also wippe ich während der Fahrt mit dem Oberkörper auf und ab. Ich habe einiges über Herzinfarkte gelesen. Es kommt auf jede Minute an. Außerdem haben Frauen andere Symptome als Männer.
In der Notaufnahme ist es leer. Ich muss fünf Minuten warten, dann bin ich dran. Die Ärztin ist jung und offensichtlich übermüdet. Ihre Augen liegen in tiefen Höhlen, ihre Wangen sind schuppig. Sie wirkt irritiert, als ich ihr meine Symptome schildere. Dann misst sie den Blutdruck, anschließend wird ein EKG gemacht.
Es ist in Ordnung. Kein Hinweis auf Unregelmäßigkeiten. Nichts.
Nach dieser Information lassen die Anspannung und der enorme Druck schlagartig nach. Ich fühle mich nur noch benommen.
Als ich mich wieder angezogen habe, bittet mich die Ärztin in ein unordentliches Sprechzimmer. Diffuses Licht wie in einem amerikanischen Film. Eine Tankstelle. Der Held steigt langsam aus seinem riesigen Schlitten und kauft Zigaretten.
„Haben Sie das öfter?“
Die Ärztin scheint ein wenig gereizt. Ich habe ihr Zeit gestohlen. Ich bin nicht herzkrank, sondern neurotisch. Sie tut mir leid. Aber ich könnte ihr auch ein wenig leid tun. Schließlich mache ich das ja nicht absichtlich.
„Ja. Und ja, ich gehe regelmäßig zur Therapie. Aber ich habe diesmal wirklich geglaubt, es wäre das Herz. Entschuldigen Sie.“
„Wir haben hier eine sehr gute Krisenübernachtung. Möchten Sie vielleicht eine Nacht bleiben? Ich schreibe Ihnen eine Einweisung.“
Das ist das Letzte, was ich möchte. Ich habe einmal sechs Tage in einer solchen Einrichtung zugebracht. Die werde ich nie vergessen. Gleich im Anschluss hatte ich mir eine neue Therapeutin gesucht und war dabei auf Lena gestoßen. Auf solchen Stationen liegen suizidgefährdete, depressive, paranoide, schizophrene, essgestörte Menschen. Sie tragen Wärmflaschen vor dem Bauch, mit denen sie reden, manchmal schreien und toben sie. Oder aber sie heulen die ganze Zeit.
Sicherlich ist es gut, dass es solche Auffangmöglichkeiten gibt, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, noch einmal eine Nacht in einer Anstalt zu verbringen. Ich gehöre dort nicht hin. So krank bin ich nicht.
„Nein, ich fahre nach Hause. Es geht bestimmt. Jetzt, wo ich weiß, dass mit meinem Herzen alles in Ordnung ist. Vielleicht können Sie mir ein paar leichte Beruhigungstabletten geben. Lexotanil? Die wirken bei mir schnell.“
Die Ärztin schüttelt beleidigt den Kopf, gibt mir aber zwei Tabletten. Ich nehme sie an Ort und Stelle mit etwas Wasser.
Der Pförtner ruft mir ein Taxi, und ich fahre nach Hause. Vor der Tür sitzt friedlich Orlando. Ich gebe ihm etwas zu fressen und schalte den Anrufbeantworter ein.
Es ist fünf Uhr früh, als ich endlich wieder in meinem Bett liege.