Kein Wunder, wenn ich mir für sechs den Wecker gestellt habe, weil ich mich kurz vor acht auf mein Rad schwingen muss. Es ist eisig heute Morgen. Die Wiesen sind weiß vom Frost, die Kühe stehen da wie eingefroren. Doch halt. Da bewegt sich eine. Sie leckt ihrem Kalb den Kopf.
Der Busfahrer studiert mein Ticket. Hm. Was gefällt ihm nicht? Wo ich denn aussteige? Bürgerpark. Er ist zehn Minuten zu früh dort, ich habe also vierzig Minuten Aufenthalt. Es ist immer noch eisig. Ich gehe in das Mehrgenerationenhaus, das mir von den Dichterinnentreffs gut bekannt ist. Dort sitze ich im warmen Treppenhaus. Gar nicht so übel. Zumal ich zufällig unsere Oberdichterin treffe, worüber ich mich freue. Wir haben uns lange nicht gesehen.
In Havelberg bin ich zwar pünktlich, aber der gute Geist der Immobilienanbieter – wir kennen uns inzwischen von diversen Telefonaten – kommt etwas später. Das macht nichts. Ich kaufe ein paar Kleinigkeiten ein, bevor ich mich eine gut befahrene, sehr hässliche Straße entlangschleppe. Diesen Weg würde ich sehr häufig nehmen. Das würde mich sehr häufig deprimieren. Viel mehr als die Platte, gegen die ich Vorbehalte hatte, die ich aber nicht aufrecht erhalten kann.
Ich habe mir das lange Gebäude von allen Seiten angeschaut. Ich habe die Augen geschlossen und gelauscht. Habe den schönen Blick auf Grün, Pferde, in einiger Entfernung der Dom genossen. Habe einen Mann befragt, der rauchend auf dem Balkon stand. Wie lebt es sich hier? Angenehm. Ruhig. Nette Leute. Ich glaubte ihm.
Ich habe mir fünf Wohnungen angeschaut, bin treppauf, treppab gelaufen, habe entschieden, dass Etage zwei doch angenehmer als drei wäre, und dass mir mit ein paar Ergänzungen sogar die Möbel gefallen würden. Aber am besten wäre der Ausblick.
Doch leider, leider ist die tatsächliche Miete 200 Euro höher als in der Anzeige ausgewiesen. Ich hätte mir den Weg also sparen können. Oder auch nicht. Denn immerhin weiß ich jetzt, dass ich mir das Wohnen in einer Platte durchaus vorstellen kann. Vom Wohnen in Havelberg ganz zu schweigen.
Wenn der Fluss so wie heute blinkt und leuchtet, wenn der Blick in die Weite mein Inneres weitet, dann will ich bleiben. Auch mit ohne Zähne.
Platte ist eben nicht gleich Platte. Das schlechte Image ist der Bauweise dort angehängt worden, wo die Häuser in Stadtrandsiedlungen überwiegend von Menschen auf der Schattenseite der Wohlstandsgesellschaft bewohnt werden. Alkoholisierte Arbeitslose, pöbelnde Schulschwänzer, beschmierte Wände, und häufig muss die Polizei gerufen werden. Die Schwiegereltern meiner Tochter wohnen in einer sehr schön gelegenen „Platte“ im ehemaligen Ost-Berlin und mit einem Nachbarschaftsgeist, von dem man im ehemaligen West-Berlin nur noch träumen kann, wenn man nicht selbst zu denen gehört, denen „Kontakt“ eher lästig wäre.
Vorbehalte hatte ich eher in Bezug auf das „hübsch hässlich“. Auf den Dörfern an den Rand gedrängt. Aber am Rand lässt es sich andererseits gut aushalten. Dass das Miteinander auch in der Stadt gut funktioniert, ist vielleicht noch so ein Ost-Dingens…denkt die Ost-Frau.
Na klar, ist das ein Ost-Dingens, das gerne hätte übernommen werden können – wie manches andere auch. Aber es wurde mal wieder das Kind mit dem Bad ausgeschüttet.