Missmutig fahre ich in den Laden, um Peter abzulösen. Nachdem er von meiner erstaunlichen Begegnung mit der flüsternden Telefonstimme und dem nächtlichen Besuch im Krankenhaus erfahren hat, will er mich nach Hause schicken. Eigentlich gehöre ich dort auch hin. Ich bin durcheinander, unausgeschlafen und erschöpft. Aber ich habe Marlene versprochen, auf jeden Fall auf ihrem Fest zu erscheinen.
Das Geschenk habe ich auch schon gekauft. Ein silberfarbener Seidenschal hat bei einem gemeinsamen sonntäglichen Spaziergang ihre Aufmerksamkeit geweckt. Einen Tag später habe ich ihn gekauft. Außerdem bin ich neugierig, wie Hans sich mir gegenüber verhalten wird. Also schicke ich Peter nach Hause und mache mich an die leidige Büroarbeit.
Im Laden ist es ruhig. Darüber bin ich ausnahmsweise froh. Die Buchführung beansprucht meine gesamte Aufmerksamkeit. Ich vergesse sogar Müdigkeit und Ärger. In den letzten Stunden verkaufe ich noch zehn Bücher aus der Krabbelkiste. Damit erreichen meine Einnahmen zusammen mit denen vom Vormittag die Einhundert-Mark-Grenze.
Ein Kunde liest beim Hinausgehen den Zettel am Eingang. Ob ich mir nicht seine Sammlung von Kriminalromanen anschauen will. Er möchte sie verkaufen. Ich vertröste ihn auf einen Termin in zwei Wochen, sage ihm, dass wir gerade keinen Bedarf an Krimis haben. Es ist nicht nötig, ihm auf die Nase zu binden, dass ich mir weitere Ankäufe zur Zeit nicht leisten kann. Die zweihundert Mark, die Peter seiner Yvonne versprochen hat, bereiten mir genug Kopfzerbrechen.
Oberste Priorität hat Peters Lohn. Bisher ist es mir immer gelungen, ihn pünktlich auszuzahlen. Danach kommen die Miete und andere Nebenkosten. Mit dem Vermieter habe ich Glück, ich kann mit ihm reden, wenn ich einmal nicht in der Lage bin, die volle Summe am ersten des Monats zu überweisen. Mein eigener Verdienst richtet sich nach dem, was übrigbleibt. Und das ist in diesem Monat kaum der Rede wert. Eigentlich müsste ich Sozialhilfe beantragen. Wenn ich nicht wüsste, welch ein Theater die Ämter in einem solchen Fall machen, hätte ich es vielleicht schon getan.
Normalerweise hätte Hans mich abgeholt und wir würden zusammen zu Marlene fahren. Aber wir haben gerade keine normale Situation. Und deswegen muss ich allein mit dem Rad fahren, von meinem schmuddeligen Kreuzberg in das andere, das feine. Ich fahre sogar ordnungsgemäß auf der Straße oder den Radwegen, noch einmal möchte ich nicht einen Menschen überfahren.
Die Party kann man schon von weitem hören. I can get no satisfaction. Bestimmt hat Marlene schon einige Gläser Sekt getrunken. Dann legt sie unweigerlich die Stones auf. Sonst mag sie Musik nicht besonders. Ihr Balkon ist voller Menschen. Im zweiten Stock ist wieder einmal die Birne durchgebrannt, im ganzen Treppenhaus riecht es nach Haschisch. Patrick kann nicht weit sein.
“Ah, gnädige Frau geben sich die Ehre.” Er sitzt auf der Treppe vor Marlenes Wohnungstür, die offen steht. In dem schummrigen Licht, das aus dem Korridor dringt, kann ich schwarz gekleidete Menschen erkennen. Dazwischen rote und gelbe Tupfen. Die müssen zu Marlenes Tantra-Gruppe gehören. Ich kenne die Leute nur aus ihren Berichten. Sie arbeiten gemeinsam an der Öffnung ihrer Herzen und lieben ihre Genitalien, denen sie possierliche Namen geben. Aber selbstverständlich wird in der Gruppe nur gevögelt, wenn es der Heilung dient.
Patrick blickt zu mir hoch und bietet mir seinen Joint an. “Der große Meister ist auch schon da. Aber ich habe gehört, ihr habt gerade ein wenig…”, er sucht nach passenden Worten, “…wie soll ich sagen, Probleme? Dir ist doch nicht endlich ein Licht aufgegangen?”
Mir fällt keine Antwort ein, die ihm das Grinsen aus dem Gesicht treibt.
“Ich weiß nicht, was dich das angeht.”
In diesem Augenblick kommt Marlene mit einem Glas Sekt in der Hand aus der Küche. Als sie mich sieht, stößt sie vor lauter Begeisterung einen kleinen Schrei aus. “Anna, endlich, ich dachte schon, du würdest mich heute Abend ganz allein lassen mit all den vielen Menschen. Stell dir doch nur einmal vor. Jetzt bin ich vierzig. Ist das nicht schrecklich?”
Da sie einfach umwerfend und mindestens zehn Jahre jünger aussieht, kann ihre Frage nicht ernst gemeint sein. Sie trägt ein schmal geschnittenes langes Kleid aus schwarzer Spitze, das ihre schlanke Figur noch betont. Die naturblonden Haare hat sie zu einer einfachen Frisur hochgesteckt, als einzigen Schmuck trägt sie eine dicke silberne Kette.
Marlene ist die schönste Frau, die ich kenne. Männer liegen ihr zu Füßen, Frauen wie ich beneiden sie um ihr gutes Aussehen. Zumindest nehme ich an, dass auch andere Frauen hin und wieder einen Vergleich zwischen sich selbst und Marlene anstellen, der nicht unbedingt zu eigenen Gunsten ausfällt. Ich weiß nicht, ob Marlenes Schönheit die Ursache für eine der wenigen Gemeinsamkeiten zwischen uns ist: Marlene kennt viele Menschen, hat aber nur wenige richtige Freunde. Ihre Freundinnen wechseln alle paar Monate, ich habe außer ihr keine.
Vielleicht ist das der Grund für unsere eigenartige Beziehung, die nun schon seit mehr als zwanzig Jahren existiert, und die Marlene so hartnäckig als Freundschaft bezeichnet. Wir haben eine Weile in derselben Wohngemeinschaft gelebt. Sie ist als erste ausgezogen, wegen eines Mannes natürlich, ein paar Jahre später heiratete sie, einen anderen Mann, und noch ein wenig später bekam sie von einem wiederum neuen Mann ein Kind. Wir treffen uns alle paar Wochen, trinken Kaffee oder Wein, reden über Männer, über unsere Jobs, worüber Frauen sich so unterhalten.
Über den Schal freut sich Marlene wie ein kleines Kind. Sie umarmt und küsst mich. Das ist eine der Charaktereigenschaften, die ich an ihr mag, um die ich sie sogar mehr beneide als um ihre Attraktivität. Wenn sie glücklich ist, bringt sie ihre Freude und Dankbarkeit so überzeugend zum Ausdruck, dass man sich hinterher selbst beschenkt fühlt.
“Ich habe nur auf dich gewartet, jetzt kann Hans seine kleine Rede halten. Oder möchtest du zuerst etwas essen?” Obwohl sie leise gesprochen hat, muss es jemand gehört haben.
“Doch nicht etwa Hans Ihlenfeld? Ich habe schon die ganze Zeit überlegt, wieso mir der Mann auf dem Balkon so bekannt vorkommt. Du kennst ja tolle Leute.” Eine Frau in einem roten Kleid hakt sich bei Marlene ein. Marlene stellt mich als ihre beste Freundin vor und die andere Frau als Corinna aus der Tantra-Gruppe. Wenn Hans auf dem Balkon ist, könnte ich ihm wenigstens guten Tag sagen. Essen kann ich später immer noch.
Auf dem Weg durch die Wohnung begrüße ich ein paar Leute, die ich von früheren Begegnungen kenne. Kollegen, ehemalige Klassenkameraden. Exmänner. Hans steht rauchend auf dem Balkon, er unterhält sich angeregt mit einem attraktiven Mann, der seine langen Haare zu einem Zopf geflochten hat und eine orangefarbene Tunika über weiten Pumphosen trägt. Ganz bestimmt ein Tantriker.
Als Hans mich sieht, lächelt er freundlich und kommt mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. “Wie schön dich zu sehen. Meine liebe Anna. Gut siehst du aus. Diese Bluse kleidet dich ganz ausgezeichnet.”
Ich trage dieselbe cremefarbene Bluse wie am Sonntag. Hans hat sie schon viele Male an mir gesehen. Was ist los mit ihm? Er kommt mir geradezu überschwänglich vor. Das passt gar nicht zu den Mitteilungen, die er auf meinem Anrufbeantworter hinterlassen hat. Ich fasse mir ein Herz. Es ist egal, was mit ihm los ist. “Ich muss mit dir reden. Hast du nachher einige Minuten Zeit für mich?”
Ich möchte es ihm weder am Telefon sagen noch mich an einem der nächsten Tage mit ihm treffen. Ich will es so schnell wie möglich loswerden. Das ist typisch für mich. Ich kann zwar ziemlich lange in einer unbefriedigenden Situation ausharren, aber wenn ich meinen Fehler einmal erkannt habe, geht es mir nicht schnell genug. Und ich habe soeben entschieden, mich wirklich und richtig von Hans zu trennen.
Hans nickt gnädig. “Natürlich habe ich Zeit. Für dich doch immer.”
Neben mir ist Marlene aufgetaucht. “Leider muss ich dir Hans jetzt entführen. Er hat mir versprochen, heute Abend ein paar Worte zu sagen. Aber das weißt du ja.”
Sie nimmt ihn am Arm und geht mit ihm ins Wohnzimmer, in dem kleine Grüppchen beieinanderstehen und sich unterhalten. Im Vorübergehen bittet sie auch die Gäste aus dem Flur und der Küche, mit ihr in den großen Raum zu kommen. Sie räuspert sich ein paar Mal, an ihrer Stimme, die ein wenig zittert, kann ich erkennen, dass sie aufgeregt ist.
„Hört mal alle her.“ Sie muss sich noch einmal räuspern, ihre Stimme ist eine Oktave höher als sonst. „Also. Ihr wisst ja, bei solchen Anlässen ist es üblich, dass der Gastgeber ein paar Worte sagt.“ Sie lächelt und schluckt ein paar Mal. „Deswegen also: Herzlich Willkommen und schön, dass ihr alle da seid.“
Es wird gelacht und vereinzelt geklatscht. Mit einer Geste ihrer Hand deutet sie an, dass sie noch nicht fertig ist. „Aber weil es nun mein Vierzigster ist….“ sie stöhnt in gespielter Verzweiflung „….und weil ich keine große Rednerin bin…“ Diesmal lachen alle „……habe ich einen lieben Freund gebeten, ein paar Worte zu sagen.“ Kokett senkt sie den Blick, bevor sie ihn wieder erhebt und Hans anlächelt. „Ich habe keine Ahnung, was er sich ausgedacht hat, aber ich hoffe, dass ich nicht zu schlecht dabei wegkomme.“
Hans lächelt ebenfalls in das freundliche Gemurmel hinein und macht eine beruhigende Geste in Marlenes Richtung.