Orlando sitzt vor der Gartentür. Das scheint sein neuer Stammplatz zu sein. Ich kann ihm seine Gedanken ansehen. Mein Gott, wie sieht sie bloß aus. Hat sie schon wieder geheult? Aber er hat Hunger, das ist wichtiger.
Nachdem ich ihm die ganze Dose in den Fressnapf geschüttet habe, sieht er mich misstrauisch an. Ist das ihr Ernst? Sonst muss ich abends doch immer Diät halten. Da ich keine Anstalten unternehme, meine Entscheidung rückgängig zu machen, stürzt er sich freudig auf seine Mahlzeit.
Ich erinnere mich an die Flasche Rotwein, die noch im Küchenschrank sein muss. Herbert hat sie mir letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt. “Das ist ein besonderer Wein für eine besondere Frau. Ein Syrah aus Südafrika. Wenn du dir einmal etwas Gutes tun willst. Oder wenn du Trost brauchst.”
Dann ist jetzt wohl der richtige Augenblick.
Ich mache den Heizofen in der Veranda an, nehme mir zusätzlich zwei dicke Decken, die ich mir um Beine und Schultern lege, und blicke hinaus in die Nacht. Eigentlich habe ich nicht erwartet, etwas zu sehen. Ich muss den ganzen Abend blind gewesen sein. Es ist Vollmond. Ich habe es nicht bemerkt.
Der Garten ist in silbernes Licht getaucht. Der Himmel glüht. Er ist mit unzähligen Sternen übersät, rechts hängt ein dicker runder Mond. Sein Hof ist riesig und leuchtet in sämtlichen Farben des Regenbogens. Die Gerippe der Bäume glänzen.
Ich werde ruhiger und kann wieder klar denken. Was bedeutet mein angstgeplagtes kleines Leben im Vergleich zu diesem Schauspiel? Himmel, Sonne, Mond und Sterne gibt es immer, sie sind ewig. Sie bieten Sicherheit durch ihre Beständigkeit. Auch wenn Sterne irgendwann sterben, ich kann mich darauf verlassen, dass immer genug für mich da sein werden. Nachdem mich diese Erkenntnis für einen Moment tröstet, verfalle ich schon ein paar Minuten später in Selbstmitleid. Und wozu bin ich da? Wen interessiere ich? Ich bin für niemanden ein Stern oder eine Sonne.
Orlando miaut. Er will mich wohl daran erinnern, dass ich seine Sonne bin. Aber in diesem Punkt bin ich austauschbar. Ich weiß es. Orlando wird jeden lieben, der ihm die Dosen öffnet.
Jetzt reicht es aber. Ich klopfe mit der Hand auf den Tisch. Wozu soll das Jammern gut sein? Eigentlich kann ich doch froh sein. Mit einem Schlag ist alles Falsche aus meinem Leben entfernt worden. Das ist schmerzlich, aber mit Sicherheit nicht tödlich. Ich rekapituliere. Ich habe meine Eltern verloren. Eltern, die bis zu ihrem Tod Fremde für mich waren. Ich hatte mir ein Bild von ihnen gemacht, das womöglich falsch ist.
Zur Beerdigung waren viele Trauergäste gekommen, darunter nicht nur Nachbarn oder ehemalige Kollegen meines Vaters. Bestimmt ein Dutzend hatte sich mir bei der späteren Kondolenzrunde als Freunde der Eltern vorgestellt. Diese Menschen hatten ihr Beileid in solch warmherziger Form ausgedrückt, die mich schon damals nachdenklich gestimmt hatte.
“Ihre Mutter war immer so hilfsbereit. Sie hätte ihr letztes Hemd für andere gegeben. Ein richtiger Schatz war sie.”
“Wir haben mit ihrem Vater immer so gelacht. Was hatte er für einen herrlichen Humor.”
“Wir haben jahrelang zusammen Canasta gespielt. Mein Mann hat manchmal gemogelt. Aber ihr Vater tat so, als würde er es nicht merken. Er hatte ein großes Herz. Und ihre Mutter ebenso. Sie hat immer gesagt, man muss die Menschen so nehmen, wie sie sind. Bessere gibt es nicht.”
Es gibt tatsächlich Menschen, die meine Eltern gemocht haben. Die Seiten von ihnen geschätzt haben, die mir nicht aufgefallen sind. Vielleicht haben die beiden unter unserer unterkühlten Beziehung gelitten. Und nie mit mir darüber geredet. In dem Brief kann ich es nachlesen: Meine Mutter hatte sich Sorgen um mich gemacht. Hatte mich geliebt.
Es ist das erste Mal, dass ich meine Eltern aus einer anderen Perspektive betrachte. Ohne Groll. Ohne Wut. Ein angenehmes Gefühl. Ich nehme mir vor, in den nächsten Wochen die Dokumente aus der Kiste, die Herbert für mich gerettet hat, zu studieren. Außerdem ist es an der Zeit, endlich die Beileidskarten zu beantworten. Das habe ich bis jetzt hinausgezögert.
Zuerst werde ich dem Ehepaar schreiben, das mit meinen Eltern Canasta gespielt hatte. Die sind mir besonders sympathisch in Erinnerung.
Durch den Tod meiner Eltern und das Finden der Rezeptsammlung ist die erste Lüge ans Licht gekommen. Meine Beziehungen zu Marlene und Hans sind Lüge Nummer zwei und drei. Es ist auch vollkommen unwichtig, ob sie mich hintergangen haben oder nicht. Unsere Beziehungen haben kein Fundament, auf das wir aufbauen können. Uns fehlt die Nähe, die durch Ehrlichkeit entsteht. Ich zeige anderen nicht gern, wie verletzlich ich bin. Es fällt mir schwer, meine Schwächen zuzugeben. Viel lieber bin ich stark. Oder ich tu so, als wäre ich es. Dafür schlucke ich Zorn und Wut hinunter.
Es gibt viele Gründe für mein Verhalten. Bequemlichkeit. Angst vor Auseinandersetzung und vor dem Alleinsein sind wahrscheinlich nur einige davon. Marlene soll der lebendige Beweis dafür sein, dass auch ich in der Lage bin, Freundschaften zu pflegen. Und mit Hans an meiner Seite kann ich mir einreden, beziehungsfähig zu sein.
Ich selbst bin es, die sich das Leben unnötig schwer macht. Lena hat oft versucht, mich darauf hinzuweisen. Ich wollte es nicht sehen. Ich? Aber ich tu doch gar nichts. Ob man sich mit fünfundvierzig Jahren noch ändern kann? Ab jetzt werde ich ehrlich sein. Werde sagen, was mich stört. Worüber ich mich ärgere. Was ich mir wünsche, ist wohl am schwierigsten. Ich möchte geliebt werden. Wer sagt so etwas schon gern? Das hört sich nach Abhängigkeit an. Was sind denn Gefühle wert, um die man erst lange bitten muss? Und was passiert, wenn ich keine Liebe bekomme, dann…. Ja. Was dann? Dann sterbe ich?
Anna, denk doch mal nach. Was dann? Dann warte ich eben so lange, bis ich jemanden gefunden habe, der mich liebt. So eine furchtbare Person bin ich doch nicht, dass sich niemand für mich interessiert. Schon besser. Ich fühle mich ein Kilo leichter.
Der Wein ist großartig, aber heute viel zu schwer für mich. Ich muss mich hinlegen. Und das möglichst schnell. Neben dem ungemachten Bett liegt immer noch das aufgeschlagene neue Tagebuch. Einladend blickt es mich an. Ich bin in den letzten fünfunddreißig Jahren noch nie eingeschlafen, ohne vorher meine Aufzeichnungen zu erledigen. Der Zwang, die Ereignisse des Tages aufzuschreiben, war immer stärker als meine Müdigkeit. Auch in diesem Moment fühle ich einen Sog, der von dem Buch ausgeht. Ich glaube schon, ihm nicht widerstehen zu können. Der Stift liegt bereit. Ich muss mich nur auf das Bett setzen. In einer halben Stunde wäre ich fertig.
Was für ein Tag ist heute? Ich will mich später daran erinnern können. Noch ist Mittwoch, der 29. April 1998.
Ich nehme das Buch, klappe es zu und trage es nach nebenan in das kleine Zimmer. Gleichzeitig nehme ich mir vor, zukünftig etwas großzügiger im Umgang mit mir selbst zu sein. Keiner verlangt von mir, dass ich etwas mache, nur weil ich es bisher immer gemacht habe. Das verlange nur ich selber von mir. Und dann kann ich diesen Vorsatz nicht nur auf das Tagebuchschreiben anwenden, sondern auch auf den Umgang mit anderen Menschen.
Bevor ich einschlafe, schießt mir eine Idee durch den Kopf. Ich schreibe Simon nicht einfach einen Brief. Ich rufe ihn auch nicht an. Ich werde ihn persönlich aufsuchen und vorsichtig auf die Neuigkeit vorbereiten. Wenn ich den Eindruck gewinne, es wäre besser, alles bliebe, wie es ist, werde ich mich auch gar nicht zu erkennen geben. Ich reise nach Israel.
Vielleicht liegt es am Rotwein oder an den Enthüllungen der letzten Tage, aber ich zweifle in diesem Augenblick nicht daran, dass ich dafür tatsächlich in ein Flugzeug steigen werde.