Aus dem großen Zimmer gegenüber

ertönt plötzlich laute Musik. Fischer-Z, So Long. Ich verlasse das Bett und gehe hinüber. Da stampfe ich ein bisschen zur Musik vor mich hin.

Wir müssen ein seltsames Bild abgeben, wir beide: der Freund, der auf einem Sessel sitzt, die Hose auf Halbmast, und unter einigen Verrenkungen versucht, seine Socken anzuziehen. Und ich – im übergroßen Ringelnachthemd, lila Socken, dicker Pullover, Steppweste (hier wird nicht geheizt.) – farblich passt da gar nichts -, die Lesebrille verknotet in den langen, wirren Haaren.

Die Alten drehen durch.

Aber zuerst wird die Lautstärke noch ein wenig nach oben korrigiert.

Ich habe die zweite Nacht nach der OP überstanden. Mit einem erschreckten Aufwachen nach Mitternacht – völlig durchgeschwitzt, mir war übel. Ich habe mich aufgesetzt, ein paar Schlucke Wasser getrunken, frische Luft eingeatmet. Nach einer Weile ging es wieder. Postoperativer Stress, wahrscheinlich.

Bis auf eine Stelle in der Mitte des Kiefers verhalten sich die Wunden ruhig. Die eine, die noch grollt, hat mich auch am Dienstag am meisten gestresst. Dort hatte die Betäubung als erstes nachgelassen. Wieder wunderte sich mein Doc: Bei Ihnen lässt die Wirkung nach der Hälfte der Zeit nach, das ist wirklich erstaunlich. Rauchen Sie?
Mehr als den Kopf zu schütteln war mir nicht möglich. Der Kiefer war aufgeschnitten, der Knochen freigelegt, herausstehende Spitzen geknackt – ein Geräusch, als würde man eine Nuss öffnen. Die Kanten wurden mit einer elektrischen Feile geglättet.

Weil mein Kiefer in verschiedene Richtungen gewachsen ist, hatte ich zwei Ärzte an meiner Seite. Der eine, der die beiden anderen OPs gemacht hatte, traute sich ohne Rücksprache nicht an eine besonders perfide Stelle heran.
Und so tasteten sich zwei junge Männerhände nacheinander meinen Unterkiefer entlang, begutachteten die Wucherung, die ich trotz Betäubung spürte.

Aber ich will gar nicht weiter ins Detail gehen. Auch dieses Gemetzel ist vorbei. Radfahren soll ich nicht, körperliche Anstrengung überhaupt gilt es, zu vermeiden. Einblutungen oder Entzündungen treten oft an Tag zwei bis vier auf. Deswegen bin ich noch immer beim Freund in Berlin. Wo ich allerdings schon wieder Eis und weichen Kuchen mümmeln kann.

Wenn ich nicht gerade Kuchen mümmle, liege ich lesend in der Hollywoodschaukel, schaue in den Himmel, beobachte Tauben, die in den Beeten nach Baumaterial für ihr Nest suchen und vergesse, dass ich einen Kiefer habe.

2 Gedanken zu „Aus dem großen Zimmer gegenüber“

  1. Also, mit der Anamnese (Wort, das ich immer nachschlagen muss, um mit den m und n nicht durcheinander zu kommen) scheint es bei diesen Kieferspezialisten ja nicht weit her zu sein. Dich mitten während der OP zu fragen, ob du rauchst! Ts! Ich glaube, ich kann das alles nur lesen, weil ich gerade durch „Die jungen Ärzte“ etwas abgehärtet bin. Weiter gute und komplikationslose Besserung!

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