Das Radfahren tut gut. Ich fahre Schlangenlinien auf der Straße, so stolz bin ich auf mich. Im normalen Leben kann ich mich gut durchsetzen. Ich rede mit Hauseigentümern, Maklern, Verkäufern und Kunden ohne Scheu. Mühelos setze ich mich für das ein, was ich möchte. Je näher mir Menschen jedoch stehen, umso schwieriger gestaltet sich die Beziehung.
Noch nie habe ich Marlene gegenüber so eindeutig meinen Standpunkt vertreten. Auch wenn einiges von dem, was ich gesagt habe, vielleicht ungerecht war. Oder übertrieben. Ich habe das alte Muster der Beziehung durchbrochen. Ich bin nicht länger diejenige, die alles versteht, die zuhört, gute Ratschläge gibt. Ich habe mich selbst von dem Sockel katapultiert, auf den Marlene mich gestellt hat. Sie wird sich eine neue Heldin suchen müssen. Ich bin ein Mensch mit Fehlern und Schwächen. Genau so habe ich mich heute gezeigt.
Ich kann Peter durch unser großes Schaufenster schon von weitem sehen. Er gestikuliert und redet auf einen Mann ein, von dem ich lediglich den Rücken im Blickfeld habe. Der Mann hat eine schwarze Mütze auf. Als ich in den Laden trete, dreht er sich um, und ich erkenne Gabriel. Er wirkt nervös. “Ich habe heute etwas früher Feierabend gemacht, weil ich mir hier in der Nähe einen alten Schrank ansehen wollte. Angesehen habe. Ein Bekannter, also jemand, für den ich manchmal arbeite, hat da so ein gutes Stück, das ich für ihn aufarbeiten soll. Und da dachte ich, ich könnte…”
“Dich doch einmal in deinem Laden besuchen.”
Peter hat manchmal die Angewohnheit, die angefangenen Sätze anderer Menschen zu Ende zu sprechen. “Stell dir vor Anna, er restauriert Möbel für Herbert. Ich habe ihm gerade von dem alten Schrank erzählt, den ich von meiner Oma geerbt habe. So ein großer alter Bauernschrank, er steht bei mir in der Küche, vielleicht könnte er mir den aufarbeiten.“
Gabriel ist die Situation peinlich. Ich muss mich zusammenreißen, um nicht laut loszulachen. Die beiden Männer ergeben ein komisches Paar. Neben dem großen, massigen Peter wirkt Gabriel mit seiner ulkigen Mütze geradezu winzig. Kobold trifft Sumo-Ringer.
Ich habe den Eindruck, es wäre Gabriel angenehmer, wenn wir allein wären. Irgendetwas verwirrt mich an dieser Beobachtung, ich denke jedoch nicht länger darüber nach. Stattdessen wende ich mich an Peter.
“Ich wollte mich verabschieden. Und vielleicht etwas trinken gehen. Nichts alkoholisches.” Dann blicke ich von Peter zu Gabriel. “Es gibt nämlich einen Grund zum Feiern.” Ich mache eine kleine Pause, in der mich beide neugierig ansehen.
“Ich fliege übermorgen nach Israel.”
Peter sieht aus, als würde er schnell alle verfügbaren Details kombinieren.
“Ich dachte, du kannst nicht fliegen. Du hast gesagt, du würdest es nur im Notfall noch einmal tun.”
Anscheinend hat er vergessen, dass ich ihm am Nachmittag noch etwas von “ausruhen müssen” erzählt habe.
Leider hat er Recht. Das Fliegen ist eine Schwachstelle in meinem Plan. Aber genaugenommen ist das ja jetzt eine Art Notfall.
Gabriel scheint von meiner Eröffnung nicht begeistert zu sein. Ich sollte ihn besser beruhigen. “Du musst keine Angst haben. Ich werde nicht einfach bei Simon vor der Tür stehen. Ich habe mir das ganz genau überlegt.”
Ich bin selbst gespannt, was ich mir überlegt haben will.
“Ich werde ihn…” Ich muss noch einen kurzen Augenblick nachdenken. “Ich werde ihn als erstes nur anrufen. Und ihm erzählen, dass ich in den Unterlagen meiner verstorbenen Mutter einen Brief gefunden habe, der an ihn gerichtet ist. Ich werde noch nichts über den Inhalt des Briefes sagen. Ich werde ihm nur mitteilen, dass ich zufällig in der Stadt bin und ihn gern kennen lernen würde. Diese Bitte wird er mir wohl kaum abschlagen.”
Gabriel ist offensichtlich erleichtert. “Ich hatte dir zwar selbst vorgeschlagen, Simon zu überraschen. Aber jetzt gefällt mir die Idee nicht mehr. Simon ist kein junger Mann. Was willst du machen, wenn er vor lauter Schreck einen Herzschlag bekommt? Ich würde mir mein Leben lang Vorwürfe machen, weil ich dir die Adresse gegeben habe.”
Während Gabriel spricht, habe ich noch etwas weiter nachgedacht. “Ich möchte ihn mir einfach ansehen. Versteht ihr? Ich möchte wissen, was er für ein Mann ist. Und dann werde ich mich auf mein Gefühl verlassen. Es wird mir sagen, ob ich alles so lassen soll, wie es ist. Dann werde ich mich nicht zu erkennen geben. Ich verspreche es.”
Und genau so werde ich es machen. Bestimmt wird er es nicht ungewöhnlich finden, wenn ich ihn treffen möchte. Meine Mutter war in jungen Jahren in ihn verliebt. Und er in sie. Heute würde man sagen, die beiden hatten eine Affäre gehabt. Es spricht nichts dagegen, einen alten Freund meiner Mutter zu besuchen. An solch einem Anliegen ist nichts Ungewöhnliches. Ich bin selbst erleichtert.
“Aber wie ist das nun mit dem Fliegen?” Peter ist noch nicht zufrieden. Ich zucke mit den Schultern. “Ich setze mich einfach in das verdammte Flugzeug und versuche, am Leben zu bleiben. Es wird schon nichts passieren.”
Gabriel nickt mir aufmunternd zu, nimmt meine Hand und drückt sie kurz. “Du bist ganz schön mutig.” Er weiß gar nicht, wie Recht er hat. Dann sieht er beschwörend zu Peter, als wolle er ihn von den Fähigkeiten, die noch unerkannt in mir schlummern, überzeugen. “Wenn man etwas wirklich will, dann schafft man das auch.”
Ich bin froh, als in diesem Augenblick das Telefon klingelt. Am Apparat ist Eva Lorenz, die mich zum Frühstück einladen will. Ein Frühstück zum 1. Mai. Zuerst bin ich überrascht, dann freue ich mich. Es geschieht selten genug, dass mich fremde Menschen spontan in ihr Herz schließen. Und dann beruht diese Sympathie auch noch auf Gegenseitigkeit. Ich schreibe mir ihre Adresse auf und verspreche, spätestens um elf Uhr dort zu sein.
Peter entschuldigt sich. “Ich würde wirklich gern mit euch auf deine Reise anstoßen. Aber ich habe versprochen, heute Taxi zu fahren. Ich muss einen Kollegen ablösen, der letzten Sonntag meine Schicht übernommen hatte. Sei also nicht böse.”
Zum Abschied umarmen wir uns. Es ist das erste Mal, und ich wundere mich, wie fest sein Körper ist. Dann streckt er mir seinen Daumen entgegen. „Gabriel hat Recht, du schaffst das ganz bestimmt mit dem Fliegen.“