Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee weckt mich. Es dauert eine Weile, bis mir einfällt, was letzte Nacht passiert ist. Für die Geräusche in meiner Küche muss ebenfalls Gabriel verantwortlich sein.
Um das Bett herum liegen meine Sachen verstreut. Genüsslich dehne und strecke ich mich unter meiner Decke, zufrieden wie eine große Katze. Ich habe einen ungewöhnlichen Mann kennengelernt. Mal ist er sanft und zärtlich, dann wieder drängend und leidenschaftlich.
Ich habe schon mit einigen Männern geschlafen. Aber noch nie war ich am nächsten Morgen so vergnügt. Kein schlechtes Gewissen, kein Missklang, keine Reue, und erst recht kein nachträgliches Entsetzen. Stattdessen pures Wohlbefinden. Seine Techniken sind dieselben wie die der anderen Männer. Er hat kein spezielles Programm. Er mag meinen Körper. Und obwohl auch andere ihn gemocht haben, ist es mit Gabriel etwas anderes. Sein Eindringen in mich gestern Nacht ging weit über eine sexuelle Betätigung hinaus. Ich fühlte mich von ihm erkannt.
Er ruft mir aus der Küche etwas zu, allerdings verstehe ich nichts. “Ich kann dich hier oben nicht hören, du musst lauter sprechen.”
“Wie möchtest du deinen Kaffee? Schwarz? Mit Milch und Zucker?” Seine tiefe Stimme dringt jetzt mühelos zu mir.
“Woher weißt du überhaupt, dass ich wach bin?” Gabriel schnauft, als er die Treppe heraufkommt. Er hat nur sein T-Shirt übergezogen, der Schwanz lugt frech darunter hervor. “Ich habe gehört, wie du im Bett herumhopst. Ich habe alles mitgebracht, du kannst dich noch entscheiden. ”
Wieder bewundere ich, wie selbstverständlich er sich in seinem Körper bewegt. Mir fällt dafür kein anderes Wort als anmutig ein.
Er drückt mir die Kaffeetasse in die Hand und kommt zurück ins Bett. Sein Grinsen geht von einem Ohr zum anderen. “Ich dachte bis jetzt, es wären die Männer, die nach dem Geschlechtsakt umfallen und auf der Stelle einschlafen. Du bist wirklich eine besondere Frau. Gerade noch redest du mit mir und im nächsten Moment schnarchst du schon.”
Das ist mir peinlich. “Warum hast du mich nicht geweckt oder wenigstens geschüttelt?”
“Du kannst mir glauben, das habe ich versucht. Ich habe dich angestoßen, aber du hast mich nur angeknurrt. Mach dir bloß keine Sorgen, ich bin dann auch eingeschlafen.”
“Das muss eine völlig neue Angewohnheit sein. Davon hat mir noch kein Mann berichtet.”
“Vielleicht hat sich noch kein anderer Mann getraut, dir das zu sagen. Du schüchterst die Männer eben ein.”
Ich stoße ihm meinen Ellbogen mit solchem Schwung in die Seite, dass er etwas von seinem Kaffee in das Bett verschüttet.
“Siehst du, und das sind die Methoden, mit denen du arbeitest. Du wendest sogar Gewalt an.” Er setzt ein so hilfloses und erschrockenes Gesicht auf, dass ich lachen muss. Je mehr Grimassen er schneidet, umso heftiger lache ich. Es dauert eine Weile, bis ich mich wieder beruhigt habe. “Du bringst mich oft zum Lachen. Ist dir das schon aufgefallen?” Er schüttelt verdrießlich den Kopf. Erneutes Glucksen. “Weißt du, was ich wirklich an dir mag?”
Diesmal schüttelt er den Kopf, ohne irgendwelche Grimassen dabei zu schneiden.
“Du bist manchmal ein richtiger Clown. Und im nächsten Augenblick kannst du auch wieder ernst sein. Du versuchst nicht um jeden Preis, komisch zu sein. Du bist es eben manchmal. Und wenn es angebracht ist, bist du ernsthaft und nachdenklich. Es gibt viele Menschen, die mit ihren Witzen die eigene Unsicherheit überspielen. Das tust du nicht.”
Ich stelle meine Tasse auf die Seite, rutsche näher an ihn heran und gebe ihm einen Kuss. Dann drücke ich ihn noch ein wenig. Gabriel knurrt erfreut und stellt seine Tasse ebenfalls ab. Das gegenseitige Drücken geht in Küssen und Streicheln über. Während wir uns lieben, sieht er mich an.
Als das Zittern in meinen Knien nachgelassen hat, gehe ich nach unten in die Küche, um uns einen zweiten Kaffee zu kochen. Jetzt bedauere ich, dass ich Eva versprochen habe, zu ihrem Frühstück zu kommen. Viel lieber würde ich mit Gabriel einen gemütlichen Vormittag im Bett verbringen.
Von oben höre ich zuerst leise Töne, die sich dann zu einem lauten Gesang steigern.
“Und die Kinder singen, alle Vögel sind da. In der Sonne spielen sie Mama und Papa. Und wir zwei?” Die Stimme kommt die Treppe herunter, und dann steht Gabriel hinter mir und legt seine Arme um mich.
“Erster Mai, ich suche dein Gesicht. Am Marx-Engels-Platz, ich find es nicht. Abends geht das Telefon, du sprichst, du…”
Ich bin gerührt. “Woher kennst du das denn? Ich dachte, diese ollen Kamellen kennen nur die Ossis.”
“Ich habe Manfred Krug vor vielen Jahren in der Komischen Oper in Ost-Berlin gesehen. Er spielte den Sporting Live in Porgy and Bess. Ich war so begeistert, am liebsten hätte ich mir alle seine Platten auf einmal gekauft.”
“Es würde mich wundern, wenn das geklappt hat. Selbst Amiga-Platten gab es nur zu bestimmten Zeiten. Man musste entweder Glück oder Beziehungen haben.”
“Du hast recht, es dauerte eine ganze Weile, bis meine Sammlung komplett war. Die “Greensleaves” habe ich im Austausch gegen Pink Floyd bekommen. Übrigens meine Lieblingsscheibe von ihm.”
Das ist die Platte, die ich auch am meisten mag. Mir fällt noch ein Lied ein. “Sonntags, es fällt nie wieder Schnee.” Gabriel stimmt ein. “Sonntags, Blüten im Dekolletee.”
Wir umarmen uns lachend und singen gleichzeitig “Baby it´s cold outside”. Keiner von uns beiden hat Melodie oder Text vorgegeben.
“Glaubst du an Zufälle?” Gabriel schiebt mich von sich weg. Ich zucke mit den Schultern, da ich mir denken kann, worauf er hinauswill. Er zieht mich wieder an sich. “Ich glaube nicht an Zufälle. Man findet etwas, begegnet einem Menschen, hört eine Geschichte. Und plötzlich sieht es aus, als würden diese Ereignisse in einer besonderen Beziehung zu einem selbst zu stehen. Für mich steckt hinter allen sogenannten Zufällen eine Absicht.”
“Du meinst, wir haben uns nicht zufällig getroffen, sondern irgendeine Macht hat das eingefädelt?” Wenn mich jetzt Lena hören könnte.
Gabriel grinst. “Du kannst Gedanken lesen. Was für eine schlaue Person du doch bist. An so etwas habe ich gedacht, ja. Weil es doch gar kein Zufall sein kann. Überleg doch selbst. Du suchst nach deinem Vater, von dessen Existenz du gerade erst erfahren hast und stößt im Telefonbuch auf meine Telefonnummer. Gleich am nächsten Tag fährst du mich mit deinem Fahrrad über den Haufen. Und dann stellen wir auch noch fest, wir sehr wir beide Manfred Krug mögen. Wir können sogar dieselben Lieder auswendig.”
Eigentlich hat er recht. Unser Aufeinandertreffen ist schon recht ungewöhnlich.
„Und was hat sich diese Macht, die das eingefädelt hat, dabei gedacht? Warum sollten wir uns unbedingt kennenlernen?”
Er legt eine gewisse Theatralik in seine Stimme, so als würde er einen Text rezitieren: “Du sollst erkennen, was für ein wunderbarer Mann ich bin und meine Liebste werden. Diese höhere Macht hat ganz offensichtlich zwei Menschen zusammenführen wollen, die außerordentlich gut zueinander passen.”
Wahrscheinlich werde ich schon wieder rot. “Gabriel, du kennst mich doch gar nicht. Du kannst gar nicht wissen, ob ich zu dir passe oder nicht. Ich glaube, du legst dir da etwas zurecht, so wie du es haben möchtest.”
“Und ich glaube, du hast mir nicht richtig zugehört. Ich muss nichts über dich herausfinden. Das habe ich schon getan. Du bist diejenige, die sich sträubt. Du tust so, als wäre das mit uns nichts Besonderes. Triffst du jeden Tag Männer, die dir gefallen?”
Was soll ich darauf erwidern? Am liebsten würde ich ihm aus vollem Herzen beipflichten. Etwas hält mich ab. Ich bin doch kein Teenager mehr, der sich von einer Liebe in die nächste stürzt. Sollte ich nicht erst einmal meine Beziehung zu Hans verarbeiten? Zeit allein verbringen? Trauerarbeit leisten?
Was für dummes Zeug ich in meinem Kopf vor mich hin schwätze. Ich habe Hans doch gar nicht geliebt. Wieso will ich also dumme Regeln befolgen? Und wer hat die aufgestellt?
“Lässt du mich an deinen Gedanken teilhaben? Du siehst plötzlich aus, als würden sich Berge von Sorgen vor dir auftürmen. Eben warst du noch so glücklich und froh.”
Er hat recht. Noch vor wenigen Augenblicken habe ich mich großartig gefühlt. Jetzt sind da plötzlich Zweifel.
“Ich muss mich beeilen. Du weißt doch, das Frühstück. Und es muss noch so vieles erledigt werden. Immerhin fliege ich morgen nach Israel.”
Ich habe während der letzten Stunden keinen einzigen Augenblick an diese Reise und an Simon gedacht. Das ist bestimmt ein schlechtes Zeichen. Da braucht nur ein Mann aufzutauchen, und schon verliert alles andere an Bedeutung. Wahrscheinlich werde ich nach einer weiteren Nacht mit Gabriel die ganze Reise wieder absagen. Der geht indessen ohne weitere Worte nach oben, um sich anzuziehen.