Sie sieht mich an, als hätte ich ihr gesagt, ich sei eine Außerirdische. “Ich bin seit Jahren nicht geflogen und auch nicht mehr selbst Auto gefahren. Verstehst du? Ich habe Panikzustände. Haben wir darüber nicht am Dienstag gesprochen?”
Sie kann sich nicht erinnern.
“Warum soll ich überhaupt fahren? Du kannst doch selbst fahren und das Auto dann am Flughafen stehen lassen.”
Sie schüttelt den Kopf und sieht ein wenig schuldbewusst aus. “Ich habe keinen Führerschein.”
Ich verstehe nur Bahnhof. “Hast du ihn verloren? Was meinst du?”
Jetzt wird sie etwas ungeduldig. “Ich habe vor zwei Wochen beim Ausparken ein Auto gerammt. Leider stand neben mir ein Polizeiauto. Ich hatte zwei Promille im Blut. Verstehst du?”
Offensichtlich hat sie keine Lust, weitere Erklärungen abzugeben. Außerdem fällt ihr in diesem Augenblick ein, dass sie für die Trauerfeier unbedingt ihr schwarzes Jackett braucht. Sie drückt mir ihre Taschen in die Hand und rennt die vier Treppen zu ihrer Wohnung wieder hinauf. Ich versuche in der Zeit, mir eine betrunkene Eva vorzustellen. Es gelingt mir nicht.
Wir müssen uns beeilen. Bis zum Abflug hat sie nur noch eine Stunde, und am Taxistand ist kein einziges Taxi. So etwas gibt es eigentlich gar nicht. Es ist ein Feiertag. Da müssen doch viele Taxen unterwegs sein.
Flehentlich sieht sie mich an. “Bitte, kannst du es nicht wenigstens versuchen? Ich muss diesen dummen Flieger bekommen. Ich bin doch bei dir. Da musst du keine Angst haben.”
Eva hat keine Ahnung von Angstneurosen. Sie glaubt, es läge nur an meinem guten Willen. Ich habe jetzt allerdings keine Zeit, ihr die verschiedenen Facetten dieser Krankheit zu erklären. Klein und zart, irgendwie geschrumpft, steht sie neben mir und wirkt plötzlich so, als müsste sie von mir beschützt werden. Ich überdenke also noch einmal kurz meine Situation.
Morgen werde ich fliegen. Das ist schließlich auch etwas, das ich seit Jahren nicht mehr getan habe. Dann könnte ich eigentlich auch Auto fahren. Wenn ich vor lauter Angst eine Herzattacke bekomme, muss ich zumindest morgen nicht in das Flugzeug steigen. Ich entscheide mich gegen die laute Stimme in meinem Kopf, die mir sagt, dieses Experiment kann niemals gut ausgehen, weil ich seit Jahren nicht mehr in einem Auto gesessen habe und doch gar nicht mehr weiß, wie man Kupplung und Schaltung benutzt. Als ob die Angst jemals ein guter Ratgeber gewesen ist.
“Also gut. Wo steht dieses verdammte Auto?”
Eva rennt vor mir her etwa hundert Meter die Straße hinunter und hält dann vor einem schwarzen Saab. Ein interessantes Auto. Ich bin noch nie in einem gefahren.
Während wir laufen, sehe ich in schneller Abfolge schreckliche Bilder vor meinem inneren Auge. Ich sehe mich, wie ich panisch das Steuer herumreiße. Dann lenke ich den Wagen gegen eine Barriere. Eva schlägt mit dem Kopf gegen das Fenster. Beide sitzen wir zusammengesunken auf unseren Sitzen, als ein Feuerwehrauto auf uns zugerast kommt. Mein Herz beginnt vor lauter Angst heftig zu zittern und zu klopfen. Das ist noch keine Panik, das ist nur die Angst vor der Angst. Gleich überlege ich es mir wieder anders.
Als wir im Auto sitzen, muss Eva mir versprechen, dass wir sofort anhalten werden, wenn ich echte Panik bekommen sollte, und dass wir ebenfalls sofort anhalten werden, wenn ich ein Taxi sehe, in das sie umsteigen kann. Sie nickt und verspricht alles zu tun, nur soll ich endlich losfahren.
Es dauert einen Augenblick, bis ich mein altes Fahrgefühl wieder gefunden habe. Vielleicht liegt es auch daran, dass meine Hände so zittern. Ich atme mehrere Male tief durch und erinnere mich daran, was für eine leidenschaftliche und gute Autofahrerin ich früher gewesen bin. Nach den ersten Metern werde ich tatsächlich ruhiger. Es fühlt sich an, als hätte ich erst gestern die letzte Fahrt gemacht. Das wundert mich.
Noch etwas fällt mir auf: Ich werde zusehends heiterer. Sollte das so etwas wie Glück sein? Ich habe doch immer behauptet, es würde mir nichts ausmachen, nicht mehr selber zu fahren. Das stimmt offensichtlich nicht.
Eva sitzt mit durchgedrücktem Rücken neben mir und sieht mich an, als wolle sie mich mit ihren Blicken hypnotisieren. Sie scheint ihren Kummer für einen Augenblick vergessen zu haben. Vielleicht überlegt sie auch, ob es wirklich so sinnvoll ist, sich von einer Verrückten zum Flughafen fahren zu lassen. Ich möchte sie ein wenig beruhigen.
“Ich glaube, es geht. Du kannst dich entspannen. Mit mir ist jetzt alles in Ordnung. Wirklich. Außerdem ist es so: Menschen, die Panik haben, die haben oft auch Angst vor einem neuen Anfall. Das muss aber nicht bedeuten, dass sie in der Realität dann wirklich einen bekommen. Ich habe auch Angst, mit der U-Bahn oder mit dem Bus zu fahren. Trotzdem fahre ich. Und meist bekomme ich auch keine Angst. Nur mit dem Autofahren habe ich eines Tages aufgehört. Eigentlich weiß ich gar nicht mehr warum. Fliegen mag ich auch nicht.”
Ich überlege, ob ich ihr von meiner Reise erzählen soll. Hat sie nicht gerade ganz andere Dinge im Kopf? Wieso sollte sie sich dafür interessieren, was in meinem Leben passiert? Ich kann der Versuchung zu reden wieder einmal nicht widerstehen. “Aber nun fliege ich morgen. Stell dir vor.”
Eva entspannt sich tatsächlich. “Wohin fliegst du denn?”
Ich erzähle ihr eine sehr kurze Version der Geschichte. Weder ist sie besonders erstaunt, noch scheint sie meinen Entschluss, nach Israel zu reisen, sonderbar zu finden. Vielleicht verändert der Tod die Perspektiven, aus der wir die Dinge betrachten.
Sie wirkt nachdenklich. “Du findest vielleicht deinen Vater, und ich habe meinen gerade ein zweites Mal verloren. Und dieses Mal ist es für immer. Jetzt habe ich keine Eltern mehr. Vielleicht klingt das in deinen Ohren etwas kitschig, aber ich kann es nicht anders ausdrücken. Ich habe heute Nacht viel darüber nachgedacht.“
“Wie meinst du das, du hast ihn ein zweites Mal verloren? War er schon einmal tot? So eine Art Nahtod?
Sie lächelt. “Nein, er lebte. Aber für mich war er gestorben. Willst du wirklich davon hören? Ich warne dich, es ist eine sentimentale Geschichte.”
Ich nicke und nach einer Weile fängt sie an zu reden.
“Mein Vater hat meine Mutter vor zwanzig Jahren wegen einer anderen Frau verlassen. Damals war er vierundfünfzig, seine Freundin dreißig, und damit gerade mal vier Jahre jünger als ich. Sie nahm ihn mit in ihre Meditationsgruppe, und einen Monat später flogen beide nach Poona und wurden Sanyasin. Mein Vater wurde einer von diesen orange gekleideten Menschen, die eine Holzkette mit dem Bild ihres Gurus um den Hals trugen. Bis dahin war er ein eher strenger, meist abwesender Vater für mich gewesen. Ich kannte ihn hauptsächlich arbeitend. Wenn ich ihn suchte, war er in seinem Büro, auch abends und am Wochenende. Er war erfolgreicher Anwalt; sein Spezialgebiet Wirtschaftsrecht. Wir hatten uns nie besonders nahegestanden, daran hatte auch die Geburt meiner beiden Töchter nichts geändert.
Als er aus Poona zurückkam, erkannte ich ihn nicht wieder. Es war nicht nur sein Aussehen, das sich verändert hatte. Es lag nicht an den langen Haaren und dem Vollbart. Er war in diesen acht Wochen ein anderer Mensch geworden. Er redete eine Sprache, die ich nicht verstand. Er sagte Sachen wie “Das Ego muss zerstört werden.” oder “Alles, was die Menschen unter Liebe verstehen, beruht auf einem großen Missverständnis”.
Als erstes gab er seine Kanzlei auf und zog aus dem Haus aus, das sowieso meiner Mutter gehörte. Es war ihr Elternhaus, und es war ihm immer schon zu klein und spießig gewesen. Er zog zu Helen, und die beiden probierten es mit freier Liebe. Alle paar Monate flogen sie nach Indien zu ihrem Guru und nahmen an Workshops teil. Mein Vater machte eine Therapieausbildung und unterrichtete später selbst Meditation.
Meine Mutter tat die ganze Zeit so, als wäre nichts Besonderes geschehen. Wenn ich sie auf eine Scheidung ansprach, sagte sie nur, ich solle mir keine Sorgen machen. Manchmal würden solche Dinge eben geschehen. Männer wären nun mal von Natur aus untreu, und mein Vater würde eines Tages schon zurückkommen. Sie schien in gewisser Weise Verständnis für ihn zu haben.
Ich weiß gar nicht, wen ich in der ersten Zeit mehr verachtet habe, meinen Vater oder meine Mutter. Ich schien die Einzige zu sein, die wütend und zornig auf ihn war. So vergingen vier oder fünf Jahre. In dieser Zeit hatte ich keinen Kontakt zu meinem Vater. Ich verachtete ihn. Ich konnte nicht verstehen, wie man sich freiwillig einer Gehirnwäsche unterziehen kann. Und dass er mit einer so jungen Frau zusammen war, empfand ich als Verrat an meiner Mutter. Ach, was sage ich, für mich war es ein Verrat an allen Frauen, die ihre Pflicht erfüllt hatten; Kinder großgezogen, den Haushalt erledigt, den Männern den Rücken freigehalten. Wenn sie alt und aufgebraucht sind, werden sie gegen eine jüngere ausgetauscht. Immer wenn mein Vater mich anrief, legte ich den Hörer einfach auf.”
Eva holt tief Luft.
“Dann gab es diesen Unfall. Von dem ich immer noch nicht glaube, dass es einer war. Man hat nachträglich zu rekonstruieren versucht, wie es geschehen konnte. Meine Mutter hatte anscheinend den Gasofen in der Küche nicht richtig ausgemacht, das Gas war ausgeströmt und sie war ins Bett gegangen. Das Haus war sehr klein, und ihr Schlafzimmer hatte eine Tür, die zur Küche führte.
Eine Nachbarin hatte die Feuerwehr alarmiert. Man war später der Auffassung, dass es ein Versehen gewesen sein musste. Ich habe zwar keinen Abschiedsbrief gefunden, aber ich glaube, dass sie sich das Leben genommen hat. Nur durfte sie das als überzeugte Katholikin eigentlich nicht tun.
Ich vermute, ihr war inzwischen klar geworden, dass mein Vater nicht zu ihr zurückkehren würde. Er zahlte ihr jeden Monat einen bescheidenen Unterhalt, und so hätte es für ihn noch viele Jahre weitergehen können. Ich glaube, ihr Herz war gebrochen. Und sie wollte so nicht weiterleben.”
Eva schnieft, als sie weiterredet. “Ich bin auch nicht ganz unschuldig. Ich bin damals nach Amerika gegangen und habe ihr auch noch die Enkelkinder weggenommen. Aber man hatte meinem Mann eine interessante Forschungstätigkeit angeboten. Er ist Physiker, musst du wissen. Und übersetzen und schreiben konnte ich doch überall. Ich hatte schon immer für eine Weile im Ausland leben wollen.”
Wir sind inzwischen am Flughafen Tegel angekommen, und ich suche das Abflugterminal. Eva sucht in ihrer Tasche nach dem Ticket.
Ich bin etwas ärgerlich, weil ich fürchte, das Ende der Geschichte nicht mehr hören zu können. Dabei fällt mir auf, dass ich die ganze Fahrt über kein einziges Anzeichen von Angst gespürt habe. Vielleicht lag das an Evas spannender Erzählweise.
Als wir vor dem richtigen Flugsteig stehen, zögert Eva noch ein wenig, bevor sie aussteigt. Sie hat ihr Ticket gefunden. Hinter mir hupt ein Taxi. “Bitte, nur ganz schnell. Wie ist es weiter gegangen? Hast du dich danach wieder mit deinem Vater vertragen?”
Eva lächelt. “Wahrscheinlich hätte ich ihm nie verziehen. Nach dem Tod meiner Mutter erst recht nicht. Dumm, wie ich damals war. Aber seine Frau Helen ist klug. Als mein Vater sechzig wurde, war sie bereits schwanger. Die beiden heirateten, und das Kind wurde geboren. Ich wusste von alledem, weil mein Vater sich angewöhnt hatte, mir Postkarten zu schreiben. Er hatte erfahren, dass ich wieder zurück in Deutschland war. 1984 bin ich mit meinem Mann nach Berlin gezogen. Mein Vater hatte für sich und seine Familie in einem kleinen Dorf bei München ein Haus gebaut.”
Das Taxi fährt an uns vorbei und der Fahrer zeigt mir seinen Mittelfinger. Ist das inzwischen erlaubt?
Eva ist mit einem Bein bereits draußen. “Eines Tages stand Helen mit dem Baby, einem wunderbaren winzigen Mädchen, mit großen klugen blauen Augen und schelmischen Grübchen auf den Wangen, vor meiner Tür. Meine beiden Mädchen waren damals schon fünfzehn und zwölf Jahre alt. Helen drückte mir das Baby in die Hand. Ob du willst oder nicht, aber das ist deine Halbschwester. Was sollte ich tun? Es fallen lassen? Dieses kleine Wesen lächelte mich einfach nur an und drückte fest meinen Daumen. Das war eigentlich alles. Und doch war es sozusagen Liebe auf den ersten Blick.”
In Evas Augen glitzert es. “Jetzt habe ich dir die ganze rührselige Geschichte erzählt, den Rest musst du dir selbst ausmalen. Ich hätte dir auch die Kurzform liefern können: Mein Vater war ein ungewöhnlicher, aber doch sehr liebenswerter Mann. Nun ist er tot.”
“Ich bin froh, dass du mir die längere Version erzählt hast.”
Eva zieht auch das zweite Bein aus dem Wagen, schüttelt sich ein wenig, und geht dann langsam auf die Drehtür zu. Mir fällt noch etwas ein.
“Was soll ich mit dem Auto machen?”
Sie dreht sich um und kommt zurück. “Mein Gott, ich habe ganz vergessen, dass du mich gar nicht fahren wolltest. War es schlimm?”
Ich habe die Scheibe heruntergekurbelt, so dass sie mir einen Kuss auf die Wange drücken kann. “Ich danke dir so sehr. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Wenn es dir nichts ausmacht, nimm doch das Auto mit zu dir. Ich hole es mir später ab.” Als sie schon fast durch die Tür ist, winkt sie mir aufgeregt. Ich bremse wieder. “Mein Gott, ich kann das Auto gar nicht abholen. Also, wenn du willst, behalte es für eine Weile. Wenn du keine Angst mehr hast. Und das hast du doch nicht, oder?”
Dann ist sie endgültig verschwunden. Und ich fahre, als hätte ich die ganze Zeit nichts anderes getan, mit dem Auto nach Hause.