Annas Angst – Sonnabend (1)

Ich wache ohne Weckerklingeln kurz nach vier Uhr auf. Mir fallen Bruchstücke des Traums ein, den ich kurz vor dem Aufwachen geträumt habe. Marlene und Hans sind in mein Haus eingedrungen. Marlene weint und fleht mich an, ihre Freundin zu bleiben. Zum Schluss wird sie wütend. “Wie stellst du dir das vor? Du kannst mir nicht einfach die Freundschaft aufkündigen. Wir haben einen Vertrag.”

Hans hat die ganze Zeit danebengestanden und Marlene beobachtet. Als würde er auf etwas warten.

In einer anderen Szene liegen wir zu dritt im Bett. Hans hat nur Augen für Marlene. Mich bemerkt er gar nicht. Später geht er mit lautem Türenknallen. Marlene will bei mir bleiben, möchte aber nicht aus meinem Bett verschwinden. Zum Schluss muss ich sie an ihrem Nachthemd vor die Tür zerren.

Wenigstens bin ich nicht umgefallen. Herzlichen Glückwunsch Anna.

Orlando sitzt jetzt in der Reisetasche und sieht mich fragend an. Katzen sind außerordentlich kluge Tiere. Selbstverständlich hat er längst mitbekommen, dass in unserem kleinen Haus etwas vor sich geht. Dieses Etwas kann nichts Gutes bedeuten. Langsam steigt er aus der Tasche und schmiegt sich an meine Beine. Läuft um mich herum. Beginnt zu jammern. Das Jammern geht in Schimpfen über. Auch nachdem ich seinen Fressnapf gefüllt habe, beruhigt er sich nicht. Ich nehme ihn auf den Arm und rede leise auf ihn ein. “Ich fahre eine Woche weg. Und Herr Rabe gibt dir in dieser Zeit bestimmt genug zu fressen. Kraulen wird er dich auch. Der mag dich. Es ist doch nur für kurze Zeit.”

Orlando ist nicht zufrieden. “Du bekommst auch eine Dose Thunfisch, wenn ich zurück bin. Ehrenwort.”

Eigentlich gibt es keinen Grund, ihm die Dose nicht gleich zu geben. Vielleicht versüßt sie ihm ein wenig den Abschied. Ich stelle einen zweiten Napf und die Trinkschale auf die Terrasse und sehe ihm dabei zu, wie er gierig und immer wieder zu mir schielend den Thunfisch vertilgt.

Die Vögel im Garten sind auch schon wach und zwitschern laut durcheinander. Vielleicht erzählen sie sich ihre Träume.

Ich gehe noch einmal zu der Birke und verabschiede mich. Ihr rauschendes grünes Blätterdach hat mich im Sommer vor der Sonne beschützt und lustige bunte Flecken auf die Wiese gesetzt. Ich weiß jetzt schon, wie sehr ich sie vermissen werde. Ich hätte mein Herz nicht so sehr an die Birke hängen sollen. Dann wäre ich jetzt besser auf den Verlust vorbereitet. Der Garten wird ohne den Baum nicht mehr derselbe sein. So wie ich ohne meine sicheren Gewohnheiten und Gewissheiten nicht mehr dieselbe bin.

Ich räume das Geschirr weg, packe die restlichen Sachen in die Tasche, trinke dabei einen Tee und spüre leise Panik in mir aufsteigen. In sechs Stunden werde ich in einem Flugzeug sitzen.

Heilige Mutter Gottes, ich bin nicht katholisch, hilf mir trotzdem. Bitte. Auf was habe ich mich da nur eingelassen. Fliegen ist doch viel schlimmer als Auto fahren. Das kann man gar nicht vergleichen. Beim Autofahren habe ich einen gewissen Einfluss, zumindest kann ich mir das einbilden. Beim Fliegen muss ich mich vollständig auf den Piloten verlassen. Im Flugzeug sitze ich wie ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird. Nichts kann ich mehr tun, wenn ich erst mal oben bin. Gar nichts.

Als der Taxifahrer um sechs Uhr endlich kommt, stehe ich schon seit zehn Minuten an der Straße. Orlando hat sich aus dem Staub gemacht. Ich habe gerufen und gebettelt, er ist nicht noch einmal aufgetaucht. Er will sich nicht verabschieden.

Die Fahrt zum Bahnhof Zoo verbringe ich damit, abwechselnd meinen Pass, meine Flugtickets, die Zugfahrkarte, mein Portmonee, Taschentücher oder die Sonnenbrille zu suchen. Habe ich eins davon gefunden, bin ich mir schon nicht mehr sicher, ob ich das andere auch wirklich in der Hand gehabt habe. Den Taxifahrer scheint mein Treiben auf der Hinterbank zu erheitern. Er grinst mich im Rückspiegel an. “Janz ruhich Meechen, wir kommen pünktlich an, sie kriejen ihren Zuch, da könn se sich druff valassen.”

Ich habe weder Lust, ihm meinen Zustand zu erklären, noch mich mit ihm zu unterhalten.

Da ich das Taxi zu früh bestellt habe, bin ich eine halbe Stunde vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof. Der Anzeigetafel kann ich entnehmen, dass mein Zug zehn Minuten Verspätung hat. Hoffentlich ist das kein schlechtes Omen. An einem Stand in der Bahnhofshalle kaufe ich ein belegtes Baguette und einen großen Kaffee. Der Hunger hat die Aufregung überlagert.

Es werden zwanzig Minuten Verspätung, alle Abteile sind bis auf den letzten Platz belegt. Ich muss einen jungen Punker von meinem Platz verscheuchen, der beim Aufstehen etwas von blöden Spießern murmelt. Wie sich die Zeiten ändern. Jetzt ist man schon ein Spießer, wenn man eine Platzkarte besitzt.

Ich hasse volle Züge. Warum habe ich mir nicht eine Fahrt erster Klasse gegönnt? Wenigstens sitze ich am Gang und kann meine Beine ausstrecken. Das Mädchen neben mir hat sich gleich zu Anfang Kopfhörer aufgesetzt, die sie während der ganzen Fahrt nicht wieder abnimmt. Ich überlege, was die vielen Menschen in Hamburg zu erledigen haben. Hoffentlich wollen sie nicht mit mir zusammen nach Israel fliegen.

Eine Frau schräg hinter mir versucht ganz ungeniert herauszubekommen, in welchem Buch ich lese. Dabei lese ich gar nicht. Ich halte mir Frau Schrobsdorffs Roman nur vor die Augen, um auf andere Gedanken zu kommen. Ich bin immer noch beim ersten Satz. Aber der ist wirklich gelungen. “Ich erinnere mich genau, wann die Unruhen anfingen, denn am selben Tag ging mein Telefon kaputt, die Druckpumpe meiner beiden Öfen setzte aus, und es goss in Strömen.” Man weiß als Leser sofort, woran man ist. Die Unruhen bekommen eine sehr persönliche Bedeutung.

Früher hat mich bei Liebeskummer das Buch “Rette sich wer kann” getröstet.  Es beginnt ebenfalls mit einem schönen Satz. “Ich verließ meinen Mann an Thanksgiving.” Eigentlich habe ich das Buch nur wegen diesem Satz gelesen. Ich wollte herausbekommen, warum die Erzählerin ihren Mann verlassen hatte. Trotz der Trennung erschien sie mir froh und heiter. Und das wollte ich auch sein. Ich wollte auch wieder froh und heiter sein. Das ist bei akutem Liebeskummer, von dem man im ersten Moment annimmt, dass er nie vergeht, vielleicht ein ganz normaler Wunsch.

Die ersten Sätze eines Buches sind für mich sehr wichtig. Sie entscheiden, ob ich das Buch später wirklich lese oder nicht.

Ich suche in meinem Rucksack nach dem Text, den ich gestern Abend noch ausgedruckt habe, um nachzulesen, wie mein erster Satz lautet. “Charlotte hatte ihre Brüste nie für besonders groß gehalten.” Er gefällt mir immer noch. Ich falle nicht gleich mit der Tür ins Haus und erzähle, dass Charlotte seit zwanzig Jahren unter Panikattacken leidet. Wie bin ich dann aber von ihren Brüsten zu der Angst gekommen? Vielleicht sollte ich den ganzen Text noch einmal lesen. Zeit genug habe ich.

Ich lese und staune. Meine Geschichte entwickelt sich bereits nach den ersten zehn Seiten zu einem Exkurs in die Welt der Phobien und Angstneurosen. Ich habe Charlotte das Thema mit ihrem Mann diskutieren lassen. Ihr Wissen auf dem Gebiet ist umfangreich, trotzdem nehme ich an, dass auch Menschen, die sich noch nie mit dem Thema beschäftigt haben, es verstehen können.

Das muss mich eigentlich nicht wundern. Ich habe in den letzten fünfundzwanzig Jahren alles zu diesem Thema gelesen, was mir in die Hände gefallen ist: Bücher, Artikel in Fachzeitschriften, wissenschaftliche Arbeiten, Diplomarbeiten. Ich habe Vorträge und Kongresse besucht. Alle Voraussetzungen, um solch ein Buch schreiben zu können, sind gegeben. Und ich habe einen großen Vorteil: Ich verfüge nicht nur über solides Wissen über die Theorie psychischer Störungen, ich bin selber eine Betroffene.

Ich verbessere die Rechtschreibung, korrigiere die Satzfolge, stelle Sätze um, ersetze Worte, mache die Veränderungen wieder rückgängig, notiere zusätzliche Ideen. Nach wenigen Minuten sehen die einzelnen Blätter chaotisch aus. Wie soll ich das später jemals entziffern können?

Bei diesem Tun spüre ich das gleiche wie gestern. Ich bin so leicht. In meinem Bauch ist es warm, mein Herz klopft beschwingt. Gleichzeitig fühle ich mich stark. Mir kann nichts passieren. Dabei sitze ich in einem Zug, der mich nach Hamburg zu einem Flughafen bringen soll, was doch wohl bedeutet, dass ich die Absicht habe, zu fliegen. Und was stelle ich fest? Anstatt Angst zu haben, bin ich  glücklich.

Die junge Frau neben mir steht auf. “Hamburg ist der Endbahnhof. Der Zug fährt nicht weiter. Wollen sie nicht aussteigen?“

“Eigentlich nicht.”

Sie versteht meine Art von Humor nicht. Stattdessen reicht sie mir meine Reisetasche aus dem Gepäcknetz. So weit ist es schon mit mir gekommen. Junge Frauen helfen mir.

Vom Bahnhof fährt ein Bus zum Flughafen. Die Dame aus dem Reisebüro hat mich mehrmals darauf hingewiesen, dass Reisende nach Israel wegen der besonderen Sicherheitskontrollen zwei Stunden vor dem Start am Flughafen sein müssen. Ich bin mehr als pünktlich. Es ist kurz vor zehn, um zwölf soll die Maschine starten.

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