Annas Angst – Sonnabend (3)

Eine Frau auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges erhebt sich und macht sich auf den Weg zur Toilette. Zumindest vermute ich das. Das hat mich früher schon geärgert: Es gibt in den Flugzeugen zu viele Menschen, die völlig unkontrolliert aufstehen und durch die Gegend laufen. Kann man das nicht verbieten?

Ich bin mir sicher, dass diese Banausen die Sicherheit gefährden. Mir kann doch keiner weismachen, dass ein Flugzeug davon nicht ins Schaukeln gerät. Als die Frau zurückkommt, strafe ich sie mit einem vernichtenden Blick, von dem ich hoffe, dass er sie von weiteren Ausflügen abhält.

Die blonde junge Frau drei Reihen vor mir ist ebenfalls aufgestanden und blickt sich suchend um. Dann kommt sie erfreut auf mich zu. “Ach, Sie sitzen gleich hinter mir. Vielleicht finden wir jemanden, mit dem wir die Plätze tauschen können, dann sitzen wir zusammen.”

Ich bin nicht daran interessiert, neben ihr zu sitzen. Und auch sie sollte nicht herumlaufen. “Ich wollte den Flug zum Arbeiten nutzen. Aber vielen Dank für Ihr Angebot.”

Sie sieht ein wenig enttäuscht aus, als sie geht.

Der junge Mann neben mir hat die Situation neugierig beobachtet. “Sie reisen also doch nicht allein. Eine Bekannte von Ihnen?”

“Eher eine Leidensgenossin. Man hat sie und ihr Gepäck auf dem Flughafen genau so gründlich auseinandergenommen wie meines. So etwas verbindet, wie Sie sich bestimmt vorstellen können.”

Sein Gesichtsausdruck soll wohl Bedauern ausdrücken. “Das tut mir leid. Sie klingen so, als wären Sie noch immer ärgerlich.”

Damit hat er Recht. Vor allem ärgern mich seine Fragen. “Sind Sie nicht auch ein wenig verstimmt, wenn Sie eine Stunde in diesem Flugzeug sitzen müssen, nur weil man zwei arme unschuldige Frauen wie Terroristen behandelt?”

Er schüttelt den Kopf. “Für die Sicherheit meines Landes würde ich auch zwei Stunden hier sitzen. Madame, Sie leben in Deutschland. In einem Land, in dem Sie sich sicher fühlen können. Niemand trachtet Ihnen nach dem Leben. Das gilt leider nicht für die Menschen in Israel. Die Feinde unseres Landes sind überall. Wir können gar nicht vorsichtig genug sein. Und im Übrigen glaube ich nicht, dass man Sie wie Terroristen behandelt hat.”

Damit hat er wohl recht. Trotzdem will ich mich auf keine Diskussion einlassen. Schließlich weiß ich nicht, ob er nicht doch ein Sicherheitsbeamter oder ein Agent ist. Und die sind mir, egal ob sie für die Staatssicherheit, den Bundesnachrichtendienst oder den Mossad arbeiten, nicht besonders sympathisch. Vielleicht hat auch das mit meiner Vergangenheit zu tun, aber ich mag Menschen nicht, die andere bespitzeln.

Sie arbeiten alle mit den gleichen Methoden, egal, ob sie nun die Guten oder die Bösen sind. Sie tragen dieselben unauffälligen Mäntel, legen das gleiche Gebaren an den Tag. Erst machen sie Versprechungen. Wenn man darauf nicht eingeht, drohen sie oder versuchen, an ein nebulöses Pflichtbewusstsein zu appellieren.

Der Mann von der Stasi hatte vorgeschlagen, mich bei meiner Ankunft im Westen mit Geld und Kontakten im Gegenzug für gewisse Informationen zu unterstützen. Für den Fall einer Weigerung würde man mir für lange Zeit die Einreise in die DDR verwehren. Der Mann vom Bundesnachrichtendienst, der ein halbes Jahr nach meiner Ausreise in Waldemars Laden aufgetaucht war und Details über die Menschen, mit denen ich Abitur gemacht hatte, wissen wollte, benahm sich keinen Deut besser. Mit barschen Worten hatte er mich daran erinnert, dass die Bundesrepublik mich freigekauft hatte. Ob ich mich nicht revanchieren wollte. Ein klein wenig Dankbarkeit könnte man von mir wohl erwarten. Da ich mich weder dem einen noch dem anderen gegenüber kooperativ gezeigt hatte, waren sie beide wütend wieder gegangen.

Ich suche in meinem Rucksack nach meinem Block. Für mich ist das Gespräch damit beendet. Vielleicht tu ich meinem Nachbarn unrecht. Vielleicht ist er nur ein neugieriger junger Mann, der sich ein wenig die Zeit vertreiben will. Aber ich habe der blonden Frau gesagt, dass ich arbeiten möchte. Dann könnte ich es auch tun oder zumindest versuchen, den Eindruck zu erwecken.

Ich beginne, mir Stichpunkte zu machen. Jetzt habe ich Zeit, mir weitere Details der Geschichte auszudenken und aufzuschreiben. Gestern habe ich spontan drauflos geschrieben. Heute will ich mir ein Konzept erarbeiten, mit dem ich weitermachen kann. Aus den anfänglichen Stichpunkten werden Sätze. Schnell sind zwei Seiten des kleinen Blocks beschrieben.

Da ist sie wieder, diese Leichtigkeit, das freudige Herz, Adrenalin in den Adern. Es kommt mir vor, als würde irgendwo in meinem Inneren eine Klappe geöffnet, aus der winzige Kügelchen fielen, die zusammen mit meinem Blut durch den Körper reisen und eine Glücksspur legen. Der Mann neben mir ist mir nicht länger suspekt und unsympathisch. Die blonde Frau ist vielleicht ein wenig zu grell geschminkt, trotzdem ein hoffnungsvoller junger Mensch.

Auch wenn ich es im letzten Jahr oft erlebt habe, ist es immer wieder geheimnisvoll, wenn es geschieht. Es gibt nichts anderes in meinem Leben, das dieselbe Wirkung hat. Darüber gelesen habe ich eine Menge. Ich weiß von Musikern, Malern und Schriftstellern, die sich bei ihrer Arbeit in einen anderen Menschen verwandeln. Mit Gartenarbeit kann man Depressionen behandeln und beim Laufen setzt der Körper Endorphine frei. Und nun erlebe ich so etwas am eigenen Leib. Schreiben macht mich glücklich.

Ich werde von der Stewardess unterbrochen, die eine warme Mahlzeit servieren möchte. Ich habe tatsächlich Hunger. Das ist nicht weiter erstaunlich, seit dem Baguette vom Bahnhof habe ich nichts mehr gegessen. Und das ist eine Ewigkeit her, wie mir scheint. Aber ist es wirklich klug, dass die Stewardessen mit ihren Wagen durch das Flugzeug fahren?

Es gibt Teigtaschen, gefüllt mit Spinat und Käse, Humus, gegrillte Auberginen und Fladenbrot. Ich bestelle mir Rotwein dazu.

Für Flugzeugkost ist das Essen ganz passabel. Die gegrillten Auberginen sind lecker. Wenn mir jemand vor einer Woche erzählt hätte, dass ich demnächst in 10 000 Metern Höhe speisen würde, dem hätte ich vermutlich einen Vogel gezeigt. Weil es mir völlig absurd erschienen wäre, freiwillig in ein Flugzeug zu steigen. Wieso habe ich nur solche Angst vor dem Fliegen? Wieso habe ich überhaupt Angst?

In diesem Augenblick, mit meinem Glas Wein in der Hand, den Resten einer Mahlzeit vor mir, ist die Angst Lichtjahre entfernt. Habe ich dieses andere Leben, in dem ich panisch in der Notaufnahme eines Krankenhauses sitze, vielleicht nur geträumt?

“Sind sie Journalistin? Oder Schriftstellerin?”

Der junge Mann hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, mit mir in ein Gespräch zu kommen.

“Nein, ich habe in Berlin einen Buchladen. Ein Antiquariat. Ich verkaufe gebrauchte Bücher.” Diese Antwort scheint ihn nicht zu befriedigen. “Ich habe gehört, wie Sie zu Ihrer Bekannten gesagt haben, dass Sie arbeiten wollen. Und dann haben Sie angefangen zu schreiben. Da dachte ich, Sie wären vielleicht Schriftstellerin oder so etwas ähnliches. Warum sind Sie nicht von Berlin aus geflogen?”

Noch eine einzige Frage, und ich steige aus. Ich kann meinen Verdacht nicht länger für mich behalten. “Wie kommt es, dass Sie mir die gleichen Fragen stellen, wie der Sicherheitsbeamte vorhin am Flughafen? Arbeiten Sie für dieselbe Firma? Wollen Sie feststellen, ob ich mich in Widersprüche verwickle?”

Der junge Mann sieht mich mit großen Augen an. Er ist verblüfft. “Sie haben eine ausgeprägte Phantasie. Oder Sie haben zu viele Kriminalromane gelesen. Ich versuche doch nur, mich ein wenig mit Ihnen zu unterhalten. Aber das ist typisch für euch Deutsche. Ihr sitzt im Restaurant am liebsten allein am Tisch. Sieben Tische, an jedem sitzt eine Person. Frauen fühlen sich von allem möglichen belästigt. Sogar von harmlosen Fragen. Wenn man sie nach der Urzeit fragt zum Beispiel. Das interpretieren sie als Annäherungsversuch.” Er schüttelt den Kopf. “Ich war in Hamburg in einer Diskothek, da ist mir das wirklich passiert. Die Frau war richtig wütend. Und jetzt kommen Sie und glauben, ich wäre auf Sie…” Er sucht nach einem passenden Wort. Das ist das erste Mal, dass er nicht weiß, wie er sich ausdrücken soll. “Angesetzt.” Freudig nickt er. “Auf Sie angesetzt. Genau. So etwas dummes habe ich lange nicht gehört.”

Bei uns sind zwei Stewardessen mit dem Aufräumwagen angelangt. Sie befreien uns von den Resten unseres Essens und fragen, ob wir noch etwas trinken wollen. Ich bitte um einen Kaffee, der junge Mann nimmt ein Bier. Während ich trinke, überlege ich, was ich von dem, was mein Nachbar gesagt hat, halten soll. Eigentlich glaube ich ihm. Er sieht nicht aus wie ein Spion. Ich weiß selbst nicht, wieso ich auf einmal so misstrauisch bin. Gut, ich habe mich über die strenge Kontrolle und die Fragen des Sicherheitsbeamten geärgert. In diesem Augenblick entscheide ich mich, meinem Bauch zu vertrauen. Der sagt: Glaube ihm ruhig. Und dann entschuldige ich mich.

Die restliche Zeit verbringen wir angenehm plaudernd. Ich erzähle ihm ein wenig von Berlin. Er ist noch nie dort gewesen. Ihn interessiert vor allem die Teilung der Stadt und der Mauerbau. Er ist Jahrgang 1972, wurde also fünf Jahre nachdem Israel Ost-Jerusalem erobert hatte geboren. Vor dieser Zeit war auch Jerusalem eine geteilte Stadt.  Der junge Mann könnte mein Sohn sein.

Die Vorstellung, dass ich als junges Mädchen in Ost-Berlin, später dann im Westen der Stadt zu Hause war, fasziniert ihn. Er hat viele Fragen, die ich so ehrlich wie möglich zu beantworten versuche. Im Gegenzug erzählt er mir von seiner Familie und der Arbeit als Fremdenführer, mit der er während des Studiums sein Geld verdient.

Die Eltern seiner Mutter sind deutsche Juden, die aus Breslau stammten, das Konzentrationslager überlebt hatten, und 1948 nach Palästina ausgewandert waren. Daher seine sehr guten Deutschkenntnisse. Die Eltern vom Vater waren Juden aus dem Jemen. Er ist in Tel Aviv aufgewachsen, wo seine Eltern ein Geschäft mit Glaswaren betrieben hatten, bevor sie vor ein paar Jahren nach Hamburg gegangen sind, weil sie sich dort bessere Geschäfte erhoffen.

Zwar kann ich mir nicht recht vorstellen, wie ein Ehepaar in mittleren Jahren von Tel Aviv nach Hamburg kommt, um dort Gläser zu verkaufen, aber wir haben keine Zeit, dieses Thema zu vertiefen. Wir setzen bereits zum Landeanflug an, meine Ohren sind binnen weniger Sekunden dicht. Ich spüre einen dumpfen Schmerz und höre alle Geräusche nur noch wie aus weiter Ferne. Das Flugzeug sackt plötzlich ab, mein Herz fällt in den Magen. Ich fange an zu beten.

Heilige Mutter Gottes, Jesus Christus, wer auch immer mich hören kann, bitte helft mir. Ich bin noch zu jung zum Sterben. Bitte, bitte lasst mich heil herunterkommen. Ich will auch immer….

Mir fällt vor lauter Schreck nichts ein, was ich versprechen könnte.

Ich könnte euch natürlich versprechen, keinen Rotwein mehr zu trinken. Aber das wäre doch dumm. Wieso soll ich auch unbedingt etwas versprechen? Ist das Recht auf Leben nicht im Grundgesetz verankert? Und eines der zehn Gebote lautet, du sollst nicht töten. Ich bitte also um nichts Außergewöhnliches. Lasst mich nur heil wieder herunterkommen. Tut einfach euren Job.

Der junge Mann hat mich anscheinend beobachtet. “Sind Sie sicher, dass Sie kein jüdisches Blut in ihren Adern haben?”

Ich antworte ausweichend. “Wie soll man sich da schon sicher sein. Aber nein, ich glaube, da ist kein jüdisches Blut. Wie kommen sie darauf?”

Er grinst. “Weil Sie mit Gott feilschen und ein Geschäft machen wollen. Das tun die Juden auch. Gehen Sie an die Klagemauer, Sie werden es sehen.”

Mein Gott, ich habe vor lauter Angst laut gesprochen. Das kommt davon, dass ich alleine mit meinem Kater lebe. Da wird man mit der Zeit wunderlich.

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