Die Flasche Wasser und das Telefon nehme ich mit ins Bett. Dann stopfe ich mir die großen, bequemen Kissen in den Rücken und throne. Vor mir liegt das Tagebuch aufgeschlagen an der Seite, auf der ich mir Simons Telefonnummer notiert habe, die mir Gabriel erst vor zwei Tagen gegeben hat. Gabriel. Ich habe den ganzen Tag nicht an ihn gedacht. Wie habe ich ihn nur so schnell vergessen können.
Ich habe ihn nicht vergessen. Mein Körper erinnert mich mit einem angenehmen Schauer, der vom Rücken direkt in meinen Unterleib geht.
Ich schließe die Augen und spüre für einen Moment Gabriels Hände auf meinem Körper. Ich erinnere mich an seine Küsse, die mir völlig ohne jede Penetration einen Orgasmus beschert haben. Und diesen Mann habe ich einfach gehen lassen. Viel schlimmer noch. Ich habe ihn förmlich vertrieben. Weil ich der Meinung bin, ich hätte noch nicht genug um meine Beziehung zu Hans getrauert, und wäre noch nicht so weit, mich auf den nächsten Mann einzulassen. Nicht einmal angerufen habe ich ihn, obwohl ich mir das vorgenommen hatte. Stattdessen habe ich mich dem Schreibrausch hingegeben.
Ich bin dumm. Warum ist man manchmal nur aus der Distanz in der Lage, das eigene Leben halbwegs objektiv zu betrachten?
Schnell wähle ich Gabriels Nummer, die ich neben die von Simons geschrieben habe. Der Anschluss ist besetzt. Ich muss es später noch einmal versuchen.
Mein Herz schlägt bis zum Hals, als wolle es herausspringen. Der Augenblick ist gekommen. Wenn ich Simon jetzt nicht anrufe, werde ich es vielleicht nie tun. Mit zitternden Händen drehe ich noch einmal die Null auf der altmodischen Wählscheibe, um ein Amt zu bekommen.
Eine weibliche Stimme meldet sich. Sie sagt etwas, das ich nicht verstehe. Vor lauter Schreck lege ich gleich wieder auf. Eine Situation, mit der ich nicht gerechnet habe. Beim ersten Klingeln sollte Simon am Telefon sein. Das war wohl dumm. Ohne lange nachzudenken, wähle ich ein zweites Mal. Ich werde Simon Freund verlangen, wenn wieder die Frau am Telefon ist.
Nach dem dritten Klingelzeichen meldet sich eine Männerstimme. “Schalom.” Ist das nun Simon? Oder sein Sohn? Oder bin ich falsch verbunden?
Die Stimme wird ungeduldig. “Schalom?”
Ich fasse mir ein Herz. “Entschuldigen Sie die Störung, aber ich möchte Simon Freund sprechen.” Vielleicht versteht der Mann am anderen Ende kein deutsch. Wenn er nicht Simon ist, muss ich das in Betracht ziehen. “May I speak to Mr. Simon Freund please?”
Ich höre nichts. Keinen Atem, gar nichts. Keinerlei Geräusche. Dann wieder dieselbe ungeduldige Stimme. Sie spricht ausgezeichnet deutsch. “Wer spricht denn da? Sagen Sie doch ihren Namen.”
Ach herjeh! Ich habe mich mal wieder nicht vorgestellt. Ich hole tief Luft. “Mein Name ist Anna Schwarz. Ich bin die Tochter von Margot Weber.”
Ist der Mann am anderen Ende nun Simon? Vielleicht sollte ich noch etwas mehr erzählen.
“Vor kurzem ist meine Mutter gestorben. In ihrem Nachlass fand ich einen Brief, den sie an einen Simon Freund in Jerusalem geschrieben hatte. Und jetzt bin ich zufällig in der Stadt. Ich mache Urlaub hier. Und ich würde Herrn Freund gern kennenlernen. Ihm vielleicht diesen Brief geben.”
Damit habe ich noch nicht erklärt, warum meine Mutter den Brief nicht abgeschickt hat. Oder warum ich es nicht getan habe.
„Ich konnte den Brief nicht abschicken, da ich die Adresse nicht wusste. Sie stand leider nicht in ihrem Adressbuch.”
Wieder bleibt es am anderen Ende still. Allerdings höre ich den Mann diesmal atmen.
“Und wie kommen Sie dann an diese Telefonnummer? Sie steht nicht im Telefonbuch.”
Ich überlege, wie ich ihm das erklären soll. Wieso steht die Nummer nicht im Telefonbuch? Ich muss ihm wohl sagen, dass ich sie von Gabriel habe. Was ich auch immer noch nicht weiß, ob dieser Mann nun Simon ist.
“Und denken Sie sich bloß keine Geschichte aus. Bleiben Sie immer schön bei der Wahrheit.”
Der Mann hat gut reden. Woher weiß er überhaupt, dass ich mir eine Geschichte ausdenken will? Ich erinnere mich an Großmutters Rat. Es ist besser, die Wahrheit zu sagen. Dann muss man sich die Lügen nicht merken.
“Also gut. Meine Mutter schrieb in dem Brief auch von einem Mann namens Rosenbaum. Dieser Mann hatte ihr Simons Adresse gegeben. Die sie aber leider nirgends aufgeschrieben hatte. Jedenfalls habe ich sie nicht finden können. Ich habe aber angenommen, ich könnte die Adresse auf demselben Weg herausfinden wie meine Mutter. Und so habe ich in Berlin einfach alle Rosenbaums angerufen.”
Ich korrigiere mich. “Nicht alle. Ich musste nur fünf anrufen. Dann hatte ich Gabriel schon gefunden. Und der war es, der mir Ihre Telefonnummer gegeben hat. So. Nun wissen Sie die Wahrheit.”
“Oh, dann sind Sie eine Freundin von Gabriel?”
Ich überlege, was dieses Katz- und Maus-Spiel soll. Wahrscheinlich spreche ich gar nicht mit Simon. Ich habe schon viel mehr gesagt, als ich mir vorgenommen habe. Und von ihm weiß ich nicht einmal, ob er der richtige Simon ist.
“Ich bin natürlich nicht Gabriels Freundin. Wie kommen Sie darauf? Sind Sie nun Simon?”
“Ja, und Sie haben sich ganz schön von mir aufs Glatteis führen lassen, junge Frau. Ich stehe natürlich im Telefonbuch.”
Noch jemand, vor dem man sich vorsehen muss. Ich hätte mir vorher eine Strategie zurechtlegen sollen. Stattdessen habe ich frei improvisiert. Das habe ich nun davon. Mir wird heiß. Ich habe es geschafft. Ich rede mit meinem Vater. Vor lauter Rührung fange ich fast an zu weinen. Ich bin froh, dass mich Simon nicht sehen kann.
“Tut mir leid, dass Ihre Mutter tot ist. Ich erinnere mich noch gut an sie. Und an Ihre Großeltern. Das waren wunderbare Menschen. Und so mutig. Leben die eigentlich noch? Wann ist Ihre Mutter gestorben?”
Jetzt kommt es auf die nächsten Minuten an. Und ich habe keine Zeit, mir zu überlegen, was ich ihm sagen soll und was nicht. “Meine Großeltern sind schon vor mehr als zwanzig Jahren gestorben. Und meine Eltern sind im Februar bei einem Autounfall auf Mallorca umgekommen. Ich glaube, Sie kannten auch meinen Vater – Walter Fechner hieß er. Meine Mutter hatte ihn 1953 geheiratet.”
Simon überlegt. Ich würde gern sein Gesicht sehen, um erkennen zu können, ob er über diese Mitteilung traurig ist oder nicht.
“Mein Gott, natürlich – Ihre Großeltern müssten heute ja sonst über hundert Jahre alt sein. Wie dumm von mir. Ja, Sie haben Recht. Ich kannte auch Ihren Vater. Kennen ist zu viel gesagt. Ich habe ihn einmal kurz gesehen, Ihre Mutter sprach davon, dass sie ihn heiraten wollte.”
Wieder macht er eine Pause. Doch bevor ich etwas sagen kann, redet Simon bereits weiter. “Wissen Sie, was mich wundert? Wieso schrieb mir Ihre Mutter nach so vielen Jahren? Das muss einen besonderen Grund gehabt haben. Und damit komme ich gleich zur nächsten Frage. Warum hat sie den Brief nicht abgeschickt? Wenn sie es getan hätte, hätten Sie ihn ja nicht finden können. Wir hatten all die Jahre keinen Kontakt. Das letzte Mal sah ich sie 1952. Dann fuhr ich nach Israel und hörte nie wieder von ihr. Das ist wirklich eigenartig. Und nun machen Sie zufällig Urlaub hier und bringen mir ein Stück Vergangenheit.”
Wieder überlegt er einen Moment. “Vielleicht wollte Ihre Mutter gar nicht, dass ich diesen Brief bekomme.”
Ich kann ihm leider nicht sagen, dass er Recht hat. Da habe ich mir etwas Schönes eingebrockt. Wieso habe ich mir alles so leicht vorgestellt?
“In welchem Hotel wohnen Sie?”
“Im American Colony.”
Ich höre ein Lachen.
“Sie haben einen guten Geschmack. Es ist das beste Hotel in Jerusalem. Man kann sehr gut essen dort. Schweizer Küche. Köstlich. Seit wann sind Sie in der Stadt?”
“Ich bin heute angekommen.” Ich halte es für das Beste, ihn von diesem Punkt abzulenken. “Ich möchte Ihnen natürlich keine Umstände machen. Ich dachte nur, Sie könnten mir vielleicht ein wenig von meiner Mutter erzählen. Wie sie so war als junges Mädchen. Und von meinen Großeltern. Ich weiß so wenig über diese Zeit.”
Ich muss Luft holen. “Eigentlich weiß ich gar nichts. Mir hat niemand etwas erzählt. Und deswegen würde ich Sie gern zum Essen einladen. Hierher ins Hotel. Ich bin noch eine Woche hier. Wenn Sie vielleicht einen Abend Zeit für mich hätten?”
Vor lauter Anspannung höre ich auf zu atmen. Ich weiß nicht, was ich noch tun oder sagen könnte, wenn er mich nicht sehen will. Meine Sorge erweist sich jedoch als unbegründet.
“Ich bin natürlich neugierig. Margots Tochter. Wie war noch mal Ihr Name?”
“Anna. Anna Schwarz.” Ich höre wieder eine Weile gar nichts.
“Das ist wirklich merkwürdig. Ich hatte Ihrer Mutter erzählt, dass ich meine Tochter, wenn ich jemals eine bekommen sollte, Anna nennen wollte. Wegen Freud natürlich. Auch wenn ich nicht seiner Schule angehörte, war er doch einer der größten Wissenschaftler dieses Jahrhundert. Ein Revolutionär für seine Zeit. Ich hatte gedacht, es wäre eine gute Kombination. Nicht Anna Freud, dafür Anna Freund. Wie wäre es mit morgen Abend? Ich bin um 18.00 Uhr bei Ihnen im Hotel. Passt Ihnen das?”
Ich bin glücklich. Meine Mutter hat mich Anna genannt, weil Simon seiner Tochter diesen Namen gegeben hätte. Ob Simon ähnliche Überlegungen anstellt heute Abend?
“Das passt mir gut. Ich werde neben der Rezeption auf Sie warten. In dem Raum, von dem aus man in den Garten kommt.”
Simon zögert ein wenig. “Sehen Sie ihrer Mutter ähnlich?”
“Ich glaube schon. Zumindest gab es immer Menschen, die das behaupteten. Im Gegensatz zu ihr bin ich jedoch dunkelhaarig. Sie werden mich schon erkennen, machen Sie sich keine Sorgen.”
“Darüber mache ich mir keine Sorgen. Auf Wiedersehen. Bis morgen.”
Wenn ich Simon wäre, würde ich sofort Gabriel anrufen und ihn ausquetschen wie eine Zitrone. Also rufe ich Gabriel an. Ich möchte ihn sowieso endlich sprechen. Es ist immer noch besetzt. Oder schon wieder. Ich kann nur beten, dass Gabriel so klug ist und Simon keine Informationen gibt. Das würde mir nicht gefallen. Ich möchte morgen selbst entscheiden, ob ich Simon die Wahrheit sage oder nicht.
In diesem Moment fällt mir ein, dass ich gar keine Wahl habe. Ich habe Simon von dem Brief erzählt. Und er wird mich bestimmt danach fragen. Ich habe mehr ausgeplaudert, als ich beabsichtigt hatte. Jetzt kann ich nicht mehr zurück, selbst wenn ich es wollte.
Von der Straße dringen Geräusche in mein Zimmer, die mich an amerikanische Spielfilme erinnern. Polizeisirenen, wie ich sie in New York erwarten würde, nicht in Jerusalem. Die Sirenen passen nicht in das Bild, das ich mir gemacht habe. Sie sind zu laut, zu schrill. Die Zypressen vor meinem Fenster biegen sich im Wind. Nach einem letzten Versuch, Gabriel in Berlin zu erreichen, gebe ich es auf und falle in einen tiefen und traumlosen Schlaf.