Während Simon liest, beobachte ich ihn. Er zieht die Stirn kraus, so wie ich es auch oft mache. Vielleicht ärgert er sich auch schon wieder. Fast automatisch zündet er sich eine Zigarette an. In seinem Alter sollte er nicht so viel rauchen. Aber das kann auch an der ungewöhnlichen Situation liegen, in der wir uns beide befinden.
Simon wedelt mit dem Brief über den Tisch. Er ist tatsächlich wütend. “Was hat sie sich denn vorgestellt? Sollte ich etwa angeflogen kommen und dir den Hintern versohlen? Und damit etwas schaffen, was ihr und Walter offensichtlich in einundzwanzig Jahren nicht gelungen ist?” Er schlägt mit der Hand auf den Tisch.
“Und was ist aus dem Rockmusiker geworden?”
“Ich habe ihn geheiratet und nach zwei Jahren wieder verlassen. Im Übrigen bin ich gar nicht bei meiner Mutter und Walter aufgewachsen. Also kann den beiden meine Erziehung auch nicht misslungen sein. Sie sind 1961 in den Westen geflohen und haben mich bei meiner Großmutter gelassen. Ich bin erst 1974 in den Westen gekommen. Kurz nachdem Großmutter gestorben war. Einige Monate später hat meine Mutter diesen Brief an dich geschrieben. Und nicht abgeschickt.”
Und damit bin ich mittendrin in meinem Teil der Geschichte. Als wir den Wein ausgetrunken haben, bin ich fertig. Ich habe mich auf die kürzeste Fassung beschränkt. Simon hat mir aufmerksam zugehört, manchmal hat er gelacht und manchmal sah er traurig aus.
Wir bestellen Espresso und eine große Flasche Wasser. Obwohl wir beide schon etwas müde sind, kann ich ihn noch nicht gehen lassen. Zuerst muss Simon mir noch erzählen, woher meine Großeltern seine Eltern kannten. Die ja genau genommen ebenfalls meine Großeltern waren. Es muss wohl etwas länger dauern, denn er hat aus der Innentasche seines Jacketts eine dicke Zigarre geholt.
„Meine Eltern hatten sich in erster Linie als Deutsche gefühlt, dann erst als Juden. Hitler hatten sie nicht ernst genommen. Ein großspuriger Schwätzer, dessen Ruhm schnell verblassen würde. Wer würde auf so einen Schreihals schon hören? Nach Hitlers Machtergreifung hatten sie zu lange gewartet und wie viele andere darauf gehofft, dass diese Ära nicht von langer Dauer sein würde. Als mein Vater endlich Ausreisevisa beantragte, bekam er nur Absagen. Obwohl ich noch ein Junge war, habe ich doch mitbekommen, wie sehr sich die Situation für uns Juden verschlechtert hatte. Ich durfte nicht mehr auf eine normale Schule gehen. Mein Vater, der Frauenarzt war, durfte nur noch jüdische Patientinnen behandeln, und viele der ehemaligen Freunde und Bekannte hatten sich von der Familie zurückgezogen. Manche, weil sie Angst hatten, andere, weil sie scheinbar über Nacht von der Gefahr, die vom jüdischen Volk ausging, überzeugt waren.
In der Reichspogromnacht hat der Mob nicht nur jüdische Geschäfte geplündert, sondern auch Jagd auf Menschen gemacht. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen. Ich selbst bin schon Tage zuvor von drei Hitlerjungen blutig geprügelt worden. Die Stimmung war unheimlich und bedrohlich. Meine Mutter war kurz davor, vor lauter Angst um mich und meinen Vater verrückt zu werden. Sie saß stundenlang apathisch in der Ecke eines Zimmers und starrte vor sich hin. Erst als mein Vater ihr Tabletten gab, wurde es etwas besser.
Dann hörte mein Vater von dem Gerücht, die Briten würden jetzt Kinder ins Land lassen. Meine Mutter ließ ihm keine Ruhe, sie wollte wenigstens mich in Sicherheit bringen. Wenn ich weg wäre, könnte sich Vater weiterhin um Visa kümmern.“
Simon schluckt. Ich habe den Eindruck, dass das, was jetzt kommt, ihm besonders nahe geht.
„Ich habe mich bis zuletzt geweigert, Deutschland ohne meine Eltern zu verlassen. Ich habe damit gedroht, dass ich unterwegs aus dem Zug springe, wenn sie mich wegschicken. Dann kam der Tag, an dem redete mein Vater von Mann zu Mann mit mir. So hatte er sich damals wirklich ausgedrückt. Mein Vater beschwor mich, meiner Mutter zu Liebe nach England zu gehen. Er malte mir in drastischen Farben aus, wie beunruhigt und verängstigt sie wäre, würde ich in Berlin bleiben. Und außerdem würde es bestimmt bald Visa geben. Die Eltern würden Deutschland ebenfalls verlassen können. Wenn trotzdem etwas schief gehen sollte, dann gäbe es eine gewisse Frau Weber. Auf die könne man sich hundertprozentig verlassen. Frau Weber kümmerte sich um Frauen, die in Schwierigkeiten waren. So hatte mein Vater das damals ausgedrückt, ohne mir genau zu erklären, worin diese Schwierigkeiten bestanden.
Er erzählte mir nur, dass Frau Weber weiterhin heimlich als Patientin zu ihm kam, obwohl sie keine Jüdin war. Erst vor kurzem hatte sie ihn mitten in der Nacht zu der kleinen Tochter einer Verwandten gerufen, die Scharlach hatte und plötzlich keine Luft mehr bekam. Sie hatte den Arzt, der das Kind sonst behandelte, nicht erreichen können. Entweder war er nicht in der Wohnung gewesen, oder er hatte ihr mitten in der Nacht nicht geöffnet.
Und obwohl Vater sie daran erinnert hatte, dass er Frauen- und kein Kinderarzt war, hatte Frau Weber nicht lockergelassen. Arzt sei doch wohl Arzt. Und er müsste während des Studiums auch einiges über Kinderkrankheiten gelernt haben. Womit Frau Weber Recht hatte. Er war dann gerade noch rechtzeitig bei dem Kind gewesen, um einen Luftröhrenschnitt zu machen und ihr damit das Leben zu retten. Das kleine Mädchen wäre sonst erstickt. Frau Weber hatte ihm unter Tränen versichert, dass die Familie Freund immer auf sie zählen könne. Sie würde da sein und helfen, daran solle der Doktor sich bitte erinnern, wenn er in Not sei.
Vater hatte mich sehr ernst angesehen. “So etwas sagt man nicht nur so. Das verstehst du doch, oder? Die Frau wird uns helfen, da bin ich mir ganz sicher. Und du musst mir vertrauen.”
Das war das erste Mal, dass ich den Namen deiner Großmutter gehört habe. An ihn habe ich mich in den folgenden Jahren mit einer fast trotzigen Hoffnung geklammert. Frau Weber wird helfen. Auf der letzten Karte, die ich vom Vater bekommen habe, schrieb er, zwar hätte es mit den Visa immer noch nicht geklappt, aber die gute Frau, von der er mir einmal erzählt hatte, hätte sich eingeschaltet, und nun gäbe es Hoffnung. Das war die letzte Nachricht, die ich von meinen Eltern erhalten habe.“
Ich kann sehen, wie schwer es Simon fällt, mir das alles zu erzählen. Manchmal redet er so leise, dass ich Mühe habe, ihn zu verstehen. Ich habe meinen Oberkörper weit über den Tisch gebeugt, eine unbequeme Haltung, wie mir mein Rücken signalisiert. Ich versuche, mich unauffällig zu strecken. Simon spricht jetzt etwas lauter.
„Nach Kriegsende erfuhr ich, dass man meine Eltern, meine ganze Familie, wie Tausende andere auch, im KZ ermordet hatte. Und obwohl ich mit meinen Pflegeeltern in England großes Glück gehabt hatte – ich war bei einem Lehrerehepaar gelandet, das mich wie einen Sohn behandelt und auf eine Schule und später aufs Gymnasium geschickt hatte – wollte ich dort nicht bleiben. Allerdings konnte ich mir auch nicht vorstellen, nach Deutschland zurückzukehren. In das Land, das meine Eltern und die ganze Familie vernichtet hatte. Aus diesem Grund habe ich 1945 beschlossen, nach dem Studium nach Palästina zu gehen.
Als 1948 der Staat Israel ausgerufen wurde, bekräftigte mich das nur in meiner Entscheidung. Israel war das einzige Land, in dem ein Jude meiner Meinung damals leben konnte. Heute, nach so vielen Jahren, wäre es vielleicht anders, aber damals stand mein Entschluss fest. Ich wollte als Arzt in einem Kibbuz arbeiten. Aber wenn man dort auch jemanden brauchen sollte, der sich um die Psyche der Menschen kümmert, dann wollte ich das noch viel lieber tun.
Bevor ich Europa endgültig verließ, fuhr ich doch noch einmal nach Berlin. Offiziell wollte ich mich von meinem Cousin verabschieden und seine Familie kennenlernen. Aber da war auch noch etwas anderes. Ich hatte gemerkt, dass es mir keine Ruhe lassen würde, wenn ich nicht wusste, wie es meinen Eltern ergangen war, nachdem sie mich aus Berlin fortgeschickt hatten. Ich wollte so viel wie möglich über sie herauszubekommen. Hatte man sie gleich in ein Konzentrationslager gebracht, oder hatten sie versucht, sich zu verstecken? Ich wollte alles wissen, vor allen Dingen wollte ich alles über den Schluss wissen. Und deswegen habe ich mich in Berlin auf die Suche nach Frau Weber gemacht.“
Simon macht eine Pause und zündet sich eine Zigarette an.
„Das Haus, in dem meine Eltern mit mir gewohnt hatten, gab es nicht mehr. An der Stelle war ein Bombentrichter. Ich fragte in der Nachbarschaft nach einer Familie Weber. Dann hat es nur ein oder zwei Tage gedauert, und ich saß mit deinen Großeltern und deiner Mutter zusammen am Küchentisch und trank Muckefuck. Es war ein Sonntag. Sogar Walter war da. So fing das damals an.“
Simon lächelt und nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Es sieht aus, als hätte ihn seine Erzählung erschöpft. Auch ich bin erschöpft. Aber ich habe noch nicht auf alle Fragen eine Antwort. Simon wird sie vielleicht wissen.
„Ist es richtig, dass deine Eltern nicht die einzigen waren, die meine Großeltern versteckt hatten?“
Simon nickt und bläst den Rauch nach rechts, damit ich ihn nicht abbekomme.
„Viel mehr weiß ich allerdings auch nicht. Es gab einen Verschlag auf dem Dachboden, den haben deine Großeltern zusammen mit zwei anderen Familien aus dem Haus gebaut. Dort versteckten sie Juden, die sich zum Abtransport melden sollten. Es gab noch ein weiteres Versteck, das war in einem Nachbarhaus, zwei Querstraßen entfernt. Meine Eltern haben vier Monate in diesem Verschlag gelebt. Dann hatte ein Mieter, ein älterer Mann, der nicht zu den Eingeweihten gehörte, deine Großmutter gewarnt. Es würde eine Durchsuchung geben. Niemand wusste, woher er diese Information hatte, oder warum er diese Warnung aussprach. Meine Eltern wurden binnen weniger Stunden in das andere Versteck gebracht, der Verschlag wurde eingerissen. Am selben Abend wurde das Haus vom Keller bis zum Dach durchsucht. Natürlich ohne Erfolg. Als deine Großmutter sich zwei Tage später vorsichtig in dem anderen Haus erkundigte, erfuhr sie, dass man dort am selben Abend das Haus durchsucht und meine Eltern zusammen mit einer Frau und einem alten Mann abtransportiert hatte.
Deine Großmutter hatte mir gegenüber den Verdacht geäußert, dass der Mieter, der sie gewarnt hatte, möglicherweise auch von dem anderen Versteck gewusst und es verraten hatte. Wieso er das getan haben sollte, hatte sie sich selbst nicht erklären können. Es war auch nur eine Vermutung von ihr. Der Mann war später beim Volkssturm und ist gefallen.“
„Was ich gar nicht verstehe, warum haben mir meine Großeltern nie etwas davon erzählt? Man ist doch nicht einfach ein Held und behält das dann für sich.“
Jetzt lächelt Simon, und bei diesem Lächeln sehen seine Augen nicht mehr so traurig aus.
„Vielleicht haben deine Großeltern nur das getan, was sie ihrer Meinung nach tun mussten. Sie wollten daraus nie eine große Sache machen. Ich weiß, heute ist so ein Verhalten unverständlich. Wo alle Welt damit beschäftigt ist, das eigene Leben als etwas Besonderes zu betrachten und die meisten Menschen mit ihrem Denken ständig um ihr kleines Ich kreisen. Deine Großeltern waren bescheidene Menschen. Einfach und sehr sympathisch. Nicht nur, weil sie versucht haben, meinen Eltern zu helfen.“
„Und was waren das für Schwierigkeiten, bei denen meine Großmutter anderen Frauen half? Sie war doch nicht etwa eine Engelmacherin?“
Simon stutzt für einen Moment.
„Oh, du kennst dieses alte Wort sogar. Ich dachte, das wäre längst ausgestorben. Ich glaube nicht, dass deine Großmutter selber Abtreibungen vorgenommen hat. Es war wohl eher so, dass sie Kontakte hatte. Sie kannte ein oder zwei Ärzte, die so etwas heimlich und illegal machten, und mit diesem Wissen hat sie dann der einen oder anderen Nachbarin geholfen. Mein Vater war einer ihrer Kontakte. Deine Großmutter hatte ihn wohl einige Male in eigener Sache bemüht. Die genauen Details, wie oft und wann hat sie mir natürlich nicht erzählt. Ich vermute, es war ihr peinlich, immerhin war ihr zukünftiger Schwiegersohn bei diesem Gespräch dabei. Ich habe auch später nicht danach gefragt.“