Einfach leben (6) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012

In den Einzelgesprächen fließen die Tränen. Ich hadere mit mir, weil die Schmerzen trotz der vielen Übungen und Behandlungen nicht besser werden. Dazu kommt die Ungewissheit, wie es mit dem Job weitergehen soll. Irgendwann muss ich wieder ins Büro. Vielleicht nicht in der nächsten Woche. Vielleicht nicht im nächsten Monat. Aber irgendwann.

Und das ist eine schreckliche Vorstellung. So schrecklich, dass mir bei dem Gedanken daran übel wird und auch Stellen schmerzen, die es sonst nicht tun. Ich habe der Therapeutin von den letzten Monaten erzählt. Von meinem Chef, der sich zu Tode gearbeitet hat. Was man in der Firma natürlich nicht sagen durfte. Es war nicht erwünscht, einen Zusammenhang zwischen seinem Tod und seiner offensichtlichen Arbeitsüberlastung herzustellen. Es wäre sogar grob fahrlässig, so etwas zu konstruieren, das hatte mir ein Mann aus der Geschäftsleitung deutlich zu verstehen gegeben. Ein Kollege hatte von Eigenverantwortung gesprochen, die wir alle für unsere Gesundheit hätten und die uns niemand abnehmen könne. Es ginge darum, rechtzeitig Stopp zu sagen.

Das hatte mein Chef getan. Er hatte gesagt, dass er nicht länger so arbeiten könne, dass er kündigen würde, wenn sich nichts an seinen Arbeitsbedingungen ändere. Leider ist es bei der Drohung geblieben. Wahrscheinlich ging es ihm so wie mir, und er hatte alle möglichen Gründe – echte und eingebildete –, die es ihm unmöglich machten, konsequent zu sein.

Immer läuft es darauf hinaus, dass man etwas, das man gern tun möchte – den Job kündigen, den Partner verlassen, endlich um die Welt reisen –, nicht tun kann. Bei dem einen muss das gerade gekaufte Haus abgezahlt oder ein abhängiger Partner versorgt werden. Bei anderen sind es die Kinder, die doch beide Eltern brauchen. Wenn es um die Arbeit geht, kommt oft noch die Angst dazu, nie wieder eine ähnlich gut bezahlte Stelle zu finden. Eine Angst, die in meinem Fall nicht unbegründet ist, da ich kein entsprechendes Studium habe und mit meinen Aufgaben und den Erwartungen an mich gewachsen bin.

In einem Land, in dem alle so auf Papiere fixiert sind, ist es leider kein Vorteil, wenn man darauf verweisen kann, dass man zwar kein Ökonom ist, aber seit Jahren gut in diesem Bereich gearbeitet hat. Vom Alter will ich gar nicht reden. Menschen über fünfzig sollten sich auf dem Arbeitsmarkt besser unsichtbar machen, weil sie dort nur stören.

Seit unsere Firma von den Österreichern gekauft wurde, war es mit dem Chef bergab gegangen. Morgens um sieben im Büro, Feierabend selten vor acht Uhr abends. Seine Haut war dünner geworden, er war immer häufiger explodiert, das Gesicht rot, die Stimme so laut, dass man ihn in der hintersten Ecke des Großraumbüros hören konnte. Wenn er wieder einmal alles hinwerfen wollte, hatte ich meist gesagt, so könne das doch nicht weitergehen. Dann hatte er mich erbost angesehen.

„Ach ja? Wollen Sie das etwa machen?“

Nein. Das wollte ich nicht, und dafür schäme ich mich. Aber ich war schon erschöpft, wenn ich nur mit ansehen musste, wie er sich abmühte. Wie er Arbeiten erledigte, die eigentlich in eine andere Abteilung gehörten, wie er vieles lieber selbst machte, weil andere das angeblich oder tatsächlich nicht konnten. Man hätte noch jemanden einstellen müssen, aber genau das war illusorisch, man hatte die Belegschaft doch gerade reduziert.

Aber da waren ja die Millionen von Quadratmetern Folie, die wir eines Tages für den schwedischen Kunden produzieren werden. Produzieren könnten. Dürften. Und natürlich brauchen besondere Kunden ihre Ware sofort. Und natürlich nur in allerbester Qualität. Da sind auch die Lieferanten gefordert. Die müssen eher liefern. Besser. Plötzlich ducken sich alle nur noch und werden zu beflissenen Kopfnickern. Aber natürlich machen wir das. Gar keine Frage.

Wir im Berliner Werk haben sowieso nichts mehr zu sagen. Auch dies ist ein Ergebnis der „feindlichen Übernahme“, wie wir den Verkauf unserer Firma an die Österreicher intern nennen. Obwohl sie fünfzig Leute entlassen haben, sollen wir fünfundzwanzig Prozent mehr produzieren. Wie wir das anstellen, ist den neuen Firmeneignern egal. Solche Kleinigkeiten interessieren die Bosse nicht. Bei all ihren Entscheidungen argumentieren sie mit dem Markt.

Der Markt gibt es nicht her, der Markt entwickelt sich gerade völlig anders, als man dachte, er braucht dieses oder jenes. Nie kümmert sich der Markt um Menschen, um diejenigen, die all die schönen, überflüssigen Produkte herstellen, schon gar nicht um die, die mit ihren Kräften am Ende sind. Schwächen sollte man dem Markt besser nicht zeigen. Ihn interessieren Zahlen, weiter nichts.

Dieses Jahr ist entscheidend, das erzählen sie uns seit einigen Monaten. Wenn wir kein besseres Geschäftsergebnis vorweisen können, wird man den Standort Berlin schließen. Oder verkaufen. Dann wird es heißen, der Markt habe diese Lösung erforderlich gemacht. Angeblich sind das nur Gerüchte, abwegig ist es nicht.

Die Zweigstellen in Russland und Polen existieren bereits, es wäre sicherlich möglich, die Produktion an Orte zu verlagern, wo man um einiges billiger produzieren könnte, um den Markt zufriedenzustellen. Natürlich sehen auch alle Mitarbeiter ein, dass es in einer solchen Situation keine Lohnerhöhungen geben kann. Dass wir im Gegenteil mehr arbeiten müssen, ohne den entsprechenden Ausgleich dafür zu bekommen. Die Menschen sind erpressbar, wenn es um ihren Arbeitsplatz geht.

Auch den Lieferanten muss noch einmal das Messer an den Hals gesetzt werden. Spielt sie gegeneinander aus und schüchtert sie ein. Und erzählt ihnen dabei eine Menge vom Markt, der solch skrupelloses Verhalten verlangt. Geht runter mit euren Preisen, oder ihr seid weg vom Markt. Der eine oder andere Lieferant wird dabei leider zugrunde gehen. Aber so sind nun mal die Gesetze. Und ich – ich bin nur noch eine Handlangerin dieses blöden Marktes. Die sich zur Krönung auch noch mit einem schlechten Gewissen plagt. Die sich schämt, weil sie nicht mehr funktioniert.

Den anderen Patienten geht es genauso. Wir haben es vermasselt, haben schlappgemacht. Wir haben unseren Körper nicht im Griff, der macht, was er will, nicht, was er soll. Und wenn es dann nicht mal eine ordentliche Diagnose gibt? Dann hofft man auf die nächste Untersuchung. Und wenn man sich endlich an die neue Situation gewöhnt hat, sind die vierzehn Tage auf dieser netten Station schon vorbei.

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