Einfach leben (9) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012

Während ich noch mit meinen Dämonen und heimlichen Wünschen ringe, bricht plötzlich und unverhofft die reale Welt in meinen Alltag ein. Wenn es bisher immer die anderen waren, deren Eltern krank wurden und gepflegt werden mussten, am Ende gar starben, bin nun auch ich von diesem Umstand betroffen. Der Vater liegt im Krankenhaus.

Seine Schwester, meine Münchner Tante, hatte sich Sorgen gemacht, weil sie ihn an seinem Geburtstag nicht erreichen konnte. Wen hätte Ernie anrufen sollen, wenn nicht mich?

Ich habe ihn nach ein wenig Recherche schließlich im Elisabeth-Krankenhaus gefunden. Abgemagert auf neununddreißig Kilo. Diagnose: Lungenkrebs. Eine Operation ist unmöglich, auch eine Chemotherapie kommt nicht mehr infrage. Sie verlegen ihn jedoch in eine andere Klinik, in eine, die sich auf Lungenkrankheiten spezialisiert hat. Danach ist mein Anfahrtsweg zwar doppelt so lang, aber ich fahre trotzdem täglich nach Buch, verbringe ein paar Stunden mit dem Vater, Stunden, in denen nicht viel passiert. Wir reden, manchmal lesen wir, er die Zeitung, ich in einem Buch. Mittags gehe ich in eine Cafeteria, danach in den riesigen Park. Überall ist es grün, das ist schön.

An den Mann von Welt, der mein Vater einmal für mich war, erinnert nur noch das Halstuch, das farblich zum Pyjama passt. Früher trug er Jeans und Pullover genau so selbstverständlich wie feine Anzüge und Krawatten. In meiner Jugend war er der am besten gekleidete Mann, den ich kannte. Und gleichzeitig der, der am wenigsten da war, den ich aber trotzdem bewunderte.

Vielleicht war die Zuneigung, die ich für ihn empfand und die sowohl meine Mutter als auch meine Großmutter beunruhigte, der Grund dafür, dass die beiden Frauen mir eine Menge Unsinn über ihn erzählten. Dein Vater ist ein Luftikus und Säufer, hatten sie gesagt. Sogar vor dem Wort Mörder waren sie nicht zurückgeschreckt. Dabei hatte man ihn – ein oder zwei Jahre nach meiner Geburt – lediglich wegen Fahrerflucht verurteilt. Er hatte im betrunkenen Zustand einen ebenfalls Betrunkenen angefahren, der ihm ins Auto gelaufen war. Danach hatte er sich aus dem Staub gemacht. Fahrerflucht nennt man so etwas. Sicherlich kein Kavaliersdelikt, aber auch kein Mord.

Später war er dann noch einmal zwei Jahre aus politischen Gründen im Zuchthaus. Angeblich hatte er einen Grenzbeamten zur Republikflucht angestiftet. Ich erinnere mich an eine Diskussion, die mein Vater mit meinem Stiefvater geführt hatte, in der er von einem Keller mit Wasser erzählte, in dem die Gefangenen stehen mussten. Damals war ich noch ein Kind.

Jetzt, wo ich nicht mehr die Jüngste bin, nennt mich mein Vater plötzlich seine Kleine. Es sind immer dieselben Worte, mit denen er sich von mir verabschiedet. „Mach’s gut, meine Kleine.“

Weitere Worte der Versöhnung hat es nicht gegeben. Es war nicht nötig. Obwohl wir uns fünf Jahre nicht gesehen haben, wissen wir alles Wichtige voneinander. Ernie ist das Bindeglied. Sie hält ihn und mich auf dem Laufenden. Er weiß, dass ich einen Partner habe. Bisher hat er es noch nicht gewagt, darüber eine abfällige Bemerkung zu machen. Früher hatte er an den Männern in meinem Leben immer etwas auszusetzen. Keiner war gut genug für mich.

Ich weiß, dass er Gerda, seine zweite Frau, ohne Murren pflegt, seit sie an Demenz erkrankt ist. Sogar ins Elisabeth-Krankenhaus hatte sie ihm die einweisende Ärztin mitgegeben. Früher hat er Gerda das Leben schwer gemacht, hat das Porzellan zerschlagen, wenn er betrunken war. Nun lag sie in einem Bett neben seinem, und obwohl er eigentlich mit sich selbst genug zu tun hatte, kümmerte er sich auch noch um sie. Wenn er das Zimmer verließ, wurde sie panisch.

„Andy! Wohin gehst du?“

Ob sie mich erkannt hat? Im Gegensatz zu früher lächelte sie, wenn sie mich sah.

Sogar kochen soll Vater gelernt haben. Dabei kenne ich ihn als völlig untalentiert in dieser Beziehung. Aber eigentlich kenne ich meinen Vater kaum. Als meine Mutter sich Anfang der sechziger Jahre scheiden ließ, war mein Vater im Zuchthaus oder im Arbeitslager. So genau weiß ich das nicht. Nachdem man ihn entlassen hatte, war er nach West-Berlin übergesiedelt, von wo aus er meine Mutter weiterhin besuchte. Scheidung bedeutete für die beiden nicht, dass es zwischen ihnen tatsächlich zu Ende war.

Am 13. August 1961 versuchte mein Vater, meine Mutter zu überreden, mit mir zusammen zu ihm in den Westen zu kommen. Ich habe vage Erinnerungen an diesen Tag, ohne sie bewusst mit meinem Vater verknüpfen zu können. Damals war ich sechs Jahre alt und zu Besuch bei meiner Mutter in Wilhelmsruh. Ein halbnackter Mann, das muss mein Vater gewesen sein, lief aufgeregt durch die Wohnung, etwas passierte am Bahnhof, den man von der Wohnung aus sehen konnte.

Damals habe ich zum ersten Mal einen Penis gesehen. Ich fand das Gebilde eklig, traute mich aber nicht zu fragen, um welche Krankheit es sich dabei handelt.

Mein Vater kannte alle Schleichwege zwischen Ost- und West-Berlin, nicht umsonst hatte er einige Jahre als Fahrer für die DEFA gearbeitet. Er hätte uns sogar später noch in den Westen holen können. Allerdings brachte es meine Mutter nicht übers Herz, sich gegen meine Großeltern zu stellen. So lautet jedenfalls die offizielle Erklärung für ihr Verbleiben in Ost-Berlin.

Ich dagegen glaube, dass sie nicht wirklich mit meinem Vater zusammen sein wollte. Das Leben, das sie ohne ihn führte, frei und ungebunden – einen Freund hatte sie auch –, gefiel ihr. Aber natürlich kam ihr diese Ausrede sehr entgegen.

Ich versuche mir meinen wortkargen Großvater vorzustellen, der sich sonst nie mehr als hundert Meter von unserer Laube entfernte, wie er langsam, aber zielstrebig auf der staubigen Straße bis zur Endhaltestelle der Straßenbahn läuft, wie er noch zweimal umsteigen muss, bevor er endlich vor meiner Mutter steht. Und dann dieser eine Satz:

„Wenn du uns das Kind wegnimmst, bringe ich mich um.“

Dann musste ihm „das Kind“ eben gelassen werden.

Obwohl ich meinen Vater als kleines Mädchen einige Male gesehen haben soll, kann ich mich nicht an diese Begegnungen erinnern. Bewusst erlebt habe ich ihn an einem trüben Tag irgendwann Mitte der sechziger Jahre. Ich war zu Besuch bei meiner anderen Großmutter, der Mutter meines Vaters. Sie hatte mich in ihr winziges Wohnzimmer gesetzt, das sonst nicht benutzt wurde, und sehr geheimnisvoll getan. Irgendwann war die Tür aufgegangen, und mit der Großmutter zusammen war ein Mann ins Zimmer gekommen, der mir unbekannt war, mir aber als mein Vater vorgestellt wurde. Er war herzlich und freute sich offensichtlich, mich zu sehen. Mir war die Situation unheimlich, und ich wünschte, ich wäre nie hierhergekommen, wo mir ein fremder Mann als Vater serviert wurde.

Noch schlimmer wurde es, als er mich später nach Hause bringen wollte. Dabei wollte er unbedingt den Weg durch die Rieselfelder nehmen, den er früher so oft mit meiner Mutter gegangen war, wenn er sie von Niederschönhausen nach Buchholz gebracht hatte.

Durch die Rieselfelder. Im Dunkeln. Allein bei dem Gedanken geriet ich in Panik. Ich fürchtete, dass mir unterwegs etwas Schlimmes passieren würde. Obwohl mein Vater sich über mein Sträuben geärgert hatte, durfte ich mit Bus und Bahn nach Hause fahren.

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