Mein Traumleben wird intensiver, oder ich erinnere mich wieder besser an Träume. Von mir aus müsste das nicht so sein, da es sich ohne Ausnahme um Albträume handelt. Auch die Nazizeit, die ich selbst gar nicht erlebt habe, spielt wieder eine Rolle. Ich – wenn ich nur wüsste, um welches Ich es sich handelt – verstecke Menschen, die gesucht werden, die man gefoltert und verletzt hat. Auf den Straßen Autojagden mit den typischen Wagen der Dreißigerjahre, wie ich sie aus Filmen kenne.
Als Kind hatte ich ständig solche Träume. Vielleicht bescheren mir die Erzählungen über meine Großeltern diese Bilder. Sie hatten in der Nazizeit Juden versteckt, erfolglos allerdings, am Ende wurden die Menschen ins KZ gebracht. Meine Mutter hatte mir 1998 davon erzählt. Damals waren meine Großeltern schon lange tot, und ich hatte aus einer Eingebung heraus plötzlich und sofort nach Israel reisen müssen.
Meine Mutter dachte, ich wüsste von den alten Geschichten. Aber das war ein Irrtum. Mit mir hatten meine Großeltern über dieses Thema nie gesprochen. Dabei war es keineswegs so, dass in meiner Familie die Nazizeit ein Tabu war. Mein Großvater war ein politischer Mensch, der in den Zwanziger- und Dreißigerjahren als Drucker bei Ullstein gearbeitet hatte. Die Drucker waren eine besondere Spezies.
Obwohl er kein Kommunist war, hatte er im Lustgarten Ernst Thälmann gehört und noch Jahrzehnte später davon gesprochen, dass jeder, der es damals hätte wissen wollen, hätte wissen können. Wer Hitler wählt, wählt den Krieg.
Mein Großvater hatte es ein paar Jahre lang verhindern können, dass ich Pionier wurde. Seine Argumente waren immer dieselben. Die Halstücher der Pioniere, die blauen Hemden der FDJ, das habe er alles schon einmal bei den Pimpfen und beim Jungvolk gesehen. Und natürlich hätte man auch gewusst, was Hitler mit den Juden vorhatte. Warum ließ er sie sonst zusammentreiben, erlaubte, dass ihre Wohnungen geplündert wurden?
Meine Großeltern hatten sich für diese Taten geschämt. Vielleicht haben sie sich auch später noch geschämt und aus diesem Grund nicht über ihr eigenes Engagement gesprochen. Denn am Ende war es ihnen nicht gelungen, den Menschen zu helfen. Ich habe in Israel ihnen zu Ehren einen Baum gepflanzt. Und natürlich habe ich in meinem ersten Buch über sie geschrieben, auch wenn der Text ansonsten reine Fiktion ist.
Die meisten Patienten, mit denen ich mich bisher unterhalten habe, erhoffen sich von dem Aufenthalt, dass sie am Ende wieder fit sind. Die Ärzte und Physiotherapeuten werden es schon machen. Wenn es doch so einfach wäre. Als hätten wir selbst keine Verantwortung. Ich klammere mich an die Idee, dass es mir besser gehen wird, wenn ich meinen Job aufgegeben habe. Allerdings weiß ich nicht, ob es da tatsächlich einen Zusammenhang gibt. Ob nicht doch andere Probleme existieren, mit denen ich mich nicht beschäftigen möchte. Die ich nicht sehen kann oder will.
Mich haben sie in die Schmerzgruppe eingeteilt. Es gibt noch Gruppen für Menschen mit Depressionen, Burnout, Ängsten, auch eine für Trauernde.
Beim ersten Treffen der Schmerzgruppe zeigen sie uns einen Film. Eine zwanzigminütige Dokumentation. Eine Frau erzählt die Geschichte ihrer Schmerzkrankheit. Die Frau ist arbeitsunfähig und bekommt Frührente. Ich sehe alles nur durch einen Schleier, weil ich zwanzig Minuten lang weine. Hören kann ich allerdings ausgezeichnet. Und am Ende habe ich etwas verstanden. Das erste Mal übrigens.
Ich habe eine Schmerzkrankheit. Und da ich sie jetzt habe, ist es eigentlich völlig unwichtig – jedenfalls ist das meine Interpretation –, welche Ursachen diesen Zustand irgendwann einmal ausgelöst haben. Werden Schmerzen nicht rechtzeitig behandelt, verändert sich das Schmerzgedächtnis. Man bewegt sich fortan auf einer Art Spur. Reize werden an das Gehirn gesandt, obwohl vielleicht gar kein Auslöser vorhanden ist. Deswegen helfen auch normale Schmerztabletten meistens wenig oder gar nicht. Die Schmerzen an sich sind die Krankheit.
Und noch etwas wird mir klar. Auch die Fachleute wissen nicht genau, was es mit dieser Krankheit auf sich hat. Eigentlich wissen sie nur, dass es Menschen gibt, die offensichtlich daran erkrankt sind. Die meisten haben eine sehr lange Leidensgeschichte, bevor die Krankheit überhaupt diagnostiziert wird. Man läuft erfolglos von Arzt zu Arzt, probiert alles Mögliche aus, die Schmerzen bleiben. Das kann ich bestätigen.
Haben sie mir das in der Charité auch schon erzählt und ich habe es überhört? Vergessen? Ich weiß nicht, ob ich erleichtert oder verstört sein soll. Denn einerseits ist es schön zu wissen, woran ich eigentlich leide, andererseits behauptet hier keiner, dass diese Krankheit heilbar sei. Wir hören immer nur, dass man sie eindämmen oder für eine Weile vergessen kann.
Wir sollen uns ablenken. Uns einen guten Film ansehen, ins Café setzen und Leute beobachten, mit einer Freundin telefonieren. Nichts Neues also. Das habe ich beim Schreiben schon selbst erfahren.
Ganz wichtig ist natürlich körperliche Ertüchtigung. Schwimmen. Walken. Turnen.
Und? Wird es besser? Nein. Wird es nicht. Daran, dass ich mir keine Mühe gebe, kann es nicht liegen. Denn ich tue wie immer mein Bestes.
Ich telefoniere täglich mit dem Mann und auch mit dem Vater, der sich um seine Frau sorgt. Ihre Tochter hat sie vorübergehend in einem Heim untergebracht, aber das gefällt dem Vater gar nicht. Wenn er aus dem Krankenhaus entlassen wird, will er sie gleich wieder nach Hause holen. Auf meinen Einwand, er müsse sich jetzt um sich selbst kümmern, reagiert er nicht. Tut so, als hätte er nichts gehört.
Zwischen uns liegen ein paar hundert Kilometer. Ich kann das Problem also vorerst nicht lösen. Vielleicht ist der große Abstand dafür zuständig, aber ich habe nicht einmal ein schlechtes Gewissen.
Wenn ich nicht für eine der vielen Gruppen eingeteilt bin – Atmen, progressive Muskelentspannung nach Jakobson, Nordic Walking, Frühsport, Muskelaufbau, Wassergymnastik, Kreativwerkstatt, kognitive Bewegungstherapie, Schmerzgruppe – und keine Krankengymnastik bekomme oder mich in der Einzeltherapie meiner Familie, dem Job oder anderen unerquicklich Themen widme, erkunde ich die Umgebung.
Gleich hinter der Klinik fängt der Wald an, es gibt Wiesen und Felder, durch die ich streifen kann, einen Kurpark mit verschiedenen kleinen Gärten, und an der Fulda, die hier nur ein winziger Fluss ist, steht ein schickes Bootshaus. Direkt am Wasser stehen Liegestühle, hier werde ich bestimmt ab und zu ein Glas Wein trinken. Die Betreiber haben eine Hinweistafel angebracht. Hier werden Sie gechillt.
Immer noch besser als gekillt, denke ich und ziehe an den Ärmeln meines Shirts. Ich schäme mich für meine schlaffen Oberarme. Nicht nur in der Mitte und am Hintern habe ich in den letzten Jahren ein paar Kilo zugelegt, auch die Oberarme sind aufgequollen. Welkes Fleisch.
Mir fällt der angewiderte Gesichtsausdruck von Haralds Lehrer aus Harold and Maude ein, und ich muss lachen.
Als ich jünger war, hätte ich mir nicht vorstellen können, in Kurparks unter Bäumen zu liegen, mich an Wasserfontänen zu erfreuen, an den Sonnentupfern, die durch das Blätterdach auf den Rasen fallen und ständig ihre Form wechseln. Solche Dinge sind mir gar nicht aufgefallen. Und vermutlich hätte ich gesagt, dass Kurparks etwas für Spießer und alte Leute sind. Eine positive Begleiterscheinung des Alters liegt für mich darin, dass ich einen Kurort sehr wohl spießig finden, mich aber trotzdem im Park dort wohlfühlen kann.
Es ist mir auch völlig egal, was die Leute auf den Bänken von mir denken, wenn ich die Schuhe ausziehe und wie ein Kind im Wasser herumhüpfe, mich auf der Wiese an einen Baum lehne. Vermutlich denkt hier sowieso keiner über andere nach, weil alle mit sich beschäftigt sind. Und eine ältere Frau wie ich müsste für ein wenig Beachtung schon Rad schlagen.
Der Mensch ist ein Gruppentier. Er möchte irgendwo dazugehören. So ist es natürlich auch in der Klinik. Die Raucher zu den Rauchern, die Vegetarier unter sich, manchmal finden sich Neuankömmlinge und bilden eine Gruppe.
Ich gehöre nirgendwo dazu.
Ein altes Thema, das ich in der Einzeltherapie bisher noch nicht angesprochen habe. Im Gegensatz zu früher leide ich nicht mehr ganz so sehr darunter. Ich träume nur noch selten davon, dass alle einen Menschen haben, für den sie wichtig sind. Von diesem Gefühl, das Sicherheit vermittelt. Nur ich, ich bin eben niemandem wichtig. Ich muss die Sicherheit in mir selbst finden. Was mir natürlich nicht gelingt. Nicht im Traum, und im Leben auch nur selten.
Aus diesem Grund werde ich am Ende meines Lebens allein sein. Werde den letzten Weg ohne Beistand antreten müssen. Niemand wird da sein, der meine Hand hält. Weil ich alle Menschen mit meinem eigenartigen Wesen vergrault habe.
Dass Männer es mit mir nicht aushalten oder umgekehrt, das weiß ich ja schon. Aber auch meine Freundinnen werden eines Tages flüchten. Wenn sie mein wahres Wesen erkannt haben. Wenn sie wissen, wer ich wirklich bin.