Während meine Freundinnen durch die Welt jetten, finden meine Reisen vor allem im Kopf statt. Ich entwickle täglich neue Ideen, überlege, was ich zukünftig mit meinem Leben anfangen will.
Schreiben will ich. Aber das ist nicht neu, das mache ich bereits. Nur sollte ich auch mit irgendeiner Beschäftigung meine Brötchen verdienen. Nicht mit irgendeiner. Mit einer, die Sinn macht.
Es ist ja nicht so, dass Menschen mit chronischen Schmerzen zu nichts mehr in der Lage sind, nichts mehr zu geben haben. Ich bin eine gute Organisatorin, kann unterschiedliche Menschen für ein Ziel begeistern, wirke ausgleichend auf aggressive Verkäufer. Mir fallen eine Menge Dinge ein, die ich gut kann.
Die wenigsten Ideen halten länger als achtundvierzig Stunden. Ein Zentrum für Menschen mit Schmerzen. Nein, das geht nicht. Dafür braucht man ein Papier. Eine Ausbildung. Dafür bin ich zu alt, für jenes fehlt mir die Erfahrung. Was mir alles einfällt, warum etwas nicht geht!
Mein Geist ist ständig in Aktion. In mir summt und brummt es, sogar im Hintergrund ist so ein eigenartiges Rauschen. Dabei wünsche ich mir nichts sehnlicher als Frieden. Inneren Frieden. Der mir leider nicht geschenkt wird.
So ein Quatsch aber auch. Wie stellst du dir das vor? Die gute Fee läuft herum und wirft einem den Frieden vor die Füße? „Hier hast du ihn. Mach was draus.“
Du musst dich gar nicht über mich lustig machen. Natürlich bekomme ich den Frieden nicht geschenkt. Der Frieden ist da, wenn ich aufhöre zu kämpfen und Widerstand zu leisten. Widerstand gegen den Schmerz. Gegen das komische Gefühl im Magen. Gegen das Wetter. Gegen mein Gewicht. Gegen die Zahnschmerzen rechts oben. Gegen das überzogene Konto. Gegen die Bankenkrise. Gegen das dünner werdende Haar. Gegen mein Nichtwissen, wie es im nächsten Jahr weitergeht.
Ob ich ein Zentrum für Menschen mit chronischen Schmerzen gründe oder einen Verlag. Oder ob ich nicht lieber eine Ausbildung in Kulturmanagement mache. Oder was immer mir in den nächsten Tagen und Wochen noch einfällt. Immer ist da Widerstand gegen das, was ist.
Ich bin der personifizierte Widerstand. Vielleicht ist es kein Wunder, dass mir alles weh tut. Ich wehre mich ständig. Dabei besteht die Lösung wahrscheinlich darin, mich in all meinen Zuständen zu akzeptieren. Alles anzunehmen. Den schmerzenden Körper. Den schmerzenden Zahn. Das Wetter. Meine Unentschlossenheit. Um die Bankenkrise muss ich mich sowieso nicht kümmern.
Oh je. Das ist leichter geschrieben als getan. Ich muss doch wissen. Ich kann doch nicht so vor mich hin leben und darauf warten, dass sich irgendwie findet, wie es weitergeht. Da müsste ich mir ja nie wieder Sorgen machen, wenn es so einfach wäre.
So einfach ist es auf alle Fälle nicht. Ich muss gewappnet sein. Mir die Katastrophen, die möglicherweise eintreten, schon vorher im Geist ausmalen. Was wäre wenn. Wenn ich nichts mehr zu essen habe. Der Strom abgedreht wird. Wenn man mir das Handy sperrt, weil ich die Rechnung nicht pünktlich bezahlt habe. Wenn ich nächstes Jahr immer noch nicht weiß, wie es weitergeht. Wenn dies und das passiert und ich mir vorher keine Gedanken darüber gemacht habe.
Im Kulturradio gab es einen Beitrag über die Ausstellung „german angst“. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich sie mir ansehen müsste. Außerdem verstehe ich das Problem nicht. Was ist denn so ungewöhnlich an dieser Form von Angst?
Vielleicht ist sie eine spezifische Eigenart unseres Volkes. So, wie jeder Mensch andere Ängste und Neurosen hat, so hat auch jedes Land andere. Vielleicht sind die Deutschen die Grübler, die sich Sorgen machen, es könnte ihnen etwas passieren, jemand könnte ihnen ihr Erspartes wegnehmen oder sie fürchten, dass eines Tages alles den Bach runtergeht. Die Börsen. Das Klima. Die eigene Firma. Der Job. Man könnte arbeitslos werden.
Wir diskutieren zehnmal, bevor wir handeln, und alles wollen wir versichern und am liebsten im Voraus ganz genau wissen. Wir machen vor einem Neustart einen Businessplan, das möchte z. B. das Arbeitsamt gern haben. Alles soll geplant werden bis ins Letzte. Und dann gibt es leider Zahlen, die beweisen, es passiert auch tatsächlich all das, was wir befürchten. Nicht jedem, es gibt ja immer Ausnahmen.
Meine neue Physiotherapeutin ist Spezialistin für Menschen mit Schmerzen. Sie hat mir eine schwierige Aufgabe erteilt. „Wissen Sie was? Sie machen bis zum nächsten Termin mal gar nichts. Keine Übungen. Kein Muskelaufbau. Keine Überkreuzgeschichten. Dafür legen Sie sich täglich zweimal für mindestens zehn Minuten auf den Boden und lassen die Unterschenkel auf einem Stuhl ruhen. Und dabei lesen Sie keine Zeitung, hören kein Radio, sehen nicht fern. Geschrieben wird natürlich auch nicht. Entspannungsmusik ist erlaubt. Weiter nichts. Täglich zweimal. Haben Sie verstanden?“
Klar habe ich verstanden. Schwerhörig bin ich ja nicht. Mit dem Inhalt der Botschaft habe ich ein Problem. Was? Ich soll nichts tun? Wo ich doch bisher ein braves Mädchen war, alles so gemacht habe, wie man es mir gesagt hat: Bauen Sie Muskeln auf, machen Sie täglich die Übungen für den Rücken, für das Becken, für die Füße, für die Beine.
Wo ich doch Einzelstunden in Yoga und Pilates genommen und mir ein eigenes Programm zusammengestellt habe, das ich diszipliniert jeden Morgen und manchmal auch noch am Abend abarbeite. Ich habe mich schon gewundert. Habe schon gedacht, ich bin gar keine typische Schmerzpatientin, denen man nachsagt, sie würden nach und nach sämtliche Aktivitäten einstellen, weil ihnen alles weh tut.
Ich war sogar stolz auf mich. Ärgerte mich über die Frage, was sich denn in meinem Leben durch den Schmerz geändert hat. Ich mache alles, was ich auch früher gemacht habe. Sogar mehr. Weil man es mir so aufgetragen hat. Ich turne, gehe, übe, zwar tut mir alles weh, aber ich mache trotzdem weiter. Beiße halt die Zähne zusammen.
Langsam regt sich in mir der Verdacht, dass ich damit niemandem einen Gefallen tue. Mir schon gar nicht. Dass ich lediglich einem alten Muster folge. Zähne zusammen und durch.
Vielleicht komme ich damit nie ans Ziel. Vielleicht muss ich mich tatsächlich entspannen. Muss mich aufs Sofa legen. Den Wolken hinterherschauen. Das Grübeln sein lassen. Einfach nur da sein. Ist es nicht das, was ich mir alle paar Tage erzähle? Um es sofort wieder zu vergessen?
Vielleicht habe ich nicht nur eine Schmerzkrankheit, vielleicht werde ich auch dement. Oder leide an Alzheimer. Es gibt viele Dinge, die ich vergesse. Das Wort „Nudel“ zum Beispiel. Das umschreibe ich dann mit „lang, dünn, italienisch, man kocht es in Salzwasser“.
Mit englischen Worten ist es noch schlimmer. Von Montag bis Freitag bekomme ich eine englische Vokabel an meine Mailadresse geschickt. One-Word-A-Day nennt sich dieser kostenlose Service, den jeder in Anspruch nehmen kann. Auf diese Weise hätte ich in den letzten zwei Jahren eine Menge lernen können, wenn ich denn mein tägliches Wort lernen würde. Meistens habe ich das Wort jedoch mittags schon wieder vergessen, weil ich es mit dem Lernen nicht so ernst nehme oder weil ich vielleicht wirklich unter Alzheimer leide.
Das Wort „pipsqueak“ gefällt mir. Ein kleines Würstchen. Ein Niemand. Von pipsqueak erwarte ich, dass es mir länger in Erinnerung bleibt. Ich sage mir das Wort, wenn ich in der U-Bahn eingequetscht werde. Wenn ich einem Drängler ausweichen muss. Wenn mir einer komisch kommt. „You are a pipsqueak. I am a pipsqueak.“
Puh, du fährst Slalom. Wegen Zahnschmerzen oben rechts habe ich auch ab und zu, das letzte Mal hat es ein Jahr gedauert und jetzt ist es wieder mal gut. Ich gehe nicht zum Zahnarzt, weil ich weiß, dass der Zahn keine Wurzel mehr hat und die Schmerzen wohl irgendwie entzündungsbedingt sind. Aber das mit dem Hinlegen hört sich gar nicht mal so schlecht an.
Die Sache mit den Zähnen hat sich bei mir inzwischen ja erledigt. Seit ich vollprothetisch unterwegs bin. Schluchz. Ein Jahr Zahnschmerzen stelle ich mir äußerst unangenehm vor. Drück Daumen, dass du jetzt noch lange Ruhe hast.
Vielen Dank liebe Nanette