Einfach leben (29) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012

In der Nacht vor meinem Termin bei Frau Luzie träume ich meistens. Als Jungianerin hält Madame eine Menge von Träumen, also tue ich ihr den Gefallen. Heute träumte ich von einer gefährlichen Riesin, die es auf mein Leben abgesehen hat. Sie konnte sich aber auch klein machen, wenn sie wollte.

Da ich das Wohlwollen der Riesin gewinnen wollte, bin ich in die Katakomben gestiegen, in denen sie lebt, wenn sie klein ist. Ich stellte mich ihr vor und schüttelte ihre Hand. Klein sah sie ungefährlich aus, wie eine gemütliche dicke Mami. Im Traum habe ich überlegt, dass ich mich gegen sie nur wehren kann, wenn sie klein ist. Dann muss ich sie vernichten. Ist sie erst wieder groß, könnte sie mich in den Staub treten.

Simple Träume, für deren Deutung ich Frau Luzie eigentlich nicht brauche. Ich habe schließlich selber ein Jahr Gestalt-Ausbildung gemacht. Träume interessieren mich seit Jahren. Früher schrieb ich sie sofort nach dem Aufwachen auf, immer lag eine Karteikarte neben meinem Bett, manchmal notierte ich sie sogar mitten in der Nacht. Die Karteikarten sammelte ich in einem extra Kasten.

Natürlich hatte ich schon einmal die Idee, eine Art Traumtherapie anzubieten. An Ideen mangelte es mir noch nie. Die Realisierung dagegen. Wenn ich eine Idee nicht sofort umsetze, scheint sie mir nach ein paar Tagen oder Wochen längst nicht mehr so interessant.

Nach der Therapiestunde laufe ich zu Starbucks am Ernst-Reuter-Platz, das ist mein neues Stammcafé am Dienstag. Man bekommt dort nicht nur Trost und Entspannung, in diesen Tagen gibt es auch Weihnachtsstimmung. Mit einer Latte aus laktosefreier Milch sitze ich ein wenig verknotet in einem der gemütlichen Sessel, was ich eigentlich nicht tun sollte. Niemand, der Schmerzen hat, sollte in dieser Position sitzen, so etwas sagen einem die Physiotherapeuten.

Ich lese Zeitung oder schreibe auf altmodische Art in ein Heft. Dazu höre ich Dean Martin. „Walking in a winter wonderland.“ Manchmal beschäftige ich mich auch mit dem Manuskript, das ich für einen Drehbuchautor lese, der seinen ersten Roman geschrieben hat und sich ein Feedback wünscht.

Ich werde mich bei unserem späteren Treffen zusammennehmen müssen, damit ich nicht aus der Rolle falle und frage, wer diesen Krimi, in dem alles verwurstet wird, was der Esomarkt zu bieten hat, eigentlich lesen soll. Verdammt noch mal. Der Autor ist Verfasser guter Drehbücher, dabei sollte er meiner Meinung nach auch bleiben. Aber wer bin ich, solch eine Aussage zu machen? Zumal auf dem Gebiet der esoterischen Literatur alles möglich ist.

Drehbücher zu schreiben stelle ich mir interessant vor. Vor ein paar Jahren wollte ich selber einmal eine Ausbildung machen, doch fehlte mir das nötige Geld dafür. Neuntausend Mark sollte das damals kosten. Aber zutrauen würde ich es mir.

Mich faszinieren Geschichten. Ich bin keine, die mit Worten jongliert, weil sie eine neue Sprache für Altbekanntes finden will. Sprache hilft mir lediglich, Geschichten zu transportieren. So wie ich das schon als Kind mit meinen Papierfrauen gemacht habe.

Manchmal mache ich in meinem Café auch gar nichts, sitze nur da und schaue aus dem Fenster, wie neulich die junge Frau neben mir. Die saß da schon seit einer Stunde, manchmal hatte sie die Augen geschlossen, und ich überlegte, ob sie vielleicht eingeschlafen war. So etwas könnte hier passieren. Das Personal kommt leise, räumt den Tisch ab, nickt einem freundlich zu.

Wären da nicht die anderen jungen Leute mit ihren Laptops, ich würde mich wie aus der Zeit gefallen fühlen. Der einzige Haken an diesem netten Café ist das Aufstehen aus den wunderbaren Sesseln. Vielleicht wäre es einfacher ohne vorherige Verknotung. Aber sonst klappt es nur nach mentaler Vorbereitung. Und sieht wahrscheinlich nicht elegant aus.

Ich gehe zu einer Heilerin. Sie ist nicht die erste, sie wird auch nicht die letzte sein. Ab und zu bekomme ich einen Tipp von einer Freundin. Probiere doch mal das, versuche doch noch jenes. Alle tun sich schwer mit meinem Zustand. Man kann doch nicht immer Schmerzen haben. Es muss doch etwas geben, das hilft.

Manchmal lese ich auch selbst von unkonventionellen Heilmethoden. Von Menschen, die besondere Kräfte haben. Dann flackert eine kleine Hoffnung in mir auf. Vielleicht ist da ja tatsächlich etwas. Außerdem habe ich keine Lust, anderen Menschen immer wieder dasselbe zu erzählen.

Ja. Ich habe immer noch Schmerzen, wenn ich ehrlich bin sogar ständig, aber ich kann sie aushalten. Beim Schreiben lassen sie sich sogar für eine Weile ausblenden. Beim Sex ginge es vielleicht auch, das käme auf einen Versuch an.

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, ich würde meine Schmerzen stillschweigend akzeptieren. Wo doch unser Denken und Fühlen darauf ausgerichtet ist, dass wir die unangenehmen Erfahrungen weghaben wollen.

„Aber du kannst doch nicht immer Schmerzen haben! Das geht doch nicht!“

Als wäre es obszön, eine Krankheit einfach zu akzeptieren. Du bist wohl gerne krank. Und schon wird wieder die Nutzen-Kosten-Rechnung aufgestellt. Ich bin in dieser Beziehung leider nicht besser als andere.

Die Heilerin bietet mir leckeren Tee an. Ich erzähle ein wenig von mir. Dass ich seit Jahren unter zunehmenden Schmerzen leide, für die die Schulmedizin keine Erklärung findet. Wenn man die Sache mit der Diagnose „Fibromyalgie“ mal beiseite lässt. Gerade in den letzten Tagen hatte ich das Gefühl, ich würde auf den Knochen gehen.

Auch die Depressionen verschweige ich nicht, die mit dem Gefühl einhergehen, in einem falschen Leben zu stecken. Während ich rede, meditiert sie, versenkt sich in sich selbst, ich weiß nicht, was sie macht. In ihrem veränderten Bewusstseinszustand hat sie eine Vision.

„Sie gehen tatsächlich über Knochen. Ich habe ganze Felder von Knochen gesehen. Ist das nicht eigenartig? Das Bild war ganz klar.“

Sie sagt, manchmal würden wir Krankheiten aus früheren Leben mitbringen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich an frühere Leben glaube. Trotzdem fallen mir meine KZ-Träume ein, die ich träumte, als ich noch nichts von KZs wusste, als ich noch nicht zur Schule ging.

Ich träumte immer die gleiche Situation. Ich war ein kleines Mädchen und befand mich mit weiteren Menschen in einem Keller, irgendwo unter der Erde, in einem Verschlag. Offensichtlich versteckten wir uns. Warum wir dort waren, wusste ich nicht. Ich wusste nur, dass etwas Schlimmes passieren würde, wenn man uns fand.

Dann gab es diese klackernden Schritte auf dem Asphalt, später hörte ich sie in Filmen über die Nazizeit, es war die SS, die über das Pflaster marschierte, und dann hatten sie uns. Am Ende brachte man uns immer an einen Ort, der mit Stacheldraht eingezäunt war.

Mein bester Freund aus Jugendtagen erzählte mir viele Jahre später, auch er hätte bis zu seinem zwölften Lebensjahr regelmäßig solche Träume gehabt. Aber dann hatte er sich unserem Pfarrer anvertraut. Der hatte ihm die Hand auf die Stirn gelegt und gesagt, von nun an würden die Träume aufhören. So war es. Bei mir hörten sie auf, nachdem mein Sohn geboren war.

Vergangene Leben hin oder her, ich werde auf alle Fälle drei Wochen lang die Tropfen nehmen, die mir die Heilerin zusammengemischt hat. Vielleicht werde ich sogar ein zweites Mal kommen. Denn sie hat mir auch gesagt, dass ich schreiben müsse. Und vom Schreiben hatte ich ihr gar nichts erzählt.

Bevor der Mann mit mir ein paar Tage auf den Darß fährt, es ist das erste Mal, dass wir Weihnachten nicht mit der Familie feiern, muss ich zu einem Professor vom medizinischen Dienst, der meine Krankheit begutachten wird. Alle sagen, ich solle mir keine Sorgen machen, das wäre typisch, wenn man sieben oder acht Monate krank ist.

Der Professor ist ein paar Jahre älter als ich. Typ netter Onkel. Koteletten, grauer Bart, wenige graue Haare. Er erzählt mir, dass ich keine Ahnung von Schmerzen habe. Dass es anders wäre, würde ich mir bei Gelegenheit ein Bein oder einen Arm brechen. Dann wüsste ich, was Schmerzen sind. Er ist der Meinung, dass es so etwas wie eine Schmerzkrankheit nicht gibt, und behandelt mich wie eine Simulantin.

„Nun reißen Sie sich mal zusammen.“

Obwohl ich durchaus in der Lage bin, meinen Standpunkt zu vertreten, obwohl ich mich sonst zu wehren weiß, schrumpfe ich vor diesem Mann auf Miniaturgröße und finde keine Worte. Natürlich werde ich wieder arbeiten. Schreiben Sie mich ruhig gesund. Erklären Sie der Welt oder meinetwegen auch nur der Krankenkasse, dass ich eine eingebildete Kranke bin.

Auf dem Heimweg weine ich vor Hilflosigkeit. Die Wahrheit ist ans Licht gekommen. Ich bin gar nicht krank. Ich tue nur so. Bilde mir ein, ich hätte Schmerzen. Davon darf niemand etwas erfahren.

Ich könnte endlich aus dem Fenster springen. Das schiebe ich jetzt schon so lange vor mir her. Dann wäre das Thema ein für alle Mal erledigt. Oder ich könnte mir etwas ausdenken. Könnte Freunden, Kollegen, der Familie, dem Mann erzählen, dass ich ein neues Medikament nehme. Diese Tropfen von der Heilerin zum Beispiel. Die bieten sich geradezu an.

Und nach ein oder zwei Wochen stelle ich dann fest, oh Wunder, dass dieses Mittel wirkt. Ich bin geheilt. Habe keine Schmerzen mehr. Dann muss ich eben noch ein wenig mehr die Zähne zusammenbeißen.

Nette Idee. Wen willst du eigentlich belügen? Und vor allem warum? Nur weil ein alter Mann, der offensichtlich vergessen hat, sich fortzubilden, dir sagt, er kenne keine Schmerzkrankheit, hältst du dich selbst für eine Simulantin? Du bist noch kränker als ich dachte. Krank im Kopf.

Danke, es ist immer wieder großartig, wie aufbauend diese innere Stimme doch sein kann.

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