Einfach leben (32) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008 – 2012

Da ich immer noch Schmerzen habe, darf das Sofa zurück ans Fenster. Hier ist mein Platz, der mir in Zeiten der Not helfen kann, mich zu beruhigen, mich an die Stille und das Glück zu erinnern. Hier lese ich auch die Briefe und Tagebucheintragungen von der Mutter von K., die sie vor vielen Jahren für einen Artikel in der Courage benutzt hatte und die ich jetzt der modernen Technik sei Dank online lesen kann.

Die Texte berühren mich. Ich fühle eine Art Seelenverwandtschaft mit dieser Mutter. So wie ich mich vielleicht allen unentdeckten Künstlern, vor allem den unentdeckten Schreibern, nah fühle.

Im Gegensatz zu ihrer Mutter hat K. ihre Talente gelebt und sich keinen Konventionen gebeugt. Sie ist eine freie Frau, ihre Mutter war es nicht. Aber auch in ihr schlummerte eine Dichterin, eine, die nie das Tageslicht erblickte.

Ich habe sehr viel Mitgefühl für diese Frau, obwohl sie nicht so schreibt, dass man sie bedauern müsste. Eigentlich war sie auch stark. Sie hatte erkannt, was ihr gut tat, was nicht. Leider handelte sie nicht ihren Einsichten entsprechend.

Vielleicht war das ein Problem dieser Generation. Es galt als normal, bei einem Mann zu bleiben, auch wenn man längst nicht mehr wusste, warum. Der Haushalt musste in Schuss gehalten, die Kinder versorgt werden. Und natürlich musste eine Frau die eigenen Träume beiseiteschieben. Nur lassen sich manche Träume nicht beiseiteschieben. Tun wir es trotzdem, müssen wir dafür einen Preis bezahlen.

Meine Träume sind im Augenblick überschaubar. Ich möchte so viele Filme wie möglich auf der Berlinale sehen. Es ist das erste Mal, dass ich ein derart volles Programm habe und schon morgens um neun im Kino sitze.

Ich liebe diese besondere Atmosphäre, man findet sie nicht nur an den verschiedenen Spielstätten, sondern in der ganzen Stadt. Plötzlich kommt man mit fremden Menschen ins Gespräch, redet über Filme, über die Lokalitäten, über das Verhalten beim Filmeschauen.

Für neunzig oder hundert Minuten vergesse ich dabei sogar meine Schmerzen. Plötzlich ist da dieser Kick. Eine Art Adrenalin. Für den es sich lohnt, eine Stunde in der Schlange zu stehen.

Es sind diese Einblicke in fremde Leben, in eine fremde Kultur, diese Kombination von ungewohnten Bildern und Tönen, die manchmal radikal den Blickwinkel ändern und den Menschen in eine andere Ebene katapultieren. Wenn man auf nichts zurückgreifen kann, das einem vertraut ist, passiert es.

Wenn ich keine Filme sehe, informiere ich mich über eine Ausbildung zum Coach. In einem Jahr könnte ich alle Kurse absolvieren, für die man eigentlich zwei braucht. Andere Menschen beraten, das würde mir Spaß machen. Gemeinsam herausfinden, was man eigentlich will im Leben. Wohin die Reise gehen soll.

Da dies meine eigenen Fragen sind und ich mich bei der Beantwortung manchmal schwer tue, halte ich mich für geeignet, anderen zu helfen. In der Reha-Nachsorge-Gruppe wurde meine Begabung bereits entdeckt.

„Du stellst immer die interessanten Fragen.“

Jedenfalls sagte mir das eine Frau nach dem dritten Treffen. Frau Luzie meint, meine Fähigkeit, mich in andere Menschen einzufühlen, im Restaurant zum Beispiel sofort eine Gefühlsstudie aller Anwesenden erstellen zu können, wäre tatsächlich eine ideale Voraussetzung für solch eine Arbeit. Sie glaubt eben immer an mich. Wie gut, dass ich sie habe.

Aber vielleicht lerne ich auch, wie man Drehbücher schreibt. Das interessiert mich mindestens so sehr wie Coaching. Ich lese mich mit roten Ohren durch diverse Bücher zum Thema. Wie entwickle ich einen Plot?

Schreiben Sie täglich eine Stunde. Dann kommt alles andere von allein. Setzen Sie sich auch hin, wenn Sie glauben, es fällt Ihnen nichts ein.

Jedenfalls rät das ein bekannter amerikanischer Drehbuchlehrer, dessen Buch für mich zu einer Art Bibel geworden ist. Was kommt dann von allein? Ein Job als Drehbuchautorin? Immer her damit.

Im Moment bin ich Hausfrau. Partnerin. Das ist meine Rolle. Die mir nicht gefällt, aber das ist der Deal. Der, der zu Hause ist, macht die Hausarbeit. So haben wir das in den letzten sechs Jahren gehalten. Ich kam nach Hause, alles war erledigt. Manchmal habe ich natürlich trotzdem die Wäsche gemacht. Habe für Freunde oder für uns gekocht. Aber die alltäglichen Dinge, die hat der Mann erledigt. Und jetzt bin ich dran. Nur das Bügeln, das bleibt in seiner Verantwortung. Im Gegensatz zu mir kann er es.

Manchmal beneide ich ihn um das Leben, das er führt. Ich höre mir die Konzepte für seine Projekte an, die Schwierigkeiten in der Organisation, ich mache mir selber Gedanken dazu und ich fühle mich empathisch ein.

Was ist ihm wichtig? Ihm ist dieser Jahrestag wichtig. Die Friedliche Revolution. Zwar habe ich keinen Anteil daran, es sei denn, meine frühe Ausreise aus der DDR war ein Tropfen auf dem überlaufenden Fass. Aber selbst wenn ich überhaupt keine Spuren in diesem Teil der Geschichte hinterlassen habe, bin ich froh und genieße die Vorzüge des vereinten Deutschlands.

Im Vergleich zu den großen Themen, mit denen sich der Mann beschäftigt, geht es in meinem kleinen Kosmos vor allem um meinen Körper. Um diesen Körper, der mich immer noch oder immer wieder ärgert.

Man stellt einem Psychosomaten ja immer die Frage nach dem Nutzen der Krankheit. Wovor drücken Sie sich? Was tun Sie nicht mehr, was Sie früher getan haben? Machen Sie keine Hausarbeit mehr? Gibt Ihnen die Krankheit Gelegenheit, Verabredungen zu ignorieren? Familienfeierlichkeiten zu meiden? Treffen mit Freunden? Überhaupt andere Menschen?

Benutzen Sie die Migräne, die Schmerzen, die Krankheit, um sich abzuschotten? Irgendwie müssen Sie doch davon profitieren, sonst wären Sie doch nicht krank!

Tut mir leid. Ich kann keinen Gewinn durch Krankheit erkennen. Ich begleite den Mann zu öffentlichen Auftritten. Fahre weiterhin zu Familienfeierlichkeiten, treffe Freunde. Nirgendwo ein Vorteil. Meinen Job bin ich losgeworden, aber hätte ich das nicht einfacher haben können? Durch eine simple Kündigung?

Wenn man es genau betrachtet, leben wir in zwei verschiedenen Welten. Der Mann nach außen gerichtet, ich nach innen. Und meine Welt teile ich nicht mit ihm. All die negativen Gedanken, die mich manchmal überfallen, von denen erzähle ich ihm nichts.

Aber auch anderes behalte ich für mich. Meine wieder aufflammende Begeisterung für Eckhart Tolle z. B., den ich vor zehn  Jahren entdeckt habe, den ich dann nach einer Weile in der Versenkung verschwinden ließ. Ganz vergessen habe ich ihn allerdings nie.

Das Jetzt ist die einzige Realität, die es gibt. Sagt beziehungsweise schreibt er.

Während mich Sätze wie diese zu eigenem Denken anspornen, ärgern sie den Mann. Vielleicht ärgern sie ihn, weil er eine Aversion gegen spirituelle Lehrer hat. Die ich eigentlich teile. Ich bedaure Menschen, die jahrelang zu Füßen eines Gurus sitzen. Die Sätze wie: „Aber der Meister hat gesagt …“ von sich geben. Dann möchte ich fragen: Und? In deinem kleinen Hirn, denkt da auch jemand?

Aber ist es nicht tatsächlich so, dass ich mir keine Gedanken um Vergangenheit oder Zukunft machen muss, wenn nur das Jetzt existiert? Nur weil ein anderer auf diese Idee gekommen ist, muss sie ja nicht falsch sein. Manchmal muss ich an Einsichten erinnert werden, die ich selber schon einmal hatte, aber wieder vergessen habe.

Der Körper ist immer in der Gegenwart. Natürlich kann ich mich daran erinnern, wie es früher war, ich kann mir auch vorstellen, welche Körperteile zukünftig schmerzen werden. Aber den Körper und das, was in ihm passiert, spüre ich nur in diesem Moment. Also kann ich all das auch nur in diesem Moment akzeptieren, kann mich nur in diesem Moment damit anfreunden. Einfach nur beobachten und sein lassen.

Wenn ich mich an diesen Hinweis, meinen eigenen, erinnere, dann fühle ich mich nicht nur freundschaftlich mit meinen Schmerzen verbunden, manchmal verschwinden sie sogar für kurze Augenblicke. Man könnte sagen, sie lösen sich in Luft auf. Oder in Wohlgefallen.

Warum erzählen sie einem davon nichts in der Reha? Oder in der Reha-Nachsorge? Warum sagt einem keiner, dass man sich still hinsetzen soll und die Ereignisse beobachten? Man muss ja nicht gleich von Meditieren sprechen, das könnte den einen oder anderen abschrecken. Aber beobachten, sein lassen, das klingt doch harmlos.

Natürlich vergesse ich – aller Erinnerungen durch Mister Tolle zum Trotz – meine schönen Erkenntnisse gleich wieder und berichte Frau Luzie von den Schmerzen im Bauch. Die manchmal nach oben, nach außen, dann wieder nach innen, nach hinten rechts oder links drücken. Alles da drinnen fühlt sich wund an.

Sie hat eine Idee. Neu ist sie nicht, ich habe so etwas vor ein paar Jahren schon gemacht, in der Ausbildung zur Gestalttherapeutin nämlich. Man schlägt auf eine Matratze oder ein Telefonbuch, während man von seinen Ängsten spricht.

Ich habe Angst davor, zu sterben. Schwer krank zu sein. An einer geheimnisvollen Krankheit zu sterben, die bisher nur noch nicht entdeckt wurde. Nicht gelebt zu haben, bevor ich sterbe. Ich habe Angst davor, meine Ziele nicht zu erreichen. Nie ein Buch zu veröffentlichen.

Nach der Übung fühlt sich mein Bauch weniger wund an. Jetzt machen wir noch eine Phantasiereise. Dafür lege ich mich auf die Couch, schließe die Augen und steige auf einer Hängeleiter in meinen Körper, hinunter in den Bauch.

Und wen sehe ich da? Ein kleines Mädchen mit Zöpfen, dunklem Rock, Kniestrümpfen, das in einem Verlies sitzt. Zwar gibt es eine Leiter nach oben, man sieht sogar den Himmel durch das Loch in der Decke, aber immer wenn das kleine Mädchen auf diese Leiter steigt, kriegt sie eins mit dem Ruderblatt auf den Kopf.

Das Mädchen sieht mich mit großen Augen an, sie versucht zu ergründen, wer ich bin. Ihre Bewegungen sind mir vertraut. Ich kenne ihren kleinen Körper. Ihr Gesicht. Ich kenne die Zöpfe.

Es ist dasselbe Mädchen, das in einer dunklen Kammer saß, als ich noch Panikattacken hatte. Es ist Jahre her, dass ich sie das letzte Mal besucht habe. Ich möchte wissen, wovon sie träumt. Was sie gern tun würde.

Sie möchte Abenteuer erleben. Nicht unbedingt am Amazonas. Sie hat Angst vor giftigen Spinnen und Schlangen. Aber sie möchte unterwegs sein. Fremde Länder kennenlernen. Fremde Menschen. Andere Sprachen sprechen. Verrückte Sachen machen. Fotografieren. Menschen interviewen. Forscherin sein.

Da habe ich etwas, worüber ich nachdenken kann. Denn eigentlich halte ich mich für keine große Reisende. Im Gegensatz zu einigen meiner engen Freundinnen bin ich schon froh, wenn ich einmal im Jahr ans Meer fahre. Mir genügt die Ostsee.

Aber wenn ich vor mich hin träume, dann komme ich doch aufs Reisen. Vielleicht ist Reisen auch das falsche Wort, ich denke, es geht eher um das Unterwegssein. Was ich dabei alles erleben möchte. Könnte.

Stattdessen schleiche ich mich bei der Kleinen an und spiele die Verständnisvolle. Damit ich sie anschließend in ein noch tieferes Verlies sperren kann. Und sie soll es ja nicht wagen, da hervorzukommen. Ich werde da sein und sie in ihre Grenzen weisen.

Aber das bin doch nicht ich, oder? Ich sperre doch keine Kinder in Verliese.

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