Einfach leben (39) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008 – 2012

Ich könnte über meine Familie schreiben. Ein Buch nur über Ernie. Wenn ich mit ihr telefoniere, fühle ich mich in eine andere Zeit versetzt. Sie lebt mit den Verstorbenen, während ich noch ein Leben habe. Sie hat den Tod meines Vaters noch nicht überwunden, jetzt betrauert sie die Exfrau ihres anderen Bruders.

Ich dagegen leide eingebildet. Unter eingebildeten Schmerzen oder wenn mir Freundinnen die Pistole auf die Brust setzen, wann ich denn endlich das Buch lese, das sie mir doch schon vor vierzehn Tagen gegeben haben.

Manchmal könnte ich meine Freundinnen auf den Mond schießen. Und manchmal liebe ich sie so sehr, da könnte ich vor lauter Rührung weinen. Zum Beispiel wenn mir bewusst wird, dass ich eines Tages vielleicht ohne Mann leben muss, weil er gestorben ist oder bei einer anderen Frau, aber sie, meine Freundinnen, werden noch da sein. Eine angenehme Vorstellung.

Wenn ich schon kein Buch über Ernie, keines über meine Familie schreiben will, könnte ich wenigstens mein Drehbuch überarbeiten. Es gefällt mir noch nicht.

Martina erkennt im Laufe der Geschichte, dass sie ihr Leben ändern muss. Sie ändert es. Kündigt ihren Job, kauft sich einen alten Kleinbus, mit dem sie durch Osteuropa fahren wird, um endlich die Fotos von den alten Frauen zu machen, die sie seit zwanzig Jahren machen will.

Ich habe so viel in diese Figur gegeben, war ein Teil von Martina Krawczyk. Der versöhnliche. Der sich mit der Freundin, die ihr den Mann ausspannen wollte, an einen Tisch setzt.

So vernünftig war ich nie. Ich habe mich mit den Freundinnen, denen ich den Mann oder die mir den Mann ausgespannt haben, nie an einen Tisch gesetzt. Vielleicht war das ein Fehler. Aber früher war das sowieso anders. Da hatten wir auch Dreierbeziehungen und fanden Eifersucht kleinlich.

Aber wie sagte Ernie erst neulich wieder? Man muss nach vorn schauen. Nicht zurück. Und Eckhart Tolle würde sagen, dass es sowieso nur das Jetzt gibt. Schön, wenn alles so klar ist.

 

Und dann ist tatsächlich das Jahr vorbei. Das neue Datum erscheint nicht automatisch auf meinem Laptop. Und die Haltung, die ich einnehme, mit gesenktem Kopf nach unten auf den Monitor schauend, die kann nicht gut sein für meinen Rücken.

Mein öffentliches Tagebuch hat heute vierzehn Leser. Gestern waren es zehn. Wer sind diese Menschen? Ehemalige Klassenkameraden? Kollegen? Ich weiß es nicht.

Gestern habe ich das erste Mal gechattet. Das ist witzig. Man sitzt am PC, liest, was der andere geschrieben hat, überlegt einen Moment, antwortet. Dann liest der andere, Sekunden später ist die Antwort da. Eigentlich könnte man auch telefonieren. Aber da man gerade am PC sitzt, schreibt man eben.

Seit ich mich auf Facebook angemeldet habe, schaue ich nicht nur täglich mehrmals in mein Emailfach, nein, ich schaue auch, ob jemand etwas gepostet hat. Ob jemand etwas an meine Pinnwand, mein schwarzes Brett, geschrieben hat. Die Nachrichten sind nicht lebenswichtig, man könnte sie auch entbehren, aber ich kann mich diesem Sog nicht entziehen, alle paar Stunden einen kleinen Blick zu werfen, ob nicht jemand etwas geschrieben hat.

Die Freundin hat bereits festgestellt, dass ihr durch das Mailen Zeit verloren geht, die sie zum Arbeiten braucht. Ich glaube, man braucht Disziplin, um sich nicht im Netz zu verlieren. Dem Netz eine Bedeutung zu geben, die es nicht hat. Oder das Netz mit dem realen Leben zu verwechseln. Es nicht persönlich zu nehmen, wenn man „nur“ fünf Freunde hat. Hilfe. Warum haben andere denn zweiundfünfzig oder fünfhundert?

Ich könnte großzügig sein. Ich habe sehr gute Freunde im realen Leben. Menschen, die binnen weniger Stunden bei mir wären, wenn eine Notsituation eintreten würde. Sie kämen aus der ganzen Republik, um meine Hand zu halten, wenn es sein müsste. Oder meinen Kopf.

Wegen eines schmerzenden Zahns ist das natürlich nicht nötig, aber wenn etwas Schlimmes passieren würde, wären sie alle da. Beruhigend zu wissen.

Es ist dunkel und trübe. Der große Dauerschnee ist vielleicht noch unterwegs, das absolute Chaos scheint ausgeblieben, aber vielleicht kommt doch noch etwas herunter. Ich schlafe schlecht, vor allem zu wenig. Schmerzen in der Seite. Im Rücken. Täglich kommt die Wärmflasche zum Einsatz. Die aber kaum hilft.

Im Netz las ich einen Artikel über Leute, die bei Facebook ausgestiegen sind. Dann überlege ich, ob es tatsächlich so eine gute Idee war, mich dort anzumelden.

Soziale Netzwerke. Man glaubt, man gehört irgendwo dazu, wenn man täglich etwas postet. Wenn man sich vernetzt. Wenn man etwas an seine Pinnwand schreibt.

Was machst du gerade? Das kann man dann posten, wenn man möchte. Ich möchte das meist nicht. Sollte ich vielleicht posten, dass ich über Eckehart Ruthenberg nachdenke? Mit dem ich vor ein paar Wochen ein langes Interview mit der Kamera geführt habe.

Er nennt sich „Erinnerungsarbeiter“, eigentlich trifft diese Bezeichnung auf mich auch zu. Nur buddle ich nicht auf alten jüdischen Friedhöfen herum, ich buddle eher in den Erinnerungen von Menschen und möchte diese festhalten. Ernie, Eckehart, jetzt die Protagonisten der Friedlichen Revolution.

Der Mann hat mir erzählt, dass Israels ehemaliger Premier ein Bild von Eckehart gekauft hat. Das ist eine gute Nachricht. Eckehart braucht das Geld, er lebt von der Hand in den Mund.

Dabei will er im Sommer ein zweites Mal in die Ukraine fahren, um für den Stadtpark dort eine zweite Holzfigur zu schnitzen. Die große nackte Svetlana, die er dort vor zwei Jahren in einem internationalen Camp für Holzbildhauer erschaffen hat, soll einen Mann bekommen.

Er war stolz, als er mir von dem Anruf des ukrainischen Bürgermeisters erzählte. Bei seiner Svetlana treffen sich neuerdings die frisch verheirateten Paare zur Fotosession.

Eckehart ist ein interessanter Mann. Das haben auch schon das ZDF und 3sat erkannt, die jeweils kleine Filme über ihn gemacht haben.

Ein früher Aussteiger, der in der DDR Industriedesign studiert und dann alles hingeschmissen hatte, weil ihm das Rigide auf den Keks gegangen ist, die Pünktlichkeit und dass er seinen Untergebenen genaue Anweisungen geben sollte.

Danach kamen die Jahre als Freiberufler. Er schnitzte große Figuren für Parks und Spielplätze, aber er fand es schrecklich, dass er nicht nach Italien reisen durfte. Sein Großvater, ebenfalls Künstler, Maler, hatte dort schon die Großen studiert, und ihm, Eckehart, wurde das vorenthalten. Also stellte er einen Ausreiseantrag. Mit dem Ergebnis, dass man ihn für geschäftsunfähig erklärte und alle sechzehn Galerien, die er bisher mit seinen Figuren beliefert hatte, seine Werke zurückschickten.

Trotzdem wollte er etwas Nützliches tun. Eine Idee von vielen – ich musste lächeln, als er davon erzählte – war ein Schilderensemble für den Kollwitzplatz, das die genauen Winkel und Entfernungen zu Orten angeben sollte, die für ihn eine besondere Bedeutung hatten. Hawaii zum Beispiel. Auch das wäre natürlich ein Affront für die DDR gewesen.

Für solch ein Projekt muss man die Erdkrümmung berechnen, wenn man genaue Winkel erstellen will, das ist hohe Mathematik. Eckehart fand einen Mathematikprofessor, der wie er auf seine Ausreise wartete, und der berechnete monatelang alles im Detail. Aus dem Projekt ist leider doch nichts geworden, aber die Berechnungen hat Eckehart noch.

Irgendwann kam er auf die jüdischen Friedhöfe, die er seit dreißig Jahren vor dem Vergessen bewahrt. Seit einiger Zeit fährt er dazu auch nach Polen und arbeitet dort.

Interessant ist, dass ihn die Journalisten immer auf diesen Aspekt seines Lebens festgelegt haben. Eckehart glaubt, dass man ihn als späten Wohltäter sehen will, der Buße für die Biografie seines Vaters tut. Er hatte noch vor dessen Tod herausgefunden, dass der Vater in der SS war und eine Doktorarbeit über Rassenbiologie geschrieben hatte.

Aber das stimmt so nicht. Denn eigentlich ist Eckehart einer, der sich für Poesie interessiert. Und die Juden haben halbe Gedichte auf ihren Grabsteinen stehen, bei deren Entschlüsselung er sich wie ein Forscher fühlt, der die Keilschrift entdeckt hat und nun diese fremden Texte entziffert.

Schade, dass er so wenig Resonanz für seine Arbeit bekommt und seine schönen Pergamente mit den Grabinschriften nicht ausstellen kann.

Das sind die Geschichten, die mich interessieren. Die möchte ich festhalten für die nächste Generation.

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